Ernst Nolte

Dr. phil., em. Professor für Neuere Geschichte

Der Vortrag über "Historische Tabuisierungen in Deutschland" wurde im Dezember 2000 in Berlin gehalten. Der Text ist in dem Sammelband "Der kausale Nexus.Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft. Studien, Artikel und Vorträge 1990 - 2000." von 2002 enthalten und mit einem umfangreichen Anmerkungsteil versehen.

Historische Tabuisierungen in Deutschland
 

   “Tabu” ist ein Begriff, der ursprünglich in die Ethnografie hineingehört: Er bezeichnet - unter verschiedenen Namen wie auch “mana” - dasjenige, was in archaischen Kulturen für alle oder mindestens für die gewöhnlichen Zugehörigen dieser Kultur unzugänglich oder unberührbar ist: in positivem Sinne “das Heilige” und in negativem das Bedrohliche und Schadenstiftende. Häufig dürfen nur die Priester das Heiligtum betreten, und bloß den Zauberern wird zugetraut, dass sie sich dem Drohenden nähern, ohne Schaden zu nehmen. Aber auch in der Gegenwart findet der Begriff Verwendung, und er bedeutet nach wie vor das Unberührbare, dem man  sich, wenn überhaupt, nur zaghaft und unter Inkaufnahme von Gefahren zuwendet.  Doch während in archaischen Gesellschaften ein konkretes Tabu etwas Unvordenkliches ist, kann in der Moderne die Entstehung eines Tabu beobachtet und unter Umständen durch menschliches Handeln inauguriert - oder, wie postmoderne Schriftsteller gern sagen, - erfunden werden. Daher lässt sich hier der Begriff “Tabuisierung” bzw.” Tabuierung” bilden.

   “Historische Tabuisierungen” beziehen sich auf das Gebiet der Geschichtswissenschaft, und auf den ersten Blick dürften alle Historiker folgendes sagen: Es gibt sicherlich eine Reihe von politischen Tabuisierungen, d.h. von selbstverständlichen Grundannahmen, die von den maßgebenden Kräften eines politischen Systems der Infragestellung entzogen und notfalls durch Strafandrohungen beschützt werden. Ein solches Tabu war noch in der  spätesten Zeit des Dritten Reiches der künftige “Endsieg”, an dem zu zweifeln ein todeswürdiges Verbrechen war, und in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands sowie später in der DDR hätte niemand gewagt, die Massenvergewaltigungen des Jahres 1945 oder das Hungersterben in fortexistierenden Konzentrationslagern auch nur zu erwähnen, geschweige denn mit politischer Intention zum Thema zu machen. Trotz der handgreiflichen Verschieden-heit müsste man wohl auch die “freiheitlich-demokratische Grundordnung” der Bundes-republik Deutschland ein solches Tabu nennen, und jedenfalls wurde und wird sie mit großer Energie verteidigt. In der Geschichtswissenschaft aber gibt es keine unberührbaren und durch Strafandrohung geschützten Gebiete, so gewiss Bereiche existieren, denen lange Zeit hin-durch wenig Aufmerksamkeit gilt und intellektuelle Präferenzen auch in der Historiografie wahrnehmbar sind. Historische Tabus und Tabuisierungen jedoch kann und darf es nicht geben.

   Dieses Urteil ist indessen vorschnell. Politik und Geschichtswissenschaft lagen in der Geschichte nicht so weit auseinander, wie hier vorausgesetzt wird, und das wesentliche dürfte sich auch in der Gegenwart nicht geändert haben.

   Als Georg Gottfried Gervinus, der als Politiker in der Revolution von 1848 eine bedeutende Rolle gespielt hatte, aber schon längst vorher und auch als einer der “Göttinger Sieben” in der Wissenschaft eine rühmliche Stellung einnahm, im Jahre 1850 seine umfangreiche “Einleitung zur Geschichte des 19. Jahrhunderts” veröffentlichte, die als ein Muster liberalen und progressistischen Denkens gelten darf, da wurde von der badischen Regierung ein Prozess gegen ihn angestrengt, weil diese Schrift den Tatbestand ”des Hochverrats und der Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung” erfülle. In der Sache handelte es sich um die militante, wenn man will, “streitbare” Verteidigung der Grundordnung der Restaurationszeit, und Gervinus wurde tatsächlich in der ersten Instanz verurteilt. Die höhere Instanz hob das Urteil jedoch auf, und die badische Regierung begnügte sich damit, Gervinus die “Venia legendi” zu entziehen.

   Der durch seine Arbeiten zur ostfriesischen Geschichte und zur Sukzession der Dynastie Hannover in England bekannte, heute so gut wie vergessene Historiker Onno Klopp kritisierte, obwohl zunächst Protestant, die Reformation und dann Friedrich II. von Preußen aufs schärfste, und er ergriff im deutschen Bürgerkrieg von 1866 mit großer Tatkraft die Partei des blinden Königs von Hannover, Georgs V., mit dem er nach dem Triumph Bismarcks das Exil in Wien teilen musste. Wie hätte dieser Vorkämpfer der katholisch-großdeutschen Geschichtsauffassung, für den Preußen das Prinzip des Bösen bedeutete, im preußisch-kleindeutschen Kaiserreich der Sybel und Treitschke eine Stelle finden können? Aber seine Bücher wurden publiziert und auch in Preußen gelesen, wenngleich durchweg scharf bekämpft.

   Von eben dieser kleindeutsch-liberalen Tradition in ihrer hansestädtisch-großbürgerlichen Ausprägung kam  Ludwig Quidde her, der aber wie nicht wenige seinesgleichen an der Figur Wilhelms II. Anstoß nahm und im Jahre 1894 ein Büchlein mit dem Titel “Caligula” publizierte, das innerhalb weniger Monate dreißig Auflagen erreichte, weil zahlreiche Leser in dem römischen Imperator den deutschen Kaiser erkannten und der ätzenden Kritik innerlich zustimmten. Aber Quidde hatte damit ein genuines Tabu verletzt, nämlich die geheiligte Majestät von Gottes Gnaden, und er wurde gleich vor Gericht gezogen. Seine Anwälte erwirkten jedoch einen Freispruch, weil Wilhelm II. in der Schrift nirgendwo namentlich erwähnt worden war, und Quidde schied dann, von nahezu allen Fachkollegen gemieden, aus der Wissenschaft mehr oder weniger aus, um sich ganz “dem Kampf um den Frieden” zu widmen, einer Aktivität, aufgrund deren er 1927 den Friedensnobelpreis erhielt.

   Es ließen sich noch eine ganze Anzahl von Historikern aufzählen, die den vorherrschenden Tendenzen der Geschichtsschreibung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ablehnend oder mindestens kritisch gegenüberstanden und meist Nachteile in ihrer Laufbahn zu erleiden hatten: Eckart Kehr, Johannes Ziekursch, Veit Valentin, Ludwig Bergsträsser, Arthur Rosenberg und sogar Karl Lamprecht, der freilich ein Mitglied des “Alldeutschen Verbandes” war. Aber alle fanden doch Publikationsmöglichkeiten und Fürsprecher, ja Anhänger; und erst die nationalsozialistische Machtergreifung brachte sie zum Schweigen oder trieb sie wie Valentin und Rosenberg in die Emigration.

   Nach der Katastrophe von 1945, die außer den politisch und “rassisch” Verfolgten zunächst von niemandem als “Befreiung” empfunden werden konnte, meldeten sich diejenigen, die hatten schweigen müssen, wieder zu Wort, und ein Teil der Emigranten kehrte zurück - ich nenne nur Friedrich Meinecke und Hans Rothfels. Doch wenn der Staat Preußen von den Alliierten aufgelöst wurde, so verschwand die preußisch-deutsche Geschichtsauffas-sung keineswegs, wie schon an der beherrschenden Figur Gerhard Ritters deutlich wurde, aber in aller Regel übten ihre Vertreter ein beträchtliches Maß an Selbstkritik und insofern an “Vergangenheitsbewältigung”. Daraus hätten neue Fragestellungen hervorgehen können, aber was es davon gab, wurde rasch überdeckt von dem Wiederaufgreifen der alliierten Kriegsschuldthese hinsichtlich des Ersten Weltkrieges durch Fritz Fischer und durch die Radikalisierung seines Ansatzes vonseiten einer jüngeren  Generation von Historikern, die den NS als eine konsequente Folge eines alten und antidemokratischen deutschen Sonder-weges verstanden, welcher mit nur allzu großer Konsequenz seinen  Höhepunkt in der “Endlösung der Judenfrage”, im millionenfachen Massenmord, in “Auschwitz” gefunden habe.

   Von einer überwältigenden Erfahrung ausgehend und von machtvollen Tendenzen in aller Welt unterstützt, hat die Konzeption von der weltgeschichtlichen, aber in der deutschen Geschichte begründeten Einzigartigkeit von Auschwitz - die ursprünglich alles andere als populär war und nicht von einem Vertreter der neuen Sozialgeschichte zuerst entwickelt wurde - einen solchen Vorrang gewonnen, dass sich ein Tabu gebildet hat, das weitaus stärker ist als irgendeins der Tabus, die sich früher im Grenzbereich von Politik und Geschichtswissenschaft gebildet hatten. Sogar eine Frage wie etwa  “Ist Auschwitz ein Problem?” begegnet dem größten Misstrauen und setzt sich dem Verdacht aus, eine “Verharmlosung” zu intendieren, die seit 1994 unter Androhung einer sehr schweren Strafe verboten ist, wenngleich eine Ausnahmeklausel für “wissenschaftliche Forschung” im Strafgesetzbuch nicht fehlt. Aber die Frage nach den “Problemen”, die sich mit einer geschichtlichen Gestalt oder einem historischen Phänomen verbinden, ist die Grundfrage der Geschichtswissenschaft überhaupt, der Geschichtswissenschaft in ihrer weitesten Bedeutung, und der Historiker sieht sich durch das praktische Verbot der Problematisierung vor das größte Problem gestellt, dem er begegnen kann. Allem zuvor ist nämlich festzustellen, dass es sehr gute Gründe für diese Tabuisierung gibt.

   Jeder Mensch, der die Zeit des “Dritten Reiches” mit wachem Bewusstsein erlebt hat, erinnert sich nur allzu gut, welchen Angriffen und Herabsetzungen nicht etwa bloß die eingewanderten “Ostjuden”, sondern auch die jüdischen Staatsbürger einschließlich der ehemaligen und oftmals hochdekorierten Frontkämpfer unterlagen. Niemand, der Augenzeuge war, kann die Erinnerung an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 mit ihren Inbrandsetzungen von Synagogen, Verwüstungen von Geschäften und der Verhaftung von vielen Tausenden jüdischer Mitbürger aus seinem Gedächtnis verdrängen. Aber das Ziel aller dieser Vorgänge war die Emigration, die jeder Einzelne betreiben konnte, und grundsätzlich war die Rechtssicherheit noch nicht in Frage gestellt. Einen qualitativen Umbruch bedeutete nicht so sehr der Kriegsbeginn im September 1939, der bekanntlich für die meisten der deutschen Emigranten in Frankreich und Großbritannien und wenig später für die japanischstämmigen Staatsbürger der USA die Internierung nach sich zog, sondern der Ausbruch des  deutsch-sowjetischen Krieges, dessen - höchst strittige - Kennzeichnung als “Präventivkrieg” zu den kleineren Tabus der deutschen Geschichtsschreibung gehört.

   Am 22. Juni 1941 beginnt “Auschwitz” in der weitestmöglichen Bedeutung, nämlich die systematische Tötung vieler Tausender, ja bald Zehntausender von Juden hinter der östlichen Front durch die so genannten Einsatzgruppen der SS und weitere SS-Verbände sowie in kleinerem Maße auch durch Sicherungsdivisionen der Wehrmacht - zu einem Zeitpunkt mithin, als “Auschwitz” im engeren Sinne, nämlich das Lager zwischen Kattowitz und Krakau noch ebenso wenig existierte wie jenes “Auschwitz” mittlerer Reichweite, das die genuinen Vernichtungslager wie Treblinka und Belzec bildeten.

   Vom 2. Juli 1941 stammt der offizielle Einsatzbefehl Heydrichs für die Einsatzgruppen und -kommandos, der ihnen die Exekution ohne Gerichtsverfahren mehrerer feindlicher Gruppen aufgibt und der so etwas wie eine Erweiterung des so genannten “Kommissarbefehls” der Wehrmacht darstellt. An der ersten Stelle werden die Funktionäre der Komintern genannt, es folgen die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre des Apparats der KPdSU, die “Volkskommissare” und am Ende die “sonstigen radikalen Elemente (Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer usw.) Hier handelt es sich durchweg um politische Funktionen oder Aktivitäten, aber vor den “Volkskommissaren” erscheint eine Gruppe, für die partiell ein  ethnisches oder “rassisches” Merkmal bestimmend ist, nämlich “Juden in Partei- und Staatsstellungen”. Es ist möglich, dass schon vor Kriegsbeginn bei einer Besprechung mit den Kommandanten der Einsatzgruppen in  Pretzsch an der Elbe von Heydrich ähnliche oder noch umfassendere Kategorien aufgezählt wurden; sicher ist, dass innerhalb weniger Wochen von den Einsatzgruppen eine starke Ausweitung vorgenommen wurde, partiell wohl autonom, im Kern aber auf Befehl von Himmler, und dass ab September mehr und mehr sämtliche erreichbaren Juden, soweit sie nicht zur Arbeit für die Wehrmacht unentbehrlich waren, erschossen wurden, und zwar Männer, Frauen und Kinder. Die zunächst noch zahlreichen - schon in sich als Symptome einer “kollektivistischen Schuldzuschreibung fragwürdigen - Hinweise auf  “Vergeltung” für die NKWD-Massenmorde an Ukrainern oder auf die Tötung und Verstümmelung gefangen genommener deutscher Soldaten sind um diese Zeit bereits so gut wie verschwunden. Ich erspare mir, auf die schrecklichen Einzelheiten einzugehen, mit denen jeder Leser des Buches von Daniel Goldhagen zur Genüge vertraut ist. Das entscheidende ist, dass am Kern der Dinge, d.h. an der Tötung von mehreren hunderttausend Juden im rückwärtigen Heeresgebiet kein Zweifel möglich ist: die so genannten “Ereignismeldungen UdSSR” der Einsatzgruppen, die Berichte der SS-Generäle Stahlecker und Katzmann, die zahlreichen Augenzeugenberichte, Briefe und Tagebücher von SS-Männern und einfachen Soldaten, die Geständnisse der Täter in den Nachkriegsprozessen lassen keinerlei Zweifel, dass der Chef der Einsatzgruppe C, Otto Ohlendorf, später in Nürnberg die Wahrheit sagte, als er auf die bohrenden Fragen der Ankläger, wie er, persönlich doch offenbar ein gebildeter, ja sympathischer Mann, eine so schreckliche Tat habe begehen können, der 90000 Menschen zum Opfer gefallen seien, antwortete: “Es war ja Befehl, dass die jüdische Bevölkerung total ausgerottet werden sollte”, und zwar einschließlich der Kinder.

   Ich könnte nun, wie es der ehemalige Bundestagspräsident Jenninger in der Rede vom November 1988 tat, die ihn sein Amt kostete, den “Gräbe-Bericht” über die Massenerschießungen bei Dubno mit seinen blutigen Details wiedergeben, aber ich begnüge mich damit, in starker Verkürzung den Bericht der so genannten Gruppe Arlt aus Minsk anzuführen, der die “Dehumanisierung” besonders deutlich erkennen lässt, welche gegenüber den Juden vorgenommen wurde: “Die Judentransporte trafen in regelmäßigen Abständen in Minsk ein und wurden von uns betreut......... So beschäftigten wir uns wieder mit dem Ausheben von Gruben im Siedlungsgelände....... Etwa 4000 Juden wurden an diesem Tage der Erde übergeben”. So kann man nur schreiben, wenn man Menschen nicht als Menschen, sondern als giftige Insekten betrachtet, die bloß als tote unter der Erde unschädlich sind. Wer sich Vorgänge wie diese vor Augen stellt, der wird es für völlig unglaubwürdig halten, dass im Jahre 1942 die mit größter Brutalität aus den Gettos von Lemberg und Warschau in die Güterzüge nach Belzec und Treblinka  getriebenen Juden von dort aus zu Siedlungszwecken “nach Osten” transportiert wurden. Es ist nach meiner Ansicht unbestreitbar, dass “Auschwitz” schon im Gange war, als nach einem Grundsatzentschluss Hitlers, der höchstwahrscheinlich bald nach der Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 gefasst wurde, eine abermalige qualitative Veränderung erfolgte und mit dem Bau jener Lager begonnen wurde, in denen nun die Juden ganz Europas “betreut” werden sollten, um den Terminus der Gruppe Arlt zu verwenden. Aber was der Oberscharführer Arlt dachte, war lange zuvor von Adolf Hitler in einer umfassenden Perspektive vorgedacht worden, als er im ersten Band von “Mein Kampf” folgendes schrieb “Siegt der Jude mithilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote....... Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.”

   In der Tat, man muss versucht sein, Dan Diner zuzustimmen, der 1987 im Zusammenhang des “Historikerstreits” folgendes schrieb: “Auschwitz ist ein Niemandsland des Verstehens, ein schwarzer Kasten des Erklärens, ein historiographische Deutungsversuche aufsaugendes, ja außerhistorische Bedeutung annehmendes Vakuum. Nur ex negativo, nur durch den ständigen Versuch, die Vergeblichkeit des Verstehens zu verstehen, kann ermessen werden, um welches Ereignis es sich bei diesem Zivilisationsbruch gehandelt haben könnte.”

   Aber indem man sich eingesteht, dass jeder Historiker, ja jeder denkende Mensch durch diese Feuerpforte von “Auschwitz” hindurchgehen muss und dass die Überzeugung sich aufdrängen kann, hier sei “etwas” an sein definitives Ende gelangt - der Faschismus, Deutschland, Europa oder sogar “die Geschichte”-, so darf man es  dennoch nicht unterlassen, die Fragen zu stellen, die den Historiker in sein größtes Dilemma stürzen: Ist es tatsächlich zulässig, angesichts eines “Unverstehbaren” auf die Maxime des Verstehenwollens zu verzichten? Wird in der Konfrontation mit solchen Taten die Frage nach den Motiven der Täter überflüssig, ja verwerflich? Kann es ohne tiefe Beunruhigung hingenommen werden, dass keine Differenz der Ergebnisse und der Erklärungen vorhanden ist, in deren Erörterung doch sonst ein so großer Teil der Wissenschaft besteht? Lässt es sich ohne Widerspruch hinnehmen, dass alle Emphase, je berechtigter oder auch nur verständlicher sie ist, kritische Fragen, ja den  Hinweis auf Widersprüche und sogar das schlichte Abwägen, als moralisch unzulässig, weil "kalt", und als unmenschlich versteht? Darf der Historiker, der Wissenschaftler, der rationale Mensch indessen ohne ein Aufbegehren damit einverstanden sein, dass alles Nachdenken erstirbt und durch eine Haltung des Schauderns ersetzt wird, wie sie einem authentischen Tabu gegenüber tatsächlich angemessen ist? Muss der Historiker auf sich als Wissenschaftler Verzicht leisten, wenn er als Mensch in das richtige, auf unverkennbare Weise religiöse Verhältnis zu dem grundlegenden Tatbestand der Geschichte des 20. Jahrhunderts, ja möglicherweise der Geschichte im ganzen treten will?

   Doch wenn hinsichtlich der Ereignisse jene “Bandbreite” nicht vorhanden ist, die normalerweise die Voraussetzung wissenschaftlicher Kontroversen sein kann, so ist sie vielleicht bei den Interpretationen zu finden, auch wenn die Feststellung sich von selbst versteht, dass keine Interpretation imstande ist, die Massentötung von Wehrlosen und zumal von Frauen und Kindern zu rechtfertigen. Ich wähle zunächst drei Bücher von jüngeren Historikern aus, denen gegenüber jeder Verdacht gegenstandslos ist, es könne ihnen auch nur um “Verharmlosung” gehen.

 Götz Aly kritisiert in seinem 1995 erschienenen Buch ”Die Endlösung” jene zahlreichen Historiker, welche die Endlösung “vom offenkundigen Gesamtzusammenhang isolierten und sich dadurch der Möglichkeit begaben, die Himmlersche Rassen- und Umsiedlungspolitik in ihrer komplexen Gesamtheit und aus ihrer inneren Logik heraus zu analysieren.” Vor allem ist nach seiner Auffassung der Zusammenhang  zwischen der Aussiedlung der  volksdeutschen Minderheiten aus der Sowjetunion und der Vertreibung der Juden in der frühen Phase des Krieges nicht genügend beachtet worden. Ein solcher Zusammenhang sei von Himmler selbst zunächst nicht gesehen worden, weil eine Umsiedlung der Baltendeutschen in das Reich nicht geplant gewesen sei. Aber dann habe einer der Führer der lettischen Deutschen Himmler ausgemalt, “wie lebendig die Angst vor dem Bolschewismus in Riga sei, wie gut sich die Deutschen dort an das Massaker vom 22. Mai 1919 erinnerten.” Damit sei Himmler vor eine Situation gestellt worden, die ebenso unvorhersehbar gewesen sei wie der Abschluss des Stalin-Hitler-Paktes, und in der Folge sei eine Fülle von Improvisationen, ja von chaotischen Zuständen entstanden, wobei es vor allem um die Beschaffung von Wohnraum für die Umgesiedelten ging, welche die Juden in den ehemals polnischen Gebieten zwar besonders stark, aber nicht ausschließlich betroffen habe; Aly behauptet sogar, schon im Herbst 1939 seien gebrechliche Baltendeutsche von SS-Leuten abgeholt und getötet worden. Im Spätherbst 1940 hätten Hunderttausende von Menschen in Umsiedlerlagern festgesessen - Juden,  Polen und Deutsche, die zwar unterschiedlich ernährt wurden, aber in ganz ähnlicher und kümmerlicher Lage waren. In dieser Lage habe die Beseitigung der Juden den einfachsten Ausweg dargestellt, und die ersten Maßnahmen hätten rasch eine spezifische Dynamik gewonnen, die schließlich zur definitiven Endlösung führte. Durch diese Auffassung werde “der Holocaust historisch fassbar” gemacht; er erscheine nicht länger als “rassistische Wahnsinnstat”, sondern als Ereignis, das “der Analyse zugänglich” sei, und zwar mit gewöhnlichen historischen Mitteln. In der Tat erhalten jetzt Zufälligkeiten, Überraschungen, Improvisationen, Ratschläge und Initiativen von untergeordneten Stellen einen Platz, den sie nicht oder nur ganz am Rande haben würden, wenn der “Holocaust” auf eine einsame Entscheidung Hitlers zurückzuführen wäre.

   In dem umfangreichen Buch von Christian Gerlach “Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944” hat ein Begriff zentrale Bedeutung, der bis dahin in der Holocaust-Literatur kaum je erwähnt wurde, nämlich der Begriff der (englischen) Blockade, die Deutschland bekanntlich von der Nahrungsmittelzufuhr weitgehend abschloss und die ja schon bei der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Daher habe es ein Ziel gegeben, das von der gesamten deutschen Führungsschicht geteilt worden sei, nämlich “’Blockadefestigkeit’ zu erreichen, sei es auch mit den mörderischsten Mitteln”. Dieses Ziel sei der Grund für die “kalkulierten Morde” gewesen, je keineswegs allein die jüdische Bevölkerung, sondern in noch stärkerem Maße die sowjetischen  Kriegsgefangenen und auch die ganze Stadtbevölkerung betroffen habe; der “Hungerplan” der deutschen Führung habe sogar den Tod von dreißig Millionen Russen postuliert, und daher erscheine “mit Blick auf Weißrußland eine ausschließlich auf die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung beschränkte Darstellung zu den ns Zielen nicht sinnvoll”. Wie Aly sucht Gerlach also einen rationalen, verstehbaren Grund für die Massentötungen, und er findet ihn in Erwägungen, die er “Ökonomisch” nennt. Damit taucht aber eine Metapher auf, die der Verfasser nicht unterstreicht, die aber trotzdem unumgänglich ist, nämlich das Bild Deutschlands als einer von feindlicher Übermacht und von der Aushungerung bedrohten Festung wie Numantia oder Masada. In keiner Festung dieser Art kommen die Befehlshaber um die Frage herum, welche Teile der Bevölkerung zugrunde gehen müssen, wenn die Besatzung kampfkräftig bleiben und imstande sein soll, die Festung bis zum Entsatz durch verbündete Truppen oder bis zu einem heroischen Ende zu verteidigen. Unzweifelhaft würde es sich um die Alten, die Kranken, die Kinder und natürlich die etwa feindlich eingestellten Bevölkerungsteile handeln. Vielleicht würde es in den Augen des Kommandanten sogar als human gelten, diese Schwachen gleich zu töten, statt sie den Qualen des langsamen Hungertodes und die Besatzung der Gefahr von Seuchen auszusetzen. Die einzige Alternative zu dieser furchtbaren, ja tragischen Situation würde die Kapitulation sein. Beispiele für eine so humanitäre Klugheit sind jedoch in der Geschichte nicht viele zu finden; fast immer wurde der heroische Untergang vorgezogen. So ist der Verfasser zwar von einer  “Rechtfertigung” oder auch nur “Verharmlosung” des großen “Judenmordes” in Weißrußland weit entfernt, den er in zahlreichen, Abscheu und Schrecken  hervorrufenden Details beschreibt, aber “verstehbar” (nicht “verständlich”) wird die Massentötung in hohem Grade.

   Gerade die entgegengesetzte Auffassung vertritt Thomas Sandkühler in seiner Untersuchung “’Endlösung’ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944”. Auch hier wird ein grauenhaftes und zweifellos zutreffendes Gemälde von zahllosen Massenmorden dem Leser vor Augen gestellt, das allerdings nach meiner Auffassung ebenso wie dasjenige Gerlachs nur durch die Fülle der Details über “Nürnberg” hinauskommt; aber da beträchtliche Aufmerksamkeit der Produktion im galizischen Erdölgebiet um Drohobycz gilt, wo Beitz tätig war, tritt die große Wichtigkeit der jüdischen Ingenieure und Facharbeiter stark hervor. Doch auch diese Menschen wurden trotz aller Bemühungen von Beitz und gleich gesinnten Deutschen von der “Endlösung” nicht ausgenommen, und Sandkühler vermag irgendeinen rationalen Grund dafür nicht zu erkennen: “Die Vernichtung der Juden war eine Aufgabe und Herausforderung, die allen Widernissen zum Trotz und gegen alle ökonomische Vernunft durchgeführt wurde..... ein vollständig sinnloses Verbrechen, durchgeführt mit den Mitteln des modernen Verwaltungsstaates” (385, 21 f.)

   Die These von der Verstehbarkeit und - bösen - Rationalität des Holocaust erhält indessen unerwartete Unterstützung von jüdischen Autoren, denen es wie Yurij Suhl, Reuben Ainsztein und neuerdings Arno Lustiger vor allem darum geht, die These zu widerlegen, die Juden hätten sich “wie Schafe zur Schlachtbank” treiben lassen. Sogar im ns Deutschland waren nach Lustiger “ungefähr 2000 junge jüdische Menschen aktiv in der direkten antifaschistischen Untergrundarbeit”, welche im zahlenmäßigen Vergleich “einer Massenbewegung von 600000 bis 700000 aktiven deutschen Antifaschisten” entsprochen hätte - einer Massenbewegung, die es bekanntlich nicht gab. Die linkszionistische Jugendorganisation “Hechaluz” habe dank ihrer straffen Organisation in ganz Europa Hervorragendes bei der Rettung jüdischer Kinder und durch ihre Beteiligung am bewaffneten Kampf geleistet; und ein anderer Historiker des jüdischen Widerstandes beziffert diese Kämpfer sogar mit 120000. Im Warschauer Getto, schreibt Lustiger, hätten sich auch sowjetische Fallschirmspringer befunden und beachtliche Organisationsaktivitäten seien im Gange gewesen, bevor die Massendeportation am 22. Juli 1942  begann. Offenbar nimmt Lustiger auch eine starke Beteiligung von Juden an, wenn er ein Schreiben des Generalgouverneurs Frank an den Reichsminister Lammers vom April 1943 zitiert: “Die Morde an den Deutschen nehmen in furchtbarer Weise zu.” So kann er behaupten, “dass die jüdische Beteiligung an der polnischen Partisanenbewegung als unverhältnismäßig hoher Beitrag herausragt”, eine Beteiligung, zu der auch  “11-bis 14jährige Kinder” und erst recht die Frauen einen Beitrag leisteten. Und dieser jüdische Widerstand begann nach Lustiger nicht etwa erst mit dem Kriegsausbruch: Der jüdische Anteil an den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges war weit überproportional hoch, und im ganzen macht Lustigers Buch deutlich, dass die deutschen Armeen in der Sowjetunion sich in einer “Losowski-Situation” befanden, jener Situation, die der hohe sowjetische Funktionär S.A. Losowski, auch er jüdischer Abkunft, im Jahre 1936 noch voller Zuversicht den “Imperialisten” vor die Augen gehalten hatte: “Ihr wollt Krieg haben, ihr Herren? Probiert es. Und ihr werdet in euren eigenen Werken, Fabriken und Kolonien Krieg haben”. In den deutschen Industriebezirken gab es allerdings nicht einmal Ansätze zu einem solchen Krieg, und wenn Sebastian Haffner sein Kapitel über “Hitlers Erfolge” noch etwas ausgeweitet hätte, würde er auch diesen Umstand erwähnt haben, aber im russischen und polnischen Hinterland spielte sich trotz der großen anfänglichen Sympathien der ukrainischen und der baltischen Bevölkerung dieser Krieg tatsächlich ab, und bekanntlich hat das Oberkommando der sowjetischen Partisanen 1945 die Behauptung aufgestellt, nicht weniger als 500000 deutsche Soldaten seien von Partisanen getötet worden. Die exzessive Reaktion, die Künftiges und noch Unbewiesenes vorwegnahm, war nichts anderes als jenes “Auschwitz in der weitesten Bedeutung”, der präventive Partisanenkampf, welcher nach dem Kriege  von den Franzosen in Algerien und von den Amerikanern auf den Philippinen und in Vietnam mit ähnlichen, wenngleich längst nicht so umfassenden Methoden geführt wurde.

   Im Hinblick auf dieses “Auschwitz” gibt es meines Wissens auch in der so genannten “revisionistischen” oder negationistischen Literatur keine ernsten Zweifel, obwohl hier und da Belzec und Sobibor für “Durchgangslager” erklärt wurden und sogar die Existenz von Treblinka bestritten worden ist. Alle Kritik und aller Zweifel konzentrieren sich auf das “Auschwitz in der engsten Bedeutung”, auf das Lager Auschwitz. Hier liegt also jene Differenz in der Darstellung von Ereignissen vor, eine Differenz, welche in der “etablierten” Literatur aber nicht  ausgetragen wird, weil vielfach sogar besonders prononcierte Zeugenaussagen als “Tabus” betrachtet werden, wenngleich gewiss nicht durchweg.

   Die frappierendste Negation war eine “offizielle”, nämlich die Ersetzung der bis dahin fast allgemein vorherrschenden Zahl der Auschwitz-Opfer von vier Millionen auf 1,1 bis 1,5 Millionen einschließlich der Seuchentoten. Auswirkungen auf die jüdische Gesamtopferzahl von “sechs Millionen” hatte diese Reduzierung allerdings nicht, und das kann nur so erklärt werden, dass die polnisch-kommunistische Lagerleitung der Nachkriegszeit die Zahl so außerordentlich erhöht hatte, um ein Gleichgewicht zwischen jüdischen und polnischen Opfern wahrscheinlich zu machen. Gravierender war die Behauptung, in den “angeblich” zur Menschentötung verwendeten Gaskammern in Auschwitz-Birkenau sei nur wenig von den so gut wie unzerstörbaren Zyanid-Rückständen zu finden, während in den der Entwesung dienenden Gaskammern sogar eine Blaufärbung der Wände zu beobachten sei. Noch frappierender war die von denselben “Negationisten” um Robert Faurisson herrührende These, die Einwurflöcher in den Decken der “angeblichen” Gaskammern zur Menschentötung gebe  es überhaupt nicht. In dem sumpfigen Gelände von Birkenau hätten überdies die vielfach bezeugten Massenverbrennungen in tiefen Gruben nicht stattfinden können. Die noch häufiger bezeugten meterhohen Flammen, die aus den Kaminen der Krematorien emporschossen, seien eine technische Unmöglichkeit, ganz wie die spurenlose Beseitigung von bis zu 24000 Menschen an einem Tage; im übrigen ließen alliierte Luftaufnahmen des Lagers keinen Rauch aus den Kaminen und keine Menschenansammlungen vor den Krematorien erkennen. Aus den ebenfalls erst seit kurzem zugänglichen  “Totenbüchern von Auschwitz” gehe hervor, dass sehr wohl alte Menschen und Kinder im Lager vorhanden gewesen seien, sodass die These von der sofortigen und nicht registrierten Vernichtung aller Schwachen, Kranken und Alten nicht stimmen könne. Die “dantesken” Erzählungen von den massenhaft ins offene Feuer geworfenen Kindern oder den aus Sadismus herrührenden Begrabungen von lebenden Häftlingen ständen in einem schroffen Gegensatz zu den gültigen Vorschriften, die selbst für Prügelstrafen die Genehmigung aus Berlin und im Falle von Frauen sogar von Himmler persönlich vorsahen. Vor allem aber werde in nahezu sämtlichen Häftlingsberichten der große Anteil der “Capos” übergangen, um alle Grausamkeit den relativ wenigen im Lager tätigen SS-Leuten zuschieben zu können - aus der Empörung darüber, dass die hochprivilegierten Männer der ( meist kommunistischen ) Lagerleitungen sich nach dem Kriege nicht selten zu Sprechern der von ihnen gequälten “gewöhnlichen” Häftlinge machten, ist die Arbeit des ersten Revisionisten, des französischen Häftlings und späteren Abgeordneten der Nationalversammlung Paul Rassinier, hervorgegangen.

Auf alle diese Behauptungen und Fragen gibt es Antworten, die aber kaum je in direkter Auseinandersetzung mit der “revisionistischen” Literatur artikuliert werden, und ich würde sie anführen, wenn mir mehr Zeit zur Verfügung stände. Ich begnüge mich mit der Formulierung eines Postulats: alle großen, viele Menschen hautnah berührenden Ereignisse erzeugen um sich einen Kranz von Gerüchten, ja oft genug von Mythen. Nicht ohne weiteres die Zeugenaussagen und die zugrunde liegende Realität zu identifizieren, gehört auch im Hinblick auf das Lager Auschwitz zu den unverzichtbaren Aufgaben der Wissenschaft; der Fall Wilkomirski hat ja noch jüngst gezeigt, wie leicht sich Zeugenaussagen “erfinden” lassen. Ich denke, dass es an der Zeit ist, mit der “Tabuisierung” des Lagers Auschwitz ein Ende zu machen und volle Wissenschaftsfreiheit nicht zu unterbinden. Aber selbst wenn - was in meinen Augen unmöglich ist - die allbekannten Hauptmerkmale des Lagers Auschwitz: Die Opferzahlen, die spurenlose Vernichtung von mehr als 20000 Menschen am Tag, die Gaskammern zur Menschentötung sich als Mythen erwiesen, würde jenes andere und größere “Auschwitz” der intendierten Ausrottung aller Juden bestehen bleiben, und sogar im Vergleich zu “Katyn” würde weiterhin von “Singularität” die Rede sein dürfen, denn die Tötung der 15000 polnischen kriegsgefangenen Offiziere war ein durch und durch politisches  Verbrechen und nicht eine biologische, ja überbiologische Untat.

   Lässt sich eine umfassendere, angemessenere Sichtweise von “Auschwitz” entwickeln? Ich habe in meinem Buch über den “Europäischen Bürgerkrieg” versucht, eben das zu tun, und ich zitiere zum Schluss zunächst einige in meinen Augen überaus erhellende Sätze aus einer Ereignismeldung der Einsatzgruppe C vom September 1941. Dort heißt es: “Selbst dann, wenn eine sofortige hundertprozentige Ausschaltung des Judentums möglich wäre, wird dadurch noch nicht der politische Gefahrenherd beseitigt. Die bolschewistische Arbeit stützt sich auf Juden, Russen, Georgier, Armenier, Polen, Letten, Ukrainer; der bolschewistische Apparat ist in keiner Weise mit der jüdischen Bevölkerung identisch. Bei dieser Sachlage würde das Ziel einer politisch-polizeilichen Sicherung verfehlt werden, würde man die Hauptaufgabe der Vernichtung des kommunistischen Apparates zugunsten der arbeitsmäßig leichteren Aufgabe, die Juden auszuschalten, in die zweite oder dritte Reihe stellen.”

   Hier wird also die Judenvernichtung als eine von der Hauptaufgabe ablenkende Nebenaufgabe verstanden, denn die Hauptaufgabe ist der Kampf gegen “den Bolschewismus”, der zahllose nichtjüdische Anhänger hat und kein nationales, sondern ein internationales Phänomen ist. Die Juden sind gewiss wichtige Mitwirkende, aber keineswegs die Urheber.

   Was der SS-Offizier hier “Arbeitserleichterung” nennt, das muss man im Blick auf Adolf Hitler “Denkerleichterung” nennen. Selbst wenn man nur “Mein Kampf” liest, sieht man gleich, dass Hitler zahlreiche, in seinen Augen negative Phänomene aufzählt, wie etwa die Anonymisierung der Wirtschaft oder die Zusammenhanglosigkeit der modernen Kultur, die in einen weltgeschichtlichen Komplex hineingehören, den zu erzeugen auch die begabteste Menschengruppe nicht fähig ist. Aber in seinem Drang, einen fassbaren Erreger und Feind wahrzunehmen, macht Hitler “den Juden” zum “Drahtzieher der Geschicke der Menschheit” und lässt die Juden damit entweder als “Teufel” oder als “Übermenschen” erscheinen. Ganz in der Spur Hitlers bewegt sich unter radikaler Umkehrung der Wertung die heute übliche Entgegensetzung von “Tätervolk” und “Opfervolk”, welche ebenfalls die eigentliche Initiativ-kraft, die revolutionäre und übernationale Partei, schlicht fortlässt.

   Um zu versuchen, die mythologisierenden Konkretisierungen, welche zur Tabuisierung herausfordern, auf Menschenmaß zu reduzieren, will ich in großer Kürze sagen, worüber ich mich wundere:

   Ich wundere mich über alle Menschen, die den Bolschewismus nicht ernst nehmen, welcher mit der Errichtung eines ideokratischen, Welterlösung verheißenden, sich auf den uralten “Menschheitsgedanken” eines nachgeschichtlichen Zustandes der Harmonie stützenden Regimes in dem räumlich größten und an Ressourcen reichsten Staat der Erde nach meiner Auffassung das grundlegende politische Ereignis des 20. Jahrhunderts war. Aber dieses Ereignis hatte zwei unterschiedliche Aspekte: den enthusiasmierenden, der den englischen Sozialisten Tom Mann 1920 sagen ließ, Sowjetrussland sei einer Riesenglocke gleich, die der ganzen Welt das Heil  verkünde, und den Entsetzen erregenden, der wenige Jahre später dem Volkssozialisten Melgunow die Feder in die Hand gab, um Vernichtungsvorgänge zu beschreiben, die auch von den Ereignismeldungen der Einsatzgruppen an Schrecklichkeit nicht oder allenfalls quantitativ übertroffen werden. Rudolf Höss schrieb, nach dem Willen  des RFSS sei das Lager, dessen Kommandant er war, die “größte Menschenvernichtungs-anlage aller Zeiten” geworden, aber in einem noch weiter zurückreichenden Rückblick sprach ein hochachtbarer “jüdischer Bolschewist”, der die Schreckenstaten seiner Jugendzeiten nicht verleugnete, nämlich Lew Kopelew, von dem sowjetischen Lagersystem, dem “Gulag”, als von “dieser riesenhaften, vielgliedrigen und vielstöckigen, unersättlich gefräßigen Menschen-vertilgungsmaschine”. Die politisch denkenden und handelnden Menschen des 20. Jahr-hunderts mussten sich fast mit Notwendigkeit für einen der beiden Aspekte entscheiden; der Historiker  dieser Epoche muss versuchen, sie zusammenzusehen und zusammenzudenken.

   Ich wundere mich über die Juden, die überall nur bestrebt zu sein scheinen, sich den Status der wichtigsten Opfer zu erhalten und die anscheinend bis auf wenige Ausnahmen nicht wahrhaben wollen, dass es sehr wohl eine enge, leicht begreifliche, sowohl äußere wie innere Beziehung zwar nicht zwischen “den” Juden, wohl aber zwischen vielen Juden und dem Bolschewismus gab. Selbst Zitate von bedeutenden Juden sind in Deutschland tabuisiert, wenn sie dem erwünschten Bild nicht entsprechen, aber ich will trotzdem eine Aussage von Simon Dubnow anführen, dem großen jüdischen Historiker, der schließlich selbst im Holocaust zugrunde ging. Er schrieb im Herbst 1918 nach den Attentaten auf Lenin und den Tscheka-Chef von Leningrad Uritzki: “Es ist gut, dass gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.” Die neben Herzl bedeutendste Gründergestalt Israels, Chaim Weizmann, hat mit klaren Worten gesagt, dass die Juden die entschiedensten Feinde Hitlers gewesen seien, aber ein großer Teil der heutigen Juden wünscht offenbar, dass ihre Vorfahren nicht ein weltgeschichtliches Volk, sondern eine Gruppe von beklagenswerten Opfern waren.

   Ich wundere mich über die Deutschen, die zwar imstande zu sein scheinen, bei der Lektüre des  “Schwarzbuches des Kommunismus” Entsetzen zu empfinden, die jedoch den Zeitgenossen dieser Schrecken nicht das Recht  zugestehen, ähnliche Empfindungen gehabt zu haben und daraus die Entschlossenheit zu militanter Selbstverteidigung abzuleiten. Aber da unsere Historiker zum überwiegenden Teil die Kämpfe der Liberalen des Bismarck-Reichs weiterkämpfen, gehen sie mit einigen abschätzigen Worten über die Tatsache hinweg, dass die späteren Massenmörder - Hitler, Himmler, Heydrich und auch Hess sowie Göring - von Hass, Zorn und Erbitterung gegen frühere Massenmörder erfüllt waren. So haben die Vorfahren der heutigen Deutschen nicht einen letzten Endes verfehlten und gleichwohl welthistorischen Kampf geführt, sondern sie haben sich außerhalb jedes Zusammenhanges, der über die preußischen Junker und den deutschen Antisemitismus hinausginge, lediglich entsetzlicher Massenmorde schuldig gemacht. Dann muss die Konzeption vom Ringen zweier übernationaler, freilich auch durch zusätzliche Momente verunstalteter Reinigungsideologien als Verharmlosung oder gar als Rechtfertigung von Auschwitz erscheinen. Aber kein Verbrechen hört auf, ein Verbrechen zu sein, weil es sich gegen ein früheres Verbrechen richtete, und zudem auf überschießende Weise. Schuldig ist jeder, der unter welcher Begründung auch immer und im deutschen Fall gegen den klaren Wortlaut der Militärstrafgesetze, Wehrlose ohne Gerichtsverfahren tötete. Doch der Begriff der “Schuld” ist auf Nationen und übernationale Gebilde nicht ohne tief greifende Vorbehalte und Differenzierungen anwendbar. Wohl aber darf  man von jenem welthistorischen Verfehlen sprechen, dem möglicherweise das Adjektiv “tragisch” hinzugefügt werden sollte.

   Ich weiß wohl, dass alle “gut gesinnten” Menschen, die so etwas hören und für die ein allen Zusammenhängen und jeglichem Nachdenken enthobenes “Auschwitz” der einzige Orientierungspunkt in einer unübersichtlich gewordenen Welt ist, nun die “Faschismuskeule” in die Hand nehmen und die angebliche “Relativierung” angreifen, die besser “Relationierung” genannt werden sollte und die dem negativ-nationalistischen “Absolutismus” in der Tat entgegengesetzt ist. Es mag sie und auch die andere Seite, sofern sie sich zu äußern wagt,  überraschen, wenn ich folgendes hinzufüge: Ich stimme weitgehend einem Satz von Walther Rathenau zu, der 1918 sagte, in hundert Jahren werde der Bolschewismus überall in der Welt gesiegt haben, aber er werde sich so verändert haben, dass er für die gegenwärtigen Bolschewiki nicht mehr erkennbar sein werde. Ich glaube, dass es ein großes Verfehlen war, als in Deutschland eine aus verständlichen Gründen militant antibolschewistische und allerdings “unreine”, nämlich zugleich bloß-nationalistische und biologistisch orientierte Partei zum Siege gelangte und sich das Ziel setzte, den Bolschewismus, der auf freilich verzerrte Weise den Eintritt in die “Weltzivilisation” oder die “Nachgeschichte” vorwegnahm, völlig zu vernichten. Es wäre besser gewesen, mehr Vertrauen in die  eigene Gesellschaftsordnung des “Liberalen Systems” zu setzen und jener künftigen Veränderung mit einiger  Zuversicht entgegenzusehen, die dann durch den “Kalten Krieg” der USA und ihrer Verbündeten in den frühen neunziger Jahren tatsächlich zustande kam. Ob auch Teilaspekten des NS eine Zukunftsbedeutung zuzuschreiben ist, lasse ich dahingestellt; der ganze und genuine NS Hitlers gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Die Furcht vor seinem Wiedererstehen und gar vor einer Wiederholung von “Auschwitz” ist entweder töricht oder Manipulation zu durchsichtigen Zwecken. Ob die weitere Entwicklung allerdings der Menschheit Gutes oder Schlimmes bringen wird, ist in der Gegenwart noch nicht zu entscheiden.

   Wenn ich nun ausdrücklich auf den Anfang dieses Vortrags zurückkommen und erklären wollte, inwiefern in der deutschen Gegenwart ein Fall von besonders akuter historischer Tabuisierung vorliegt, müsste ich einen zweiten Vortrag halten. Aber nicht ganz wenige von Ihnen werden immerhin in Umrissen wissen, was gemeint ist.