Ernst Nolte

Dr. phil., em. Professor für Neuere Geschichte

SPÄTE REFLEXIONEN

über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts


INHALT


E r s t e r T e i l : Ideologische Hauptmächte des 2o. Jahrhunderts


Vorwort

3-6

Einführung

7-24

I,1 Der Autor als Ausgangspunkt

25-36

I,2 Juden – Judentum – „jüdischer Bolschewismus“

37-70

I,3 Auschwitz und Holocaust

71-102

I,4 Zionismus und Israel

103-117

I,5 Antisemitismus

118-124

I,6 Bolschewismus

125-131

I,7 Adolf Hitler

132-145

I,8 Nationalsozialismus

146-159

I,9 Deutschland

160-167

I,10 Deutsche und Juden

168-181

I,11 Vergleiche

182-189

I,12 Gedankenexperimente

190-207



Z w e i t e r T e i l : Umgreifendes


II,1 Egalität, Egalitarismus, Egalitätsideologen

208-218

II,2 Gesellschaftsordnungen

219-230

II,3 Die Linke

231-239

II,4 Das Liberale System

240-254

II,5 Marktwirtschaft - Kapitalismus - Sozialismus

255-263

II,6 Weltzivilisation und Nachgeschichte

264-276



D r i t t e r T e i l : Annäherungen an die Philosophie


Einführende Reflexionen

278-280

III,1 Der Islam

281-284

III,2 Sexualität

285-290

III,3 Anthropologie

291-307

III,4 Theologie

308-314

A n h a n g


Fragen und Thesen - Aphorismen und Ergänzendes

315-359









Vorwort



Die Wahl des auf den ersten Blick befremdenden Buchtitels bedarf der Begründung.


Reflexionen“, im Sinne von relativ selbständigen „Überlegungen“ oder „Gedanken“ können sich auch in Arbeiten einer strengen Fachwissenschaft finden; sie sind jedoch nie die Hauptsache. Häufig müssen sie als subjektive Einschübe im Rahmen einer zielgerichteten Untersuchung gelten. Aber gerade historische Darstellungen und Studien können eine besondere Affinität zu „Reflexionen“ haben. Das trifft für alle weitgespannten Arbeiten zu, die auch scheinbar fernliegende Teile des Kontextes einbeziehen, und schlechthin unentbehrlich sind sie bei einem Thema wie „Der Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts.“ Hier muss die Frage eingehend erörtert werden, was die Realitäten sind, in deren Namen von jeweils einer großen Anzahl von Menschen ein Bürgerkrieg geführt oder unterstützt wird und was die unterscheidenden Kennzeichen eines solchen Bürgerkrieges sind.

Dem vorliegenden Buch liegt, wie dem ganzen Lebenswerk, die Auffassung zugrunde, daß diese Realitäten ideologisch geprägte Bewegungen waren, die in jedem Lande Anhänger hatten oder haben konnten, welche sich trotz der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation oder zu einer bestimmten Klasse oder Schicht wechselseitig als Todfeinde betrachteten und bekämpften. Die These, daß die ideologischen Bewegungen des besonders vom Marxismus geprägten Bolschewismus und des vornehmlich aus der feindlichen Beziehung zu Marxismus und Bolschewismus entspringenden Faschismus bzw. des Radikalfaschismus, der sich „Nationalsozialismus“ nannte, die Hauptmächte der großen Kämpfe des 20.Jahrhunderts gewesen seien, kann nicht ohne Reflexionen gewonnen werden, doch sie kann auch überwiegend aus der schlichten Anschauung hervorgehen. Die Begriffe des „Weltbürgerkriegs“ und des „Europäischen Bürgerkriegs“ werden heute in der Publizistik häufig verwendet, aber meist in feuilletonistischer Weise. Es gibt nur wenige Historiker, für die dieses Thema der Kern oder mindestens ein beträchtlicher Teil ihres „Lebenswerkes“ ist oder war. Neben Eric Hobsbawm und Francois Furet gehöre ich zu diesen Autoren, und das war für lange Jahre in der Welt unbestritten, bis ein bedeutender, aber im ganzen dennoch untergeordneter Teil dieser Konzeption im Rahmen des sogenannten „Historikerstreits“ der Jahre 1986 -1988 eine in der westlichen Welt weitverbreitete Feindschaft erzeugte, die mich nach dem unverhüllten Wunsch ihrer Protagonisten zu einer Unperson oder zu einem Niemand machen sollte. Dass dieser mindestens „umstrittene“ Autor beide Bewegungen erst in zweiter Linie als „Totalitarismen“ charakterisiert, sondern sie als militante Verkörperungen von weit übergreifenden Welttendenzen interpretiert, nämlich der „Globalisierung“ auf der einen Seite und der Selbstbehauptung von partikularen Strukturen auf der anderen, wurde nicht zur Kenntnis genommen, soweit es nicht von den zumal in Deutschland vorherrschenden „Universalisten“ empört zurückgewiesen wurde.

Die Reflexionen, die ich heute vorlege, sind „späte Reflexionen“, weil sie nicht nur das Produkt eines sehr alten Mannes sind, sondern sich auch von denjenigen Reflexionen tendenziell unterscheiden, die zu jenem Lebenswerk notwendigerweise hinzugehören. Zu ihrer Entstehung und auch zu dem eigenartigen Merkmal, daß durch sie auch Themen berührt werden, die auf den ersten Blick nichts unmittelbar mit dem „Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts“ zu tun haben, wird in der „Einführung“ das Erforderliche gesagt , aber sie sind auch objektiv „spät“, weil es mir vergönnt gewesen ist, noch fast ein Vierteljahrhundert ein Beobacher des Zeitgeschehens zu bleiben, nachdem der historiographische Kern des Lebenswerkes im Jahre 1987 mit dem Erscheinen des Buches „Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus“ vollendet war. Und kaum je hat sich die Welt so tiefgreifend verändert wie nach den Jahren 1989/1991, seitdem der eine der beiden Pole der Phase des „Kalten Krieges“ innerhalb des Weltbürgerkrieges, die Sowjetunion, den Wettkampf mit den USA nicht mehr durchhielt und sich in ihre (sehr ungleichartigen) Bestandteile auflöste. Dadurch traten nicht nur auf der ganzen Erde tiefgreifende und oft wahrhaft erstaunliche Änderungen ein, sondern diese Veränderungen warfen auch ein neues Licht auf die Vergangenheit dieses Weltbürgerkriegs. Nach einiger Zeit waren sogar die USA nicht mehr dasjenige, was sie in den neunziger Jahren gewesen waren, nämlich „die einzige Weltmacht“, die nicht nur durch die überwältigende Zahl ihrer Waffen, sondern auch durch die Anziehungskraft ihrer Ideologie der „Menschenrechte“ nicht ihresgleichen hatte.

Die Vereinigten Staaten wurden vornehmlich durch das Aufkommen eines neuen Feindes geschwächt, der materiell weitaus weniger stark war, der aber eine Ideologie besaß, welche mörderische Selbstmordattentate in bisher unvorstellbarer Zahl hervorzubringen vermochte, des Islamismus. Sie waren jedch schon geraume Zeit vorher zum Angriffsziel des als „Ideologie der Dritten Welt“ überlebenden Marxismus geworden und hatten in der ursprünglich defensiven, einen Verbündeten unterstützenden Auseinandersetzung um Vietnam eine genuine militärische Niederlage erlitten. Aber schlimmer war, daß sie nun weithin mit Hitlers Drittem Reich verglichen werden konnten, weil sie unverhüllte Angriffskriege führten, die man auch „Überfälle“ nennen mochte, und weil führende Intellektuelle den Gedanken der Macht und des Kampfes so stark herausstellten, daß die Erinnerung an den einst so erfolgreich bekämpften „preußischen Militarismus“ nahelag. Und noch mehrere Jahre nach dem Ende des zweiten Krieges gegen den Irak traf der „humanitär gesinnte“ Staat eine praktische Unterscheidung, welche die ideologischen Vorkämpfer des Feindes von dessen gewöhnlichen Soldaten trennte, indem er sie auf Guantanamo in weitaus schärferer Weise behandelte, so daß trotz der ungleichen Dimension ein Vergleich mit Hitlers „Kommissarbefehl“ nicht ausgeschlossen war.

Im neuen „Rußland“ brach sich, einige Jahre in beträchtlicher Stärke, nach siebzig Jahren die Kritik am kommunistischen Sowjetstaat Bahn, so daß Solschenizyns „Archipel Gulag“ zur Basis eines neuen Selbstverständnisses zu werden schien, aber praktische Konsequenzen hatte diese „Vergangenheitsbewältigung“, ganz anders als die deutsche, nicht, und bald verbreiteten sich nostalgische Empfindungen sogar Stalin gegenüber, weil er „Rußland groß gemacht“ und den „Vaterländischen Krieg“ siegreich beendet habe, und die Feststellung wurde nicht gerade hervorgehoben, daß ohne die umfangreichen Hilfslieferungen des kapitalistischen Hauptfeindes von gestern dieser Sieg nicht möglich gewesen wäre.

Nur im besiegten Deutschland entwickelte sich die unumgängliche Kritik an der

Vergangenheit zu einer Art von Zivilreligion, die den Nationalsozialismus und oft genug tendenziell auch Deutschland für das „absolute Böse“ erklärte und in der Konsequenz die Axt an die Wurzel nicht nur eines „Nationalbewußtseins“, sondern sogar an den zentralen Charakter der „westlichen Demokratie“ als eines „Liberalen Systems“ legte, in welchem „Relatives“ ( besser : „Relationiertes“) sich mit anderem und oft sehr verschiedenem „Relativem“ auseinandersetzt und dadurch so etwas wie „Wissenschaft“ möglich macht.

Allerdings konnte sich diese „metaphysische“ Auslegung auf ein Ereignis stützen, das es trotz der größeren Opferzahlen in der ehemaligen Sowjetunion nicht gegeben hatte, nämlich den „Holocaust“, dieVernichtung einer trotz aller Unsicherheiten extrem hohen Zahl von Juden. Die für alleinwahr erklärte Behauptung geht – meist implizit - dahin, ein solches Ereignis entziehe sich der Wissenschaft und dürfe von „profanen Händen“, d.h. vom kritischen und problematisierenden wissenschaftlichen Denken, nicht berührt werden.

Aber die Rede von den „absolut Bösen“ setzt die Existenz von „absolut Guten“ voraus, und in einigen jüdischen Deutungen wird der Holocaust als Angriff auf das Volk Gottes und damit auf Gott selbst gefaßt. (s. Peter Novick, Nach dem Holocaust, 2001, S.259)

Dass damit Hitlers Verständnis der Macht und des Charakters der Juden unter radikaler Veränderung des Werturteils übernommen wird, scheint diesen Interpreten entgangen zu sein.

Und das empirische Urteil großer Teile der Weltbevölkerung hat sich den Juden bzw. den Zionisten gegenüber anscheinend noch stärker verändert als gegenüber den Amerikanern. Aus dem weltweiten Mitgefühl mit den Juden als einer verlassenen und hilflosen, zur „Schlachtbank“ geführten Minderheit, das die Gründung des zionistischen Israel erst möglich machte, ist keineswegs nur in islamischen Ländern die sehr kritische Stellungnahme zu einem Staat geworden, der sich als neue Weltmacht neben und innerhalb der alten Weltmacht seit bald fünfzig Jahren allen Aufforderungen der Vereinten Nationen, das1967 besetzte Gebiet der Palästinenser zu räumen und das Rückkehrrecht der Vertriebenen und Flüchtlinge anzuerkennen, hartnäckig und mit grausamen praktischen Auswirkungen verschließt.

Das Eintreten für Unterdrückte ist hoher Achtung wert, doch es ist als solches noch nicht Wissenschaft. Wissenschaft entsteht nur aus der Kenntnisnahme der einen so gut wie der anderen Sache(n) und aus dem unvoreingenommenen Abwägen und Erörtern. Wissenschaft kann es nur geben, wenn Tatbestände und Umstände auch dort, wo sie zunächst aus sehr verständlichen, ja edlen Gründen ins Dunkel gerückt wurden, endlich in die Offenheit der wissenschaftlichen Diskussion gestellt werden. Das setzt voraus, daß das „politisch Korrekte“ zwar nicht verworfen oder als solches bekämpft, aber durch Bezugnahmen auf das „Unkorrekte“ wissenschaftsgerecht gemacht wird Darin besteht das Ziel dieser „späten Reflexionen“, die mein „letztes Wort“ sind und nach 80 Jahren an mein „erstes Wort“ (s. oben) anzuschließen scheinen, ein Ziel, das auch meinen wissenschaftlich gesinnten Gegnern Gelegenheit geben kann, meinen „Starrsinn“ und die Einseitigkeit meiner Fragestellung zu kritisieren. Zuvor jedoch sollten andere und längst etablierte Einseitigkeiten überprüft und korrigiert werden, insbesondere diejenige, welche ein singuläres, aber nicht unvergleichbares Ereignis innerhalb des Weltbürgerkrieges die Interpretation und Analyse dieses Grundgeschehens verdrängen lässt

Es liegt in der Natur solcher Reflexionen, daß sie von dem gleichen Ausgangspunkt unterschiedliche Aspekte derjenigen Phänomene ins Auge fassen können, die das eigentliche Objekt des Nachdenkens sind. So werden in diesem Buch nicht ganz selten die „60000 Homere“ erwähnt, die im Zukunftsbild des französischen Frühsozialisten Charles Fourier auftauchen. In einer „Geschichte des Sozialismus“ würde es genügen, diese Tatsache lediglich zu konstatieren. Wenn die verbildlichende Vorstellung aber in erster Linie als die mythologisierende Artikulation eines sehr realen Phänomens betrachtet wrd, nämlich der „Intellektualisierung“ in der Moderne, dann braucht es sich bei solchen Erwähnungen nicht um bloße „Wiederholungen“ zu handeln, und ähnliches gilt für die persönlichen Rückblicke auf eine alltägliche Erfahrung, nämlich das Strandleben an der Ostsee, das ebenfalls dem Nachdenken über eine viel bedeutendere Realität dienen soll, nämlich der Tendenz zum Egalitarismus. Wenn hier und da die Differenzen nicht klar genug erkennbar sein sollten, muss der Verfasser den Leser um Nachsicht bitten.

Der eigenartige Titel des Vierten Teils „Mitgehendes“ ist eine Übersetzung des griechischen Terminus „symbebekota“, d.h. des „Akzidentiellen“ Dieser Teil war zunächst als Beispiel für den ursprünglichen Zustand des Buches gedacht, d.h. des noch nicht unter Ordnungsbegriffe gebrachten und insofern „zufälligen“ Charakters dieser Reflexionen. Am Ende weist er aber eher die Kennzeichen von „Abhandlungen“ auf, die aus der jüngsten Vergangenheit stammen.


Berlin im Dezember 2010 Ernst Nolte







E i n f ü h r u n g 1

Es ist nicht selbstverständlich, daß nach einem Kriege eine „Kriegsschuldfrage“ gestellt wird. Die Staatslehre der frühen Moderne schliesst eine solche Frage sogar grundsätzlich aus, da zur Souveränität der Staaten das Recht zur Kriegführung, das „ius ad bellum“, notwendigerweise dazugehöre Der Staat, der es für erforderlich hält, seine Interessen durch kriegerische Mittel wahrzunehmen, darf deshalb nicht angeklagt werden, denn es gibt keine höhere Instanz, die ein „überstaatliches“ Urteil fällen könnte. Stillschweigend wurde freilich immer vorausgesetzt daß kriegführende Staaten sich an gewisse Regeln der Zivilisation halten müßten, etwa daß Angehörige der Zivilbevölkerung nicht willkürlich getötet werden dürften, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein ganzes Regelwerk entwickelt, das illegitime Kriegshandlungen von legitimen unterschied und ein „ius in bello“ festlegte.

Moralische Urteile von Publizisten fehlten jedoch so wenig wie allgemeine Klagen über den Krieg. Der Eroberungskrieg Friedrichs des Großen um das zu Österreich gehörende Schlesien wurde weithin verurteilt, und Napoleon I. wurde nach seiner Niederlage mehrere Jahre hindurch nahezu allgemein als Verbrecher, ja geradezu als „Monster“ verurteilt. An Widerspruch dagegen und sogar an Zustimmung zu den betreffenden Monarchen mangelte es indessen nicht, und die Verurteilung Napoleons machte zumal in Frankreich bereits während der zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in großen Teilen der Literatur einer Verherrlichung Platz, so daß die Masse der Napoleon-Literatur schon bald nicht eine auf „andere Seite“ hinblickende Revision der bis dahin herrschenden Auslegung war, sondern selbst zur Schauseite wurde.

Deshalb verschwand die ältere Deutung jedoch nicht, und es konnte sich eine abstandnehmende und insofern wissenschaftliche Geschichtsschreibung entwickeln, welche die Interpretationen der Anhänger und Sympathisanten Napoleons durch abwägende Vergleiche „relativierte“ oder zu relativieren suchte. Aber auch hier spielten ideologische Stellungnahmen eine bedeutende Rolle, denn unter dem zentralen Gesichtspunkt der „Revolution“ konnte Napoleon als Vollender oder als Feind der Revolution betrachtet werden, und solche Grundauffassungen zu revidieren, war viel schwieriger als die Infragestellung oder Korrektur der mannigfaltigen Details.

Der Erste Weltkrieg hob die Auseinandersetzung in eine neue Dimension, denn die Politik der beiden gegensätzlichen Bündnissysteme zielte von Anfang an darauf hin, die gegnerische Seite mit Schuld zu belasten, obwohl die Drohungen Österreichs und des deutsch-österreichischen Zweibundes g e g e n Serbien und die Stellungnahmen Russlands und Frankreichs f ü r Serbien einen klassischen Streit unter den Regeln des ius ad bellum darstellten. Aber das Deutsche Reich erklärte im Zusammenhang der verschiedenen Bündnisverpflichtungen als erste Macht den Krieg an Frankreich, und der in der Not des bevorstehenden Zweifrontenkrieges entstandene, wenn auch schon längst ins Auge gefasste Entschluß zum Durchmarsch durch Belgien brachte nicht nur England in den Krieg, sondern erzeugte wegen des Widerstands der Bevölkerung und der harten Gegenmaßnahmen der Deutschen eine wahre Explosion von Emotionen in den westlichen Ländern : „die Zivilisation“ werde von „der Barbarei“ angegriffen, wurde zum allgemeinen Empörungsschrei und Kampfruf, dem von vielen deutschen Autoren die „Ideen von 1914“ entgegengestellt wurden, welche vornehmlich auf den bis dahin kaum bestrittenen Vorrang Deutschlands im Bereich von Wissenschaft und Kultur Bezug nahmen. Insofern war der Erste Weltkrieg von Anfang an auch ein ideologischer Krieg, und das Eigenartigste an den Wogen der hin und her flutenden Polemik war wohl, daß ein Teilstaat Deutschlands, nämlich Preußen als der Ursprung des deutschen Militarismus, bei weitem den größten Hass und die schärfste Polemik auf sich zog.

Noch im Jahre 1943 sagte Churchill auf der Konferenz zu Teheran zu Stalin, Preußen sei „das Organisationsprinzip des Bösen schlechthin“ und müsse unbedingt ausgerottet werden.2 , und die Überzeugung der Deutschenfeinde im Außenministerium, mit Sir Robert Vansittart, dem „ständigen Unterstaatssekretär“ und also dem obersten Beamten an der Spitze, war seit langem ganz ähnlich gewesen. Hier lag der „englische“ Ausgangspunkt für die „negativ-teutonozentrische“ Geschichtsdeutung, und auf deren Fortentwicklung sollte vorgreifend schon hier ein Blick geworfen werden. Nichts war ja einleuchtender, als daß dieser Schuldspruch nach der vorbereitenden Phase der Jahre 1933-1939 eine neue Qualität und größere Kraft gewann, als die ersten Meldungen über die Massentötungen von Hunderttausenden, ja von Millionen von Juden in der britischen und amerikanischen Presse auftauchten. Zwar war der Hass gegen den abermaligen Kriegsfeind stark genug, daß Termini wie „Judenmord“ oder „Auschwitz“ zunächst nur selten vorkamen, aber schon im Nürnberger „Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher“ kennzeichnete der britische Anklagevertreter Sir David Maxwell-Fyfe dieZahl von vier Millionen Todesopfern in Auschwitz als „nachgewiesen“.3 Zum Thema einer Massendiskussion wurde die „Endlösung der Judenfrage“ jedoch erst, als Adolf Eichmann, der als dirigierender Haupttäter betrachtet wurde, 1960 vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt und dann in Israel in einem großangelegten „Schauprozeß“ zum Tode verurteilt wurde.4 So trat seit dem Anfang der sechziger Jahre dasjenige in helles Licht, was sich unterhalb der großen Kriegsereignisse abgespielt hatte und weder in den Memoiren der Staatsmänner noch in den Darstellungen der Historiker besonders hervorgehoben worden war. Der „Auschwitz-Prozess“ der Jahre von 1963 bis 1965 konfrontierte die deutsche Öffentlichkeit mit einer Fülle von schrecklichen Einzelheiten, nicht zuletzt über die „Gaskammern“ zur Menschentötung, die von den Verteidigern der Angeklagten nur in untergeordneten Punkten widerlegt oder in Frage gestellt werden konnten. 1979 ergriff der Film „Holocaust“ Millionen von Menschen auf das tiefste, obwohl er keineswegs eine Anhäufung von Gräueltaten auf die Leinwand brachte. Großangelegte Untersuchungen wie vornehmlich diejenigen von Reitlinger und Hilberg wurden publiziert, und obwohl sie untereinander beträchtliche Verschiedenheiten aufwiesen, stellte keine davon den Kern des Geschehens in Frage. Neben mehreren sorgfältigen Detailuntersuchungen von meist jüngeren Historikern zu einzelnen Gegenden, Städten oder Lagern traten später Deutungen oder Interpretationen hervor, und eine Formulierung wie „Interpretationen and Re-Interpretationen“ wurde verwendbar.5

So wurde jene antipreußische Deutung von der anti-deutschen und jüdischen überformt, die bald zum Begriff des „absoluten Bösen“ gelangte und hin und wieder das ganze deutsche Volk damit identifizierte.. Was könnte es Bedeutenderes im Bereich der Historie geben als „das Überhistorische und „Absolute!? Ein Begriff wie „Totalitarismus“ mußte mehr und mehr als ungenügend erscheinen, und wenn „die Bösen“ nicht bloß Nationalsozialisten, sondern „Deutsche“ waren, dann mußten, gewollt oder ungewollt, die jüdischen Opfer als „die Guten“ erscheinen. Gleichzeitig ließ sich diese Interpretation durch Begriffe wie „Globalisierung“ oder „Universalismus“ stützen, als deren Vorkämpfer diese jüdischen Opfer betrachtet werden konnten.

Trotzdem entsteht dadurch eine für die Wissenschaft sehr gefährliche Situation, denn Wissenschaft kann nicht mit der predigtartigen Vertretung einer noch so legitimen Sache identisch werden, sondern sie muss Argumenten Argumente entgegensetzen und machtvolle Positionen in Frage stellen. Und deshalb darf die Wissenschaft auch diejenige Gruppe nicht aus ihrem kritischen und abwägenden Vorgehen herausnehmen, welcher das größte Unrecht widerfahren ist, und sie darf die Frage nicht mit Empörung zurückweisen, ob bestimmte Gruppierungen von Juden nicht primär als Opfer, sondern als Täter oder Mittäter zu betrachten sind. Diese Frage bedeutet keineswegs eine Herabsetzung der Juden, denn ein Volk aus bloßen Opfern kann nur Anspruch auf Mitleid haben, es kann nicht zu den weltgeschichtlichen Völkern gezählt werden, für die ausnahmslos das Handeln wichtiger ist als das Leiden.

Aber ein letzter Einwand bleibt schon auf den ersten Blick bestehen. Wenn mit Recht von „Größe“ und Tragik“ der Juden gesprochen werden darf, wird dann der Feind nicht irgendwie daran partizipieren, und wie soll dann die Kennzeichnung des „absoluten Bösen“ für ihn Bestand haben? Es ist ja nicht auszuschließen, daß auch der Feind sich einer verstehbaren „Sache“ verpflichtet fühlte, wie sehr auch immer er sie verzerrt, ja verdorben haben mag. Die Wissenschaft muss sich in der Tat jenen in das „ganz Gute“ oder das „ganz Böse“ hochgesteigerten Bildern entziehen, zu denen der politische Kampf zu greifen pflegt, wenn es um grundlegende Fragen geht. Dass deshalb das „relativ Gute“ und das „relativ Böse“ nicht identisch werden, sollte sich von selbst verstehen, so gewiß manchmal eine Ununterscheidbarkeit nicht auszuschließen ist. Wir müssen daher zu jener Situation am Ende des Ersten Weltkriegs zurückkehren, von der wir abgewichen sind, weil der Zusammenhang zwischen der schon in diesem Krieg mächtig hervortretenden „negativ-teutonozentrischen“ Auffassung und der späteren, meist jüdischen, aber auch deutschen These vom „absoluten Bösen“, das auf deutschem Boden zur Erscheinung gelangt sei, mit großer Klarheit hervortritt.

Nach der „Oktoberrevolution“ der Bolschewiki im Jahre 1917 und der ihr vorhergehenden Niederlage Rußlands gegenüber dem deutsch-österreichischen Zweibund änderte sich

die Lage in Osteuropa radikal, während die Situation im Westen die gleiche blieb und sich bekanntlich erst nach den praktischen Folgen des Eingreifens der USA, nämlich dem Erscheinen amerikanischer Truppen auf dem europäischen Kriegsschauplatz, in Richtung auf die deutsche Niederlage wandelte, die im November 1918 nach einer letzten, zunächst aussichtsreichen Kraftanstrengung Deutschlands und nach scheinbar ausgleichenden Versprechungen der Amerikaner zur Tatsache wurde.

Dass die Lage im Osten Europas die stärkste Veränderung erfahren hatte, war freilich um die Jahreswende 1917/18 noch nicht evident, denn in den Augen der Engländer war die im Jahre 1917 siegreiche „bolschewistische“, d.h. der Wortbedeutung nach „die Mehrheit“ der russischen Arbeiterbewegung bildende Partei von Wladimir Iljitsch Lenin weiter nichts als eine Hilfspartei Deutschlands, die das Bündnis der Alliierten schwächte, weil sie bereit war, einen verräterischen Separatfrieden mit dem Feind zu schließen.

In Wahrheit war der Aufruf zur „sozialistischen Weltrevolution“ das Hauptmotiv der Bolschewiki, und damit bedeutete er in grundsätzlicher Übereinstimmung mit der Ideologie des Marxismus die schlechthin außerordentliche Zielsetzung, in der ganzen Welt die

bisher herrschende „kapitalistische Gesellschaftsordnung“ niederzuwerfen und deren führende Schicht, die „Bourgeoisie“, zu vernichten, um eine globale Gesellschaft ohne Nationen, Klassen und abgegrenzten Kulturen an deren Stelle zu setzen. In Rußland wurde das Ziel dieser Vernichtung – nun nicht mehr im Einklang mit der marxistischen Lehre – nach einem großen Bürgerkrieg zwischen „Roten“ und „Weißen“ erreicht, vor allem infolge der weitgehenden Unterstützung durch die vom Kriege besonders betroffene Bauernmehrheit, und in stärkster Verkürzung sowie unter Verwendung von damals noch ungebräuchlichen Termini konnte die Situation folgendermaßen beschrieben werden : Die Partei der militanten Globalisierung hatte in dem räumlich größten und an Ressourcen reichsten Staat der Erde die alleinige Macht ergriffen, und sie besaß als jüngste Erscheinungsform der uralten Ideen des Egalitarismus und „der Linken“ Anhänger und Sympathisanten in nahezu allen Staaten Europas und über Europa hinaus. Alle Aufrufe dieser Partei waren an „die ganze Welt“ gerichtet, und in zahllosen Kartenskizzen erschien die Oberfläche des Planeten in der roten Farbe der vorgestellten kommunistischen (und nicht bloß sozialistisch-sozialdemokratischen) Zukunft.

Wenn die Vorstellungen von dieser Zukunft den Charakter der „Utopie“ hatten – nämlich einer Vollendung der Modernität, welche die verwirrenden und streiterzeugenden Grundkennzeichen der Modernität wie die radikale Arbeitsteilung gerade beseitigte -, so handelte es sich dennoch um eine rational begründete Utopie, und nur wenige konnten mit Entschiedenheit widersprechen, wenn führende Bolschewiki behaupteten, die Grenzpfähle seien abgetragen und „einzelne Vaterländer“ existierten nicht mehr wirklich, denn die Menschheit sei auf dem Wege, eine „große einmütige Arbeitsfamilie“ zu werden.6

Konzeptionen wie diese wichen ja nicht allzusehr von den Überzeugungen des Liberalismus ab, doch anders als der Liberalismus konnten sie sich mit dem ganzen Zorn und dem Vernichtungswillen von bisher Unterdrückten verbinden. Schon in der Grundvorstellung des Marxismus kam ja den „Kapitalisten“, d.h. den Unternehmern und deren Hilfsorganen wie den Banken und ebenfalls der in Westeuropa und den USA riesigen „Mittelschicht“, gegenüber dem angeblich weitaus zahlreicheren „Proletariat“ keinerlei eigenes Recht zu, sobald sie ihre geschichtliche Aufgabe erfüllt hätten, sich selbst zu einer winzigen Minderheit zu machen. Wenn die Bolschewiki in der Zeit der Revolution und des Bürgerkrieges ihre Feinde aufzählten, dann fehlten neben den ehemalige Offizieren, den Fabrikanten, den Groß- und den Kleinhändlern, den Anwälten und Professoren und im Kern der gesamten „Bourgeoisie“ nur „die Bauern“ und „die Arbeiter“, und der gesamte „Rest der Gesellschaft“ war als „unproduktiv“ und /oder Überrest der Vergangenheit zu vernichten, wenn auch nicht notwendigerweise durch physische Auslöschung, die nur durch den etwaigen und allerdings wahrscheinlichen Widerstand erzwungen werden würde, denn im Prinzip waren die wenigen Vertreter der alten Ungleichheit lediglich zu der Eintracht der „großen Arbeitsfamilie“ zurückzuführen. So zögerte Lenin nicht zu verkünden, demnächst würden Köchinnen den Staat regieren können. Im ganzen aber bildete die Einheit eines umfassenden Vernichtungswillens und einer im Kern primitivistischen Vorstellung von der Gleichheit und Harmonie der Menschheitszukunft einen „großen Glauben“7, der weit über die Grenzen des Proletariats und des nationalen Rußlands hinausgriff und sich auf diese oder jene Weise immer wieder zu erneuern vermochte.

Nie, und auch nicht während der Französischen Revolution, hatte es in der Geschichte der Menschheit ein so außerordentliches Phänomen gegeben, und in der ersten Hälfte des Jahres 1919 sahen die führenden Bolschewiki schon ganz Europa, mit Deutschland und Ungarn an der Spitze, unaufhaltsam der Revolution zutreiben, und es wurden bereits Vorbereitungen für die Feier des Triumphes in Berlin oder in Paris getroffen.

Aber dann scheiterte diese kurzfristige Vorhersage an den mannigfaltigen Widerständen der konkreten Realitäten : dem verlorenen Krieg gegen Polen im Jahre 1920, an der Festigkeit des kapitalistischen Systems in den Siegermächten Frankreich und England sowie mit etwas Verspätung an dessen Stabilisierung in der deutschen „Weimarer Republik“, den vielfältigen Auseinandersetzungen in der kommunistischen Weltpartei und der immer stärker hervortretenden Differenz zwischen den marxistischen Vorbedingungen für die „Weltrevolution und der „sowjetischen“ Realität eines zwar ungeheuer großen, aber industriell noch sehr zurückgebliebenen Landes von meist analphabetischen Bauern.

Die revolutionären Hoffnungen und Parolen wurden jedoch nicht etwa aufgegeben, sondern noch 1923 wartete die bolschewistische Führung Rußlands mit der größten Spannung und Zuversicht auf den Ausbruch der sich angeblich unwiderstehlich entwickelnden Revolution in Deutschland. Und schon vorher hatte der Vorsitzende der „Kommunistischen Internationale“, Grigorij Sinowjew, nach einem Besuch in Deutschland zwecks Teilnahme am Vereinigungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands und des starken linken Flügels der „Unabhängigen Sozialdemokraten“ in einer auf deutsch erschienenen Schrift einen Fluch gegen die deutsche Bourgeoisie und ihr unmoralisches Handeln ausgesprochen und die Zuversicht artikuliert, ihr möge in aller Bälde von den jetzt vereinigten Arbeitern der „Garaus“ gemacht werden.8 Und noch in den späteren Jahren konnte man in Publikationen wie den „Roten Gedichten und Liedern“ Wendungen wie die folgenden lesen „Bürger, dein Blut fließt diese Nacht…..dem Bürger den Tod, Dir (Proletarier) alle Macht“. Und dennoch waren Wut und Zorn nicht das letzte Wort in diesen Liedern, denn nur eine Minderheit konnte

n i c h t zustimmen, wenn es am Ende hieß :“Hell jauchzt die Lösung auf : Nicht Herr noch Knecht!“9

Aber es war auch kein anderer als Sinowjew, der eine kausale Verknüpfung zwischen der bolschewistischen Revolution und den tief veränderten, nämlich „aus Hass und Angst wie irrsinnigen“ und gleichwohl noch starken „Konterrevolutionären“ herstellte, denen nur die Zeitung der deutschen Kommunisten, die „Rote Fahne“, mit der erforderlichen Energie entgegentrete.10

Zu den kämpferischen Konterrevolutionären zählte nicht zuletzt Winston Churchill, der als englischer Kriegsminister die Weißen mit Kriegsmaterial und mit Geld unterstützte. Es wäre ja in der Tat sonderbar gewesen, wenn der präzedenzlose Begriff und die Realität des „Roten Terrors“ nicht wahre Aufschreie der Antibolschewisten hervorgerufen hätte, und wenn nicht bald Bücher wie dasjenige des „Volkssozialisten“ Melgunow erschienen wären, die den Leser des 21. Jahrhunderts zu der Frage zwingen, was denn von den schrecklichsten Terrorvorgängen späterer Zeiten hier, im Jahre 1924, außer den Gaskammern noch nicht beschrieben worden sei. In der Tat verglich Churchill Lenin mit den schlimmsten Despoten der Geschichte und stellte seine Grausamkeit über die von Tamerlan und Dschingis Khan.12 Dennoch ist die Frage unumgänglich, ob die russischen und die europäischen „Konterrevolutionäre“ die bolschewistische Bewegung so erfolgreich hätten bekämpfen und zeitweise aufhalten können, wenn sie nicht den Begriff des „jüdischen Bolschewismus“ zur Verfügung gehabt hätten.

Es handelte sich dabei n i c h t um die bloße Erfindung eines „Sündenbocks“, den man dringend benötigte, weil man sonst das ungeheure Phänomen nicht hätte erklären können. Kein anderer als Lenin hatte ja die „revolutionäre Aktivität von Juden weit über die

diejenige der in seinen Augen „trägen“ Russen gestellt und wenn niemand an der Kennzeichnung der bolschewistischen Revolution als einer Revolution der „Fremdvölker“

Anstoß nehmen konnte, so waren die Juden zweifellos das am ehesten sichtbare und das vom Zarismus am meisten diskriminierte Fremdvolk gewesen. In vielen 13Erinnerungen von Zeitgenossen wird die starke Anwesenheit von jüdischen Studenten unter den erregten Massen vermerkt, und kaum ein Nichtjude konnte sich des Staunens und fast immer der Zornesanwandlung enthalten, wenn er aus den Zeitungen erfuhr, daß das entscheidende Gremium der bolschewistischen Partei mehr Juden als Russen aufwies, darunter so bekannte Personen wie Trotzki, Swerdlow, Sinowjew und Kamenjew. Auch um Objektivität bemühte Historiker hätten diesen ethnischen (Teil-)Charakter der Partei der Bolschewiki nicht übersehen können, so gewiss es ihre Pflicht gewesen wäre festzustellen, daß es sich durchweg um „assimilierte“ und insofern „entjudete“ Juden handelte, die ihre

religiös-orthodoxen „Stammesgenossen“ mit demselben Fanatismus bekämpften wie die orthodoxen Christen der vormaligen Staatskirche. Schon gar nicht würden sie den Buchtitel „Pest in Rußland“ verwendet haben , wie es Alfred Rosenberg im Jahre 1924 tat, und sie würden nicht die überkühne Behauptung aufgestellt haben, von den führenden Bolschewiki seien über 400 Juden und noch nicht einmal vierzig Russen.14 Der Begriff des „jüdischen Bolschewismus“ hatte also einen unbestreitbaren Kern von Realität, aber er eignete sich auch wie kaum ein zweiter zu „totalisierender“ Polemik und Propaganda.

Aber wie wenig es sich um „bloße“ Propaganda handelte, wurde gerade durch die ausländischen Stimmen deutlich, die schon in den frühesten und noch in relativ späten Zeiten

besonders in England vernehmlich waren : so schrieb der enge Mitarbeiter Lord Balfours, Sir Mark Sykes, 1917 , daß die „extremen Sozialisten der Unterwelt“, die Karl Marx als den einzigen Propheten Israels betrachteten und bestrebt seien, die gegenwärtige nationale Grundlage der Welt zu zerstören, in Rußland die Macht ergriffen hätten15, für Henry Wickham Steed waren es „deutsch-jüdische Ideen“, welche die Umwälzung durch eine „großenteils jüdische“ Partei hervorgebracht hatten.16 Churchill vertrat schon 1919 die These, die Bolschewisten glaubten an die „internationale Republik der russischen oder polnischen Juden“17. Die Hoffnung, daß dem Weltbolschewismus ein Weltantibolschewismus entgegentreten werde, war im Westen weit verbreitet, und die primär antijüdische Weiterung von dem Weltjudentum und einem Welt-Antisemitismus lag nahe. Sogar im Umkreis der bolschewistischen Literatur, wie etwa in Isaak Babels „Budjonny’s Reiterarmee“ waren Feststellungen wie die „eines alten Bauern“ zu lesen, den Juden werde alle Schuld zugeschrieben und am Ende würden nicht mehr als 200000 zurückbleiben.18

Am eindeutigsten waren Meinungen und Auslegungen von russischen „Weißen“, von denen einige den Zusammenhang zwischen der „Bürgervernichtung“ auf der einen Seite und der „Judenvernichtung“ auf der anderen mit einer Apodiktizität hervorhoben, die über unangenehme Tatsachen wie diejenige, daß nicht wenige Juden zugleich „Bürger“ waren, mit leichter Hand hinweggeht. So beschrieb der Vorkämpfer der entstehenden „Rechten“, W.W. Schulgin, die Motive seines Handelns folgendermaßen :“Wir reagierten auf das Judenpack so, wie die Bolschewiki auf die „Burschuis“reagierten. Sie riefen „Tod den Burschuis!“, und wir antworteten „Tod dem Judenpack!“19. Durch Aussagen wie diese wird es sehr wahrscheinlich, daß die nicht ganz zweifelsfrei überlieferte offizielle Verlautbarung des

Oberbefehlshabers der weißen „Freiwilligenarmee“, des Generals Michail W. Alexejew, aus dem Sommer 1918, Glaubwürdigkeit beanspruchen darf :“Wenn Ihr Bolschewiki nicht aufhört, Bürger zu töten, wird kein Jude unter sechzig Jahren in Rußland am Leben bleiben.“20

Im Jahre 1930 war neben die Deutung, daß der Kampf gegen das „preußische Deutschland“ und seine angeblichen Ansprüche auf die Weltherrschaft, die „Signatur der Zeit“ gewesen sei, auch in den westlichen Ländern mindestens in Ansätzen eine andere Interpretation getreten : daß der Kampf auf Leben und Tod zwischen dem Bolschewismus, der ganz unverhüllt die Weltherrschaft für sein System erstrebe, und dem Antibolschewismus, der ebenfalls internationale Merkmale aufweise und in Teilen die bloß in Italien verwirklichte , aber trotzdem generische Bezeichnung „Faschismus“ trage, das wahre umgreifende Kennzeichen der Epoche sei.

Bereits 1922 hatte die „nationalfaschistische“ Partei Benito Mussolinis, des ehemaligen führenden Mannes der „Sozialistischen Partei Italiens“, in Italien die Macht ergriffen und dann das Land, nicht ohne die Gegenwirkungen ihrer Feinde, zu einem „totalitären“ Staat ausgebaut. 1933 wurde aus dem noch 1919 völlig unbekannten „Gefreiten des Weltkriegs“ Adolf Hitler der „Führer des deutschen Staates und Volkes“, und das faschistische Italien mochte sich im Vergleich wie ein liberales Staatswesen ausnehmen.

Hitler sah sich nicht zuletzt als „Befreier Deutschlands von den Ketten des ‚Schandfriedens von Versailles’“, und in diesem Begriff stimmte er auf höchst eigenartige Weise mit Lenin überein, der diesen Frieden einen „ungeheuerlichen Raubfrieden“ genannt hatte21, aber in erster Linie wollte er ein „Antibolschewist von bolschewistischer Entschlossenheit“ sein, und 1936 verfasste er eine geheime Denkschrift, die erkennen läßt, welch gewaltigen Eindruck der rasche Aufbau der „Roten Armee“ auf ihn machte und wie verkehrt die heute in Deutschland ausschliesslich zu Wort gebrachte Interpretation ist, die Schlußsätze „In vier Jahren muss die deutsche Armee einsatzfähig sein“, hätten eine Kriegserklärung an die ganze Welt bedeutet.22

Mindestens fragwürdig ist die Behauptung, Hitler habe 1939 mit dem Angriff auf Polen den längst geplanten Weltkrieg auslösen wollen. Aber vieles von dem, was schon während des Zweiten Weltkriegs und dann nach 1945 über die „nationalsozialistischen Verbrechen“ zur Kenntnis der Welt gelangte, ist zutreffend, insbesondere der Versuch einer „Endlösung der Judenfrage“ mit ihren Millionen von Opfern, die den Begriff der „Singularität“ als berechtigt erscheinen läßt. Aber so wenig wie die enge Verbindung zwischen Judentum und „Sozialismus“ als solche einen Gegenstand der Anklage bilden sollte, da doch kein Geringerer als Moses Hess, der erste Lehrer von Karl Marx und älteste Begründer des neuzeitlichen Zionismus, den Sozialismus dem Sinne nach als „realisiertes Judentum“ bezeichnet hatte, so wenig kann die negative Verknüpfung von „Bolschewismus“ und „Judentum“ durch Hitler als bloß strategisch-politischer Einfall betrachtet werden. Sie stellte lediglich jeden Antikommunismus bis mindestens 1935 vor die schwer zu lösende Frage des Charakters dieser Verbindung, obwohl sich in ersten Ansätzen, z.B. durch die Verbannung Trotzkis aus der Sowjetunion durch Stalin, im Jahre 1927, bereits gezeigt hatte, daß jene ältere Verknüpfung eine höchst prekäre und keineswegs unauflösbare Synthese darstellte.

Mithin sind hinsichtlich des Gesamtbildes auch hier Fragen und Richtigstellungen angebracht, da die vorhandenen Analysen meist nur auf Deutschland beschränkt sind und weil dadurch ein Schwarz-Weiß-Bild von schuldigen Tätern und von unschuldigen Opfern entstanden ist, das in den jeweils gewählten Ausschnitten richtig sein kann, das aber eine umfassendere wissenschaftliche Untersuchung unmöglich macht und in der Gefahr ist, einen neuen Mythos hervorzubringen.

Die erforderliche Erweiterung der Perspektiven kann jedoch nicht so erfolgen, daß alte Anklagen neu begründet werden, wie es heute etwa in einer revidierenden Betrachtung der „stalinistischen“ Verwerfung des „Trotzkismus“ geschehen müßte. Eine Revision der „korrekten“ Aussagen zum „Holocaust“ darf nicht in der Weise vorgenommen werden, daß „die Juden“ herabgesetzt werden, wenngleich auf andere Weise als von den Nationalsozialisten. Sie müssen vielmehr so ernst genommen werden, wie sie sich selbst als Kämpfer für eine Sache nahmen. Die „Sache“, für welche die überwiegende Anzahl der politisch aktiven Juden, wenngleich sicher nicht „die Juden“, sich entschieden, war nun einmal bis mindestens etwa 1930 der Kommunismus, welcher sich als „marxistisch“ verstand, und eine erheblich geringere Anzahl wandte sich der neuartigen Gestalt eines „jüdischen Nationalismus“ zu, dem „Zionismus“, der das seit 2000 Jahren verlorene Palästina als „normalen Staat“ für ein nunmehr „normal gewordenes“ Volk zurückgewinnen wollte.

Beide „Sachen“ waren „große Sachen“, und sie konnten unmöglich ohne schwere und blutige Kämpfe zum Siege gelangen, denn sie griffen auf die ganze Welt oder doch auf einen sehr bedeutenden Teil der Welt zu, und überall fanden sich erbitterte Feinde, nicht zuletzt in den arabischen Ländern und in dem keineswegs „menschenleeren“ Palästina. Beide „Sachen“ konnten aber auch innerhalb einzelner Repräsentanten oder Gruppen zu schweren inneren Konflikten führen, indem die Gegensätzlichkeit der Ziele hervorgehoben wurde; sie konnten jedoch auch miteinander identifiziert werden wie von nicht wenigen „Linkszionisten“, die das künftige Israel als Bestandteil einer kommunistischen Weltgemeinschaft sahen,

Beide Sachen würden sich gegen eine dritte „Sache“ durchsetzen müssen, die während des Krieges an der obersten Stelle gestanden hatte, nämlich die Sache der kriegführenden Staaten und Völker. Wenn nicht ein sehr großer Teil der Soldaten und zumal der Offiziere aus innerer Überzeugung auf der Seite der kämpfenden „Vaterländer“ gestanden hätten, würde der Krieg nicht länger als einige Wochen oder Monate gedauert haben, aber im Jahre 1918 waren alle Armeen und alle „öffentlichen Meinungen“ so erschöpft, daß eine längst vorhandene Überzeugung an Kraft gewann und sich zum Pazifismus der „Völkerbund“idee konkretisierte, die zuerst das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ sichern und letztlich „die Demokratie“ überall zur Herrschaft bringen wollte. Hier handelte es sich mithin ebenfalls um eine Sache, die tiefe Wurzeln in der Geschichte hatte und viele Millionen von Anhängern und Sympathisanten aufwies.

Nur e i n e m der handelnden Politiker wird die Vertretung einer „Sache“ nicht zugestanden, nämlich Adolf Hitler, der doch als „Führer“ des Deutschen Reiches für mehr als ein Jahrzehnt der stärkste Beweger der Geschichte gewesen war. Ihm gilt, zumal in Deutschland, nur insofern eine lebendige und „offizielle“ Erinnerung, als er aller Vermutung nach für den „Holocaust“ verantwortlich war, so daß es als genug erachtet wird, ihn als einen „Massenmörder“ oder als einen „Schlächter“ zu charakterisieren, der nichts anderes als die Befriedigung seiner Mordlust suchte.

Am ehesten wird ihm von nichtdeutschen Denkern und Historikern die Zugehörigkeit zu einer „Sache“ zugestanden, so etwa von dem angesehensten Holocaust-Forscher Israels, Yehuda Bauer, der schreibt, Hitler habe sowohl den Kommunismus wie den Kapitalismus „als die beiden Hauptübel der Moderne“ aus der Welt schaffen wollen23, und zwar (wie man ergänzen darf) um beide durch ein hierarchisch aufgebautes Staatensystem zu ersetzen, von dem der obere und nahezu durchweg „arische“ Teil aus „Sozialstaaten“ und der untere, weit größere, aus bloß dienenden „Sklavenstaaten“ bestehen würde.

Wenn das richtig war, dann war seine „Sache“ eine ganz außerordentliche : Der Kommunismus wollte nach seinen eigenen und immer wiederholten Aussagen und dann auch Taten den Kapitalismus vernichten, und viele der Vertreter des Kapitalismus oder der Unternehmerwirtschaft oder der „westlichen Demokratie“ träumten davon, den Kommunismus als Ideologie und als Sowjetstaat zu beseitigen. Hitler aber wollte nach Bauer beides, und er hatte sich damit in negativer Hinsicht die schwierigste aller „Sachen“ zur Aufgabe gemacht, Von „den Juden“ als solchen brauchte bei all dem keine Rede zu sein, es sei denn, sie hätten sich in ihrer großen Mehrheit für eine der beiden ideologisch geprägten Zielsetzungen entschieden. Nur dann war ein „Krieg gegen die Juden“ ein Aspekt jener außerordentlichen „Sache“, und von bloßem „Massenmord“ konnte lediglich dann die Rede sein, wenn sehr viele Juden sich nicht als „Kämpfer“ fühlten, sondern wenn sie die Metapher von den „Schafen, die zur Schlachtbank getrieben“ werden, für angemessen hielten.

Diese zweite Möglichkeit traf zweifellos auf die große Mehrzahl der deutschen und vieler europäischer Juden zu. Aber die entscheidende Frage ist die, ob nicht im Zusammenhang des ideologischen Krieges zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der bolschewistischen Sowjetunion die Dinge ein anderes Aussehen annehmen. Erst später kann die weitere Frage gestellt werden, ob Hitler einen idealtypischen Ort in den Auseinandersetzungen des vielgestaltigen Krieges einnahm - vorwegnehmend darf jedoch jetzt schon gesagt werden, daß in der weitesten Perspektive vom Ringen zweier Grundmöglichkeiten die Rede sein muss, von denen die eine – die egalitäre, die linke, die „jüdische“ – in meinen Augen die zukunftsvollere ist, ohne daß ihr indessen Absolutheit und Nichtkritisierbarkeit und damit der künftige vollständige Sieg über das entgegengesetzte Prinzip der gesellschaftlichen Struktur und der mannigfaltigen Ungleichheiten zugeschrieben wird. Daher können und müssen auch „die Juden“ und „Adolf Hitler“ zu Gegenständen der Wissenschaft werden, welche möglichst viele Stellungnahmen und Deutungen zur Kenntnis nimmt, die keiner davon, auch der einleuchtendsten nicht, ein überhistorisches und dogmatisches Recht zuschreibt, die aus der Distanz heraus abwägt und keinem argumentativ vorgebrachten Zweifel aus dem Wege geht.

Daher schreibt sie auch der anstößigsten aller Auffassungen nicht von vornherein ein totales Unrecht zu. Die nationalsozialistische „Judenvernichtung“ nimmt schon ein anderes Aussehen an, wenn sie mit der großen „Bürgervernichtung“ in Sowjetrussland zusammengesehen wird : sie erscheint als ideologisches und zugleich nachahmendes Verbrechen, das von seinem Präzedens durch eine Art von Halbherzigkeit abweicht, denn ein einzelnes Volk konnte, auch wenn man seine Bedeutung ausserordentlich hochschätzte, an Rang nicht den Phänomenen gleichkommen, die der Kommunismus aus dem menschlichen Leben entfernen wollte : dem individuellen und kollektiven Egoismus, dem „Privateigentum“ und der „Geldwirtschaft“. Die Absicht, eben diesen Kommunismus aus der Welt zubringen, indem man dessen angeblich stärksten einzelnen Faktor, „das Judentum“, vernichtete, war keine bloße „Phantasmagorie“, so wenig wie es bloße Phantasmagorie war, „das Privateigentum“ durch die Vernichtung der „Bourgeoisie“ beseitigen zu können; aber als Hitler zur Macht gelangte, war der Stalinsche Bolschewismus schon nicht mehr „jüdisch“, und die spätere Feindschaft zwischen Bolschewismus und Judentum zeichnete sich bereits ab. Mit dem Fortfall oder der Schwächung des Begriffs des „jüdischen Bolschewismus“ mußte auch die metaphysische Konzeption der „Welterlösung“ hinfällig werde, die von Anfang an in betontem Maße eine Nachahmung gewesen war. Als Grund einer Todfeindschaft blieb dann nur noch die Realität eines “Feindvolkes hinter der Front“, wie die Türken es in den Armeniern gesehen hatten. Nachahmung der philosophischen Konzeption des Feindes, irriges, weil allzu enges Verständnis dieses Feindes und dessen grob verengende Einschätzung („die Juden“ statt der partiell jüdischen Kommunisten und Radikalliberalen) waren also die Faktoren dieses „Antisemitismus“, der mit der überlieferten Abneigung gegen ein fremdes und fremd sein wollendes Volk kaum noch etwas zu tun hatte. Die einfachste und einleuchtendste Interpretation des „Holocaust“ ist indessen die, daß er die Fortführung der Ideologie der russischen „Weißen“ war, wie Hitler sie vornahm, als er bereits im Jahre 1920 in einer Rede sagte „Kampf gegen den Bolschewismus heißt in Rußland Ausrottung des Juden“24 Aber man macht sich die Dinge zu einfach, wenn man eine Aussage Hitlers unberücksichtigt läßt, die er 1923 gegenüber Robert D. Murphy formulierte : Kompromisse seien in der Politik notwendig und wünschenswert, aber wenn jemand das Leben des anderen bedrohe, könne es keine Kompromisse geben (ebda S.845). Eine bedingungsloseVerwerfung einer Partei des „Weltbürgerkriegs des 20. Jahrhunderts“ könnte also nur dann gerechtfertigt sein, wenn diese Partei behauptet hätte, ihr Leben sei bedroht, obwohl der politische Feind Derartiges nie im Sinn gehabt hätte. Erst hier kann das ernsthafte historische Fragen beginnen.

Wie sehr es notwendig ist, auch in Deutschland das scheinbar Feststehende und Nicht-Kritisierbare der „politischen Korrektheit“ zu überprüfen und in Frage zu stellen, macht schon ein flüchtiger Blick auf die historischen Werke von Nicht-Deutschen anschaulich, und ich wähle Werke eines Engländers und zweier Israelis.

Norman D a v i e s, englischer Osteuropa-Historiker, erinnert in seinem Buch „Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945“ nachdrücklich an Maximen, die in der Geschichtswissenschaft selbstverständlich sein sollten, nämlich die Verpflichtung aller Autoren, „Beurteilungsmaßstäbe unterschiedslos auf alle Konfliktparteien anzuwenden“, die „starre Perspektive der Geschichte von Siegern“ zu überwinden und das „grob vereinfachende Schema vom Kampf Gut gegen Böse“ in Frage zu stellen. Nicht wenige seiner Einzelaussagen müssen Deutsche wie ein Schlag treffen : der sowjetische „Schutz“ sollte die baltischen Staaten bis zu einem Viertel ihrer Bevölkerung kosten, „aber die meisten westlichen Geschichtsbücher erwähnen dies nicht einmal“ (S. 148); nach dem deutschen „Überfall auf Polen“ wurde die um zwei Wochen spätere Besetzung der östlichen Hälfte Polens durch die Sowjetunion kaum erwähnt; obwohl der Gulag „ein Massenverbrechen bis dahin unvorstellbaren Ausmaßes war, konzentrierte sich die westliche Wahrnehmung zunehmend einzig und allein auf den Holocaust.“ (S. 32) Doch es geht Davies nicht etwa darum, die Faktizität oder die Singularität von „Auschwitz“ zu bezweifeln, das „ohne Parallele“ ist; er will einzig die Proportionen zurechtrücken, die ohne die Einbeziehung Osteuropas und der Sowjetunion nicht richtig gesehen werden können.25

Der israelische Historiker Shlomo S a n d nennt in seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ diese Entität, die doch für den Zionismus schlechthin grundlegend und unverzichtbar ist, ein „essentialistisches Konstrukt“ (S. 412); er beschreibt die zionistische Auffassung als im Grunde „rassistisch“, weil jeder Israeli zu einer „einheitlichen Blutgemeinschaft“ gehöre und deshalb lasse der jüdische Staat Ehen zwischen Juden und Nichtjuden nicht zu, ja er habe nach seiner Entstehung über die Hälfte des Landbesitzes der arabischen Einwohner konfisziert; dieser jüdische Staat sei nicht als Demokratie, sondern als „Ethnokratie“ zu beschreiben (S. 447). Die große und ungelöste Aufgabe sei, endlich zu einer wirklich einheitlichen Staatsbürgerschaft von jüdischen und nicht-jüdischen Einwohnern zu gelangen.26

Das Buch von Avraham B u r g trägt den Titel „Hitler besiegen“, aber schon eine flüchtige Lektüre läßt erkennen, daß „der Hitler in uns“ gemeint ist und daß dieser ehemalige Sprecher der Knesset mindestens so weit von der „zionistischen Korrektheit“ entfernt ist, wie der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von der bundesrepublikanischen Korrektheit entfernt sein würde, wenn er die These aufgäbe, Auschwitz sei die Grundlage des gegenwärtigen deutschen Staates.27 Was man oft als die deutsche Fortschrittlichkeit bei der „Vergangenheitsbewältigung“ bezeichnet, könnte sich im Rahmen des Geschichtsverständnisses als Zurückgebliebenheit erweisen.

Was das vorliegende Buch angeht, so kann der Titel den falschen Eindruck hervorrufen, es gehe mir in erster Linie darum, „politisch unkorrekte“ Reflexionen vorzulegen. Ich meine, daß ich in den Jahrzehnten meiner engen Zusammenarbeit mit dem „Institut für Zeitgeschichte“ und dessen Vierteljahrsheften einiges für die Entstehung des Gebäudes der „politischen Korrektheit“ getan habe, insbesondere durch die Hervorhebung der Singularität der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“28damals war der Terminus „Holocaust“ noch nicht sehr gebräuchlich. Ich erinnere mich, während der achtziger Jahre in einer rechtsradikalen Zeitschrift gelesen zu haben, ich sei ursprünglich ein aktiver „Umerzieher“ gewesen, doch hätte ich mich seitdem den richtigen Auffassungen etwas angenähert. Das meiste habe ich indessen gegen meinen Willen für diese „Korrektheit“ durch den „Historikerstreit getan, weil sich viele und insbesondere jüngere Historiker in der Abwehr eines angeblich „unkorrekten“ Unternehmens einig waren und allerdings nicht erkannten, daß die meistkritisierte These, die vom „kausalen Nexus“ zwischen „Gulag“ und „Auschwitz“ dem Sinne nach bereits 1963 im „Faschismus in seiner Epoche“ enthalten war. Aber da sich die „Korrektheit“ seitdem so sehr ausgedehnt und verfestigt hat, hielt ich es für erforderlich, das „Unkorrekte“, d.h. die damit verknüpften Fragen und Einwendungen, stärker zu akzentuieren.

Der erste Hauptteil ist vornehmlich denjenigen Bewegungen und deren Gründern gewidmet, in denen ich die wichtigsten Faktoren der politischen und ideologischen Konflikte des 20. Jahrhunderts erblicke : dem Nationalsozialismus und dem Zionismus sowie daneben dem Bolschewismus. Das Ungleichgewicht, nämlich dass dem Bolschewismus nicht der angemessene erste Platz eingeräumt wird, rührt daher, daß dieser (wie allerdings auch der Nationalsozialismus) viel Raum in „Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945“ einnimmt.

Der am meisten hervorgehobene, weil in der Regel nicht ernsthaft thematisierte Faktor, nämlich das Judentum, findet seine Stelle gleich in dem ersten und umfangreichsten , durch drei weitere Kapitel ergänzten, Kapitel „Juden – Judentum – ‚Jüdischer Bolschewismus’“. Das ist ein Bereich, dem ich mich bisher nur ansatzweise und am ehesten in den „Streitpunkten“ von 1993 genähert habe. Dass sich hier zumal für Deutsche – und auch für diejenigen, welche die „rassistische“ Redewendung „Das ist zwar richtig, aber als Deutscher dürfen Sie das nicht sagen“ ablehnen – um ein „existenzielles“ Thema handelt, habe ich ihm ein allererstes Kapitel vorgeschoben, das die Überschrift „Der Autor als Ausgangspunkt“ hat und ein Verhältnis beschreibt, für das es nicht viele Parallelen geben dürfte. Vom 7. bis zum 10. Kapitel wird nahezu ebensoviel Platz dem Nationalsozialismus und Hitler eingeräumt. Kapitel über „Vergleiche“ und „Gedankenexperimente“ beschließen den ersten und umfangreichsten Teil.

Neue, bisher von mir erst umrißhaft behandelte Themen werden im Zweiten Teil „Umgreifendes“ vorgestellt, wo bis zu Phänomenen zurückgegangen wird, die teilweise seit ältesten Zeiten existieren wie der Egalitarismus und „die Linke“. Am Schluß folgt ihnen der Aufstieg zu den noch nicht vollkommen realisierten Zukunftserscheinungen der „Weltzivilisation“ und der „Nachgeschichte“.

Der Dritte Teil, „Annäherungen an die Philosophie“, beschäftigt sich in der Hauptsache mit den Aussagen zur Anthropologie und zur Theologie, die in den einschlägigen Darstellungen zu finden sind oder sich daraus ergeben. Nicht ganz selten mag sich die Frage aufdrängen, wie es um den Zusammenhang steht. Jedenfalls endet das Kapitel zur Theologie mit der Vorstellung Hitlers zum „Naturgott“, dem er das Nachdenken seiner Ruhezeit nach dem „Endsieg“ widmen wollte.

Der „Anhang“ gibt diejenigen, oft sehr kurzen, „Gedankensplitter“ wieder, wie sie anfänglich ohne sachliche Ordnung aneinandergereiht waren, aber auch längere Überlegungen, die teilweise aus jüngster Zeit stammen.

Dieses Buch unterscheidet sich von allen meinen früheren Büchern dadurch, daß es nicht ein festumrissenes und „historiographisches“ Thema hat wie den „Faschismus“ oder den „Europäischen Bürgerkrieg“ und daher zielstrebig auf ein Ende zugeht. Es hat sich ja sozusagen selbst geschrieben. Nach der Vollendung meines achten Lebensjahrzehnts war ich entschlossen, keine umfangreichen Bücher von mehreren hundert Seiten und mit zahlreichen Fußnoten mehr zu schreiben. Ich habe dann aber doch so etwas wie ein „intellektuelles Tagebuch“ geschrieben, in dem sich nebeneinander eine Anzahl von kurzen Überlegungen und Beobachtungen, oft durch einen zufälligen Anlaß verursacht, und kleine Abhandlungen von mehreren Seiten fanden. Sie sind in einem doppelten Sinne „spät“ : im Sinne des Lebensalters des Autors und im Sinne der epochalen Veränderungen, die seit 1989/91 stattgefunden haben. Damals war „der Islamismus“ noch kein zentrales Thema der Politik und des Denkens, und bis heute ist er kein Teil eines „Weltbürgerkrieges“, der die Nationen in todfeindliche Parteien spaltet. Wohl aber kann er der Beginn eines neuartigen und nahezu weltweiten Bürgerkrieges sein, wenn der Islam sich als politisch aktive Kraft über größere Teile der nicht-islamischen Welt verbreiten sollte oder wenn man berechtigt zu sein glaubt, von einem christlich-jüdisch-islamischen Kulturraum zu sprechen. Ich habe mich dieser Frage unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Widerstandsbewegungen gegen „den Westen“ in skizzenartigem Umriß genähert, so im Rahmen des Buches von 2009 „Die dritte radikale Widerstandsbewegung : der Islamismus“

Dann entdeckte ich bei der allmählichen, im Jahre 2003 begonnenen Niederschrift der „Gedankensplitter“, wie der provisorische Titel hieß, daß ich immer wieder auf bestimmte Themen zurückkam und daß nur eine Anordnung nach Sachgebieten erforderlich sein würde, um den Rahmen eines genuinen Buches zu bilden. Aber die 600 oder 700 Seiten und die entsprechenden Anmerkungen zu schreiben wollte - und konnte – ich mir nicht mehr zumuten. Ich fand den Versuch lohnend, über Wissenschaft und die Zweifelsfragen historischer und philosophischer Art, die damit verbunden sind, ohne die Unterwerfung unter „fachwissenschaftliche“ Zwänge und das heißt auf eine Weise nachzudenken, die man „punktuell“ oder auch „feuilletonistisch“ nennen mag. Auf Wunsch des Verlages habe ich diese Einführung durch eine kleine Bibliographie und eine Anzahl von Fußnoten ergänzt. Im Rest des Buches wird Derartiges nur in Ausnahmefällen vorgenommen. Wo es ratsam ist, Belegstellen anzugeben, werden sie dem laufenden Text in Klammern eingefügt.

Ob ein Buch des einfachen und nicht-systematischen Nachdenkens eines nach dem Urteil einiger Kritiker „ehemaligen Historikers“ einen Platz neben dessen früheren Werken zum „Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts“ einnehmen darf oder ob das Alterswerk nur allzu deutlich abfällt, werden die Nachlebenden entscheiden müssen, sofern sie nicht den bequemen Weg der pseudoreligiösen Absolutsetzungen eingeschlagen haben, denen gegenüber alle Wissenschaft ohne Gewicht ist.



Berlin im Dezember 2010             Ernst Nolte





Die kleine Bibliographie, die an den Schluß gestellt wurde, ist nicht nach Kapiteln, sondern nach den übergreifenden Themen und Fragestellungen geordnet; sie beginnt also mit Titeln von allgemeiner Art. Bis auf wenige Ausnahmen werden nur deutsche Ausgaben nebst deren Verlagen angeführt.

2 Lothar Kettenacker : Krieg zur Friedenssicherung. Die Deutschlandplanung der britischen Regierung während des Zweiten Weltkriegs. Göttingen(Zürich 1989, S. 491

3 Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher Bd. IX.

4 Der Begriff „Schauprozess“ ist hier keine negative Kennzeichnung. Alle großen Prozesse, die eine eminente politische Bedeutung haben, werden entweder unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder wegen des überbordenden Interesses der Medien und der potenziellen Zuhörer als „Schauprozeß“ geführt. In diesem Sinne war auch der Auschwitz-Prozess ein „Schauprozeß“. Aber die Verteidiger äußerten sich mit beträchtlicher Offenheit, nicht anders als im Eichmann-Prozess, und gegen das formale Verfahren scheinen nie ernsthafte Einwände erhoben worden zu sein. Allerdings entsprachen beide Prozesse nicht der verbreiteten Erwartung, daß sie (nach dem Vorbild der deutschen Untersuchungen zu „Katyn“ im Jahre 1943) unter internationaler Beteiligung durchgeführt werden würden.

5 Vgl. Yehuda Bauer : Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Frankfurt 2001 (Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag)

6 z.B. Nikolaj Bucharin : Das Programm der Kommunisten (Bolschewiki); Berlin o.J. (1918), S.13

7 Ein „großer Glaube“, auch von „bloß politischer (d.h.ideologischer) Art“ kann die Köpfe und Herzen von vielen Millionen Menschen ergreifen, und er geht über die Grenzen der Nationen sowie der Klassen und Kulturen weit hinaus. Er hat in der Regel tiefe geschichtliche Wurzeln, die bis in älteste Zeiten zurückreichen mögen. Wenn er an konkreten Realitäten scheitert oder sich abschwächt, geht ihm die Möglichkeit einer veränderten Wiedergeburt nicht verloren.

Der „Sozialismus“ hatte trotz aller seiner Differenzen und Versionen von seinen Anfängen an dieses Merkmal, und in Gestalt des Marxismus strebte er mit großem Erfolg den Charakter der wissenschaftlich begründeten Einsicht an. Die Ideologie des Faschismus bzw. des Nationalsozialismus besaß ähnliche Kennzeichen, aber meist in Gestalt von Nachahmung und geringerer Radikalität. Auch sie orientierte sich in ihren verschiedenen Erscheinungsformen an einem Idealbild, das häufig „utopisch“ genannt wurde, dem aber der Wille zur Überwindung geschichtlicher Grundrealitäten wie Struktur, Partikularität und Ungleichheiten fehlte. Ihre Nachahmung war also begrenzt, und insofern war sie realistischer, und je nach den Zeitumständen konnte sie den Alltagsempfindungen und –vorstellungen großer Menschenmassen näher sein.

8 Grigorij Sinowjew : Zwölf Tage in Deutschland. Hamburg 1921 (Verlag der Kommunistischen Internationale), S.78,81 f.

9 Rote Gedichte und Lieder. Berlin 1924 (Neuer Deutscher Verlag), S.59,67

10 Sinowjew (s. Fn. 8) S.62

11 S.P. Melgunow : Der rote Terror in Rußland 1918 – 1923. Berlin 1924 (Verlag Olga Diakow). Der Autor betont mit Recht den unterscheidenden Charakter der Öffentlichkeit der Aufrufe zu Massenmord auf der Seite der Bolschewiki und der starken Disproportionalität der Vergeltung im Verhältnis von Tätern und Opfern, die bis zu 1 : 1000 gehen konnte.

12 Winston S. Churchill : The World Crisis. London 1929, S. 74

13 Adam B. Ulam : The Bolsheviks. The Intellectual, Personal and Political History of theTriumph of Communism in Russia. Ausgabe “Collier Books” 1968, S. 190

14 Alfred Rosenberg : Pest in Rußland. Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer Gekürzt von Georg Leibbrand. München 1937 (zuerst München 1922 Deutscher Volksverlag), S……

15 Leonard Stein : The Balfour Declaration. London 1961, S. 275 Vgl. auch “....Der Islamismus“ S. 125

16 Henry Wickham Steed : Through Thirty Years 1892-1922. A Personal Narration. London 1924, Bd.2, S. 389,391.

17 Alex P. Schmid : Churchills privater Krieg. Zürich und Freiburg 1974 (Atlantis), S 293. Churchill macht jedoch immer einen sehr klaren Unterschied zwischen den bolschewistischen und den zionistischen Juden, welche auf der Seite Englands ständen.

18 Isaak Babel : Budjonny’s Reiterarmee……………….Ähnliche Voraussagen finden sich in der Literatur nicht selten, so auch bei Steed, der schreibt : wenn die russische Bauern eines Tages das bolschewistische Joch abwürfen, dürfte die Welt Massaker in einem Ausmaß erleben, mit denen verglichen die Pogrome unter dem Zarismus bedeutungslos erscheinen würden. (s.Fn.16) S. 393

19 Orlando Figes : Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der Russischen Revolution 1891 bis 1924. Berlin 1998 (Berlin Verlag), S.716. Man sollte nicht übersehen, daß aus dem englischen Sprachraum auch ein Buch über den Nationalsozialismus stammt, das den Begriff „Tragödie“ im Titel führt : Peter Phillips : The Tragedy of Nazi Germany. New York 1970 (Praeger).

20 Von der Gegenseite stammt eine häufig zitierte Aussage, die einem Rabbiner zugeschrieben wird :“Die Trotzkis machen die Revolution, und die Bronsteins zahlen die Zeche.“

21 Günter Rosenfeld : Sowjet-Russland und Deutschland 1917-1922 Köln (Pahl-Rugenstein) 1984, S. 249

22 in „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ 3, 1955, S. 204-210

23 Y. Bauer, s. Fn. 5, S. 115

24 Hitler Sämtliche Aufzeichnungen . Hrsg. von Eberhard Jäckel zusammen mit Axel Kuhn. Stuttgart 1980 (DVA), S. 352, 845 (zu Murphy)

25 Norman Davies : Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939 -1945. München 2009 (Droemer-Knaur)

26 Shlomo Sand : Die Erfindung des jüdischen Volkes. Berlin 2010 (Propyläen)

27 Avraham Burg : Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss. Frankfurt 2009 (Campus)

28 O.D. Kulka : Die deutsche Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus und „die Endlösung“. Tendenzen und Entwicklungsphasen 1924-1984. In HZ 240, 1985), S. 599-640, bes. 617-619.