Ernst Nolte

Dr. phil., em. Professor für Neuere Geschichte

Schlussbetrachtung:

Der Nationalsozialismus als Vernichtungsideologie und -realität vor dem Hintergrund des Bolschewismus

 

   Eine Sturzwelle von Emotionen ging durch ganz Europa bereits seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli/August 1914, und sie wandelte sich durch den Verlauf des Krieges selbst vom überwiegend Positiven zum überwiegend Negativen, aber eine qualitative Differenz trat von dem Augenblick ein, wo sich Massenemotionen mit massenhaften Interpretationen verbanden, nämlich mit der von vielen Menschen geteilten Überzeugung, dass dieser Krieg kein unglücklicher Zufall, kein unabwendbares Ereignis wie ein Vulkanausbruch gewesen sei, sondern dass es “Schuldige” gebe, durch deren Beseitigung das Unheil an ein Ende gebracht werden könne, und zwar an ein dauerhaftes Ende. Die einfachste Schulderklärung richtete sich natürlich gegen die Staatsmänner, die in diesen Krieg durch Unachtsamkeit “hineingeschliddert” seien oder die wohl gar in der Verfolgung unberechtigter Ziele des Machtgewinns oder der Raumerweiterung das Massensterben in Kauf genommen oder möglicherweise intendiert hatten. Für die einzelnen Mächte waren es immer die gegnerischen Staatsmänner und die gegnerischen Zielsetzungen, welche für schuldig erklärt wurden, aber die Ausdehnung auf “die Generäle” lag sehr nahe, und dann war der Übergang zur Anklage gegen bestimmte übergreifende Tendenzen wie etwa den “Imperialismus” schnell gemacht. Diese Ausweitung wurde keineswegs nur von vielen Sozialisten vorgenommen, sondern sie wurde auch auf den linken Flügeln der “bürgerlichen” Parteien artikuliert, und sie führte zu der Forderung, dass der Krieg durch einen Versöhnungsfrieden beendet werden müsse und dass für die Zukunft neue Formen des politischen Zusammenlebens zwischen den Staaten gefunden werden müssten, etwa in Gestalt eines “Völkerbundes”. Eine extreme Interpretation innerhalb der großen “Friedenspartei” war die These, dass “der Kapitalismus” die Schuld trage, und sie konnte in der Weise verengt werden, dass bestimmte Gruppen als “Kriegsschuldige” angeklagt wurden, nämlich “die Kapitalisten” oder “die Bourgeois”. Diese Interpretation fand nur auf den äußersten linken Flügeln der sozialistischen Parteien Vorkämpfer, und sie war lange Sache einer kleinen Minorität, während eine ganze Anzahl von Sozialisten in beiden Lagern sogar den Anhängern der “Siegfriedensidee” nahe standen. Aber die Kritik am “Kapitalismus” war der Kern des Sozialismus überhaupt, und der Gedanke, “die Reichen” zu bestrafen und ihnen das geraubte Eigentum zu rauben, war der einfachste aller Volksgedanken. Die bolschewistische “Oktoberrevolution” war nichts anderes als der Sieg der Minderheitsmeinung unter den Marxisten und der verbreitetsten Volksmeinung unter den Volksmassen in demjenigen Land, das die größten Verluste erlitten hatte, in Russland. Mit dem “Körnchen” der bolschewistischen, von Lenin erzogenen “Führerorganisation” kam auf der Basis einer vorhergehenden und gleichzeitigen Volksbewegung die “militante Friedenspartei” an die alleinige Macht, welche zugleich die Partei der radikalen Umwandlung aller Verhältnisse in Richtung auf die egalitäre Planwirtschaft des “Sozialismus” war. Seit ihrem Siege nahmen die allgemeinen Kriegsemotionen eine andere Gestalt an: die Gestalt der enthusiastischen Zustimmung oder der erbitterten Ablehnung. Nicht mehr bloß eine Interpretation, sondern eine Ideologie trat in jene Sturmflut der Emotionen ein und teilte sie, wie einst die Wasser des Roten Meeres sich nach der bekanntesten aller Ursprungserzählungen für den Durchzug der Israeliten geteilt hatten. Die Widerstände, die dieser Revolution begegneten, waren gewaltig, und die Energie, mit denen sie sich ihnen entgegenstellte, war außerordentlich: der Enthusiasmus, den sie auslöste, machte sich überall bemerkbar, selbst im Lager der Alliierten, und der Schrecken, den sie hervorrief, wurde sehr rasch auch in Deutschland mächtig, obwohl das Deutsche Reich noch für lange Monate Grund hatte, in dieser Revolution ein positives, weil den Sieg im Weltkrieg näherbringendes Ereignis zu sehen. Um das Nebeneinander und Ineinander von Enthusiasmus und Schrecken noch einmal anschaulich zu machen, zitiere ich einige Abschnitte aus den Berichten eines deutschen Schriftstellers, der als Korrespondent der Frankfurter Zeitung in Moskau ein Augenzeuge der Ereignisse war, nämlich Alfons Paquets, und ich beginne diesmal mit dem Schrecken.

   Am 10. September 1918, bald nach den Attentaten auf Lenin und Uritzki, schreibt Alfons Paquet folgendes: Es wäre “jetzt an der Zeit, feierlichen Protest einzulegen gegen das, was gegenwärtig in dem unglücklichen Russland geschieht. Der Augenblick wäre gekommen, die ganze Menschheit aufzurufen gegen das Grässliche, das jetzt in allen Städten Russlands vor sich geht: die planmäßige Vernichtung einer ganzen Gesellschaftsklasse, die Zerstörung unzähliger Menschenleben, die durch tausend Fäden der Bildung und des Berufes mit den übrigen Völkern der Erde verbunden sind [...]. Die Städte Moskau und Petersburg zittern. Schuldige und Unschuldige [...] werden auf Grund eines bloßen Verdachts [...] von der außerordentlichen Kommission jener eigentümlichen, in schwarzen Lederanzügen auftretenden Inquisitionsgruppe gegriffen [...] und ein paar Stunden später erschossen. Die Erschießungen finden meistens früh morgens statt, beim grellen Licht der Scheinwerfer an den mit Opfern beladenen Lastautomobilen, in dem Wäldchen an der Semenowskaja Sastawa oder auf dem Chodynka-Felde. Rücksichtslos requiriert man Häuser, Wohnungen und Wohnungseinrichtungen in allen Stadtteilen.”{1}

   Aber derselbe Mann beschreibt wenig später die Feierlichkeiten zum 1. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November, eine eindringliche Inszenierung, mit unverkennbarer Faszination, und man spürt die innere Zustimmung, wenn er hinzufügt: “Aber das Leben, fragwürdig in jedem Schritt, ist wieder ein Dasein geworden! Das verhasste Zeitalter der Geschäfte ist wahrhaftig hingemordet, das alte, feige Philistertum, jenes allwissende Bürgertum von früher, ist von seinen eigenen Knechten erschlagen.”{2} So überrascht es nicht, wenn Paquet (der 1933 von den Nationalsozialisten aus der Preußischen Akademie für Dichtkunst ausgestoßen wurde) schon 1919, nach Deutschland zurückgekehrt, die These aufstellt, die Welt habe mit dem Bolschewismus “die Geburt der Idee einer neuen Menschheitsepoche” erlebt und alles Grausige, was damit einhergegangen sei, berechtige nicht zu der Behauptung, das Vorhergehende sei besser gewesen.{3} Wie sollte sich die übrige Welt einem so ungeheuren Phänomen gegenüber verhalten, das gleichzeitig so viel Enthusiasmus und so viel Schrecken hervorrief und das sich in den Besitz des größten Staates der Erde gesetzt hatte?

   Sie konnte sich von der Begeisterung hinreißen lassen und sich die Sache der militanten Friedenspartei zu Eigen machen; ebendies erwarteten Lenin und Sinowjew, als sie an die Ausrufung der Räterepubliken in Ungarn und Bayern die zuversichtliche Hoffnung knüpften, in aller Kürze den “Weltsowjet” nach Berlin einberufen zu können, damit von dort die endlose Friedensperiode der nicht mehr in Klassen und Staaten geteilten Menschheit ihren Ausgang nehme. Aber haben sich jemals siegreiche Mächte einem Aufruf gefügt, der von Besiegten ausging? War nicht in Deutschland “das Bürgertum” zusammen mit den vielen Kleinbürgern viel stärker als in Russland, standen nicht trotz der Niederlage zahlreiche Offiziere und Soldaten verlässlich hinter der Regierung der Mehrheitssozialdemokratie? Schon gegen Ende 1920 war klar, dass die Kommunisten in Deutschland einen langen und zähen Kampf würden führen müssen, wenn sie, vielfältig von Sowjetrussland unterstützt, zum Siege gelangen wollten.

   Die übrige, die “westliche” Welt konnte sich aber auch, im Bewusstsein oder der Einbildung eigener Stärke, dem “normalen Leben” wieder zuwenden und dem Ideologiestaat im Osten lediglich besorgte Aufmerksamkeit zuwenden oder sogar eine “Politik der Umarmung” treiben, indem man Radeks Gefängniszelle in Moabit wie einen Salon besuchte, eifrig an den Empfängen der Botschaft teilnahm oder die schöne Gattin eines Volkskommissars zu Modewettbewerben einlud. Von dieser Alternative im deutsch-sowjetrussischen Verhältnis zeichnet das Buch von Karl Schlögel Berlin, Ostbahnhof Europas{4} ein sehr lebendiges Bild. Es ist zu vermuten, dass die klügeren Politiker glaubten, die Anschauung des bewegten Parteienlebens in Deutschland werde als Kontrast zu den eintönigen Verhältnissen im Heimatlande für die Intellektuellen unter dem sowjetischen Botschaftspersonal attraktiv sei, wenngleich schwerlich für die nicht wenigen GPU-Leute, und noch mehr werde die Fülle des Warenangebots und die Mannigfaltigkeit des geistigen Lebens auf die Dauer einen unwiderstehlichen Eindruck ausüben; letzten Endes werde aus der Systemkonkurrenz der deutsche und hauptsächlich westliche Liberalismus siegreich hervorgehen.

   Aber es gab auch eine dritte Möglichkeit, und sie war im Rahmen des Parteiensystems sogar eine Notwendigkeit. Wenigstens eine größere Gruppe von Menschen musste den Schrecken so stark und so ausschließlich empfinden, dass sie in Angst, Zorn und Erbitterung eine Partei zu bilden suchten, die ebenso militant sein würde wie die militante Partei der Kommunisten und die daher mit ebenso großer Energie den Feind zu vernichten suchen würde, wie es die Kommunisten zu tun beabsichtigten. Eine solche Partei konnte sich nicht auf eine so lange und bedeutende Vorkriegsgeschichte stützen, wie die Bolschewiki es konnten, und es war wahrscheinlich, dass sie es nie zur Geschlossenheit bringen würde, da viele und unterschiedliche Traditionen in sie einfließen würden, deren sich vermutlich verschiedene “Führer” annehmen würden. Eine der wichtigsten dieser Traditionen war natürlich die “Siegfriedenspartei”, die jetzt in erster Linie als Anti-Versailles-Partei auftreten musste, die sich aber keinesfalls als militante Kriegspartei der militanten Friedenspartei entgegenstellen durfte, sondern höchstens als “Partei der positiven Kriegserfahrung”, die den Vorkämpfern der Partei der negativen Kriegserfahrung als Deserteuren und Verrätern den Kampf ansagte. Doch wenn die bloß virtuelle Partei einen charismatischen, von starken Überzeugungen durchdrungenen Führer fand und wenn sie den militanten Kampf gegen das wichtigste und auffallendste politisch-ideologische Phänomen des Zeitalters, nämlich, die Weltpartei der Kommunistischen Internationale und zuvörderst die KPD, in den Mittelpunkt stellte, dann hatte sie gute Aussichten, zu einer starken und einheitlichen Partei zu werden, ja unter bestimmten Umständen sogar die Macht im Staate auf ähnliche Weise ebenso zu übernehmen, wie die Partei Lenins es getan hatte. Und schon im Jahr 1922 eroberte ja tatsächlich eine militant antibolschewistische Partei, die allerdings ebenso sehr nationalistisch war, die alleinige Macht in einem Großstaat, nämlich die “nationalfaschistische Partei” in Italien, und es hätte den dortigen Sozialisten mehr ein Anlass zum Nachdenken als zu fesselloser Polemik sein sollen, dass an der Spitze ein Mann stand, der bis 1914 als die führende Persönlichkeit der Sozialistischen Partei Italiens gegolten hatte, nämlich Benito Mussolini. Aber wenn in Deutschland eine faschistische, besser: eine radikalfaschistische Partei den Sieg gewann, dann würde aller Wahrscheinlichkeit nach über kurz oder lang ein “Weltanschauungskrieg” zwischen den beiden todfeindlichen Ideologiestaaten die Folge sein.

   Es ist die Kernthese dieser Abhandlung wie früher schon meines Buches Der Faschismus in seiner Epoche, dass diese so leicht als Idealtyp zu deduzierende Partei keine andere als die NSDAP Adolf Hitlers war und dass sie am ehesten verstehbar und begreifbar wird, wenn man sie als die militante Gegenpartei zur militanten Kommunistischen Partei und damit auch vor dem Hintergrund der bolschewistischen Revolution von 1917 sieht.

   Gegen diese Bestimmungen wurden und werden nachhaltige und oft sehr emotionale Einwendungen erhoben. Alle, die den Kommunismus ablehnen oder auch nur kritisieren - und das waren bis 1991 alle nichtkommunistischen Parteien -, müssen sich dadurch angegriffen fühlen, denn anscheinend wird dem Nationalsozialismus eben durch diese Affinität ein gewisses Recht zugeschrieben oder doch ein erhebliches Maß von Verständnis zugewendet. Kann die Hervorhebung des antikommunistischen Charakters nicht geradezu zu einer Apologie, ja letzten Endes zur Rechtfertigung von Massenverbrechen führen, die mindestens gegen die Massenverbrechen des Bolschewismus “aufgerechnet” werden? War nicht der Nationalsozialismus in allererster Linie eine “antisemitische” Partei, mit der man selbst keinerlei Übereinstimmung aufweist, sodass sie ohne Einschränkung verurteilt werden kann? Wandte sich der Nationalsozialismus nicht ebenso sehr gegen den Marxismus und schon gegen den Liberalismus, sodass er nicht als eine “antikommunistische Partei” verstanden werden kann? Muss man ihn nicht vielmehr als “antimodern” definieren, wie schon das Motto “Blut und Boden”, aber auch die Feindschaft gegen die avantgardistische Kunst unter Beweis stellt? War Hitler nicht in erster Linie ein Sozialdarwinist und ein “Lebensraum”politiker, der den Antikommunismus lediglich für sein Machtstreben instrumentalisierte, wie ja schon das Faktum des Pakts mit Stalin zeigt? Schwächt man nicht die moralische Verdammung, welcher der Nationalsozialismus vor allem wegen des “Holocaust” unterliegen muss, wenn man Hitler als einen Antikommunisten immerhin ein verstehbares, nachvollziehbares Motiv zubilligt? Aber ein überzeugter Kommunist, der allerdings irgendwie mit der Gestalt Stalins ins Reine gekommen sein müsste, kann gerade die antikommunistischen Motive Hitlers leicht verstehbar, ja einsichtig finden und sie trotzdem rückhaltlos verwerfen. “Verstehen” ist keineswegs notwendigerweise mit “Verzeihen” identisch.

   Ich nehme diese und andere Einwände durchaus ernst, und ich denke, dass ich auf einige davon schon eine Antwort gegeben habe oder noch geben werde. Zunächst stelle ich zwei Thesen auf:

   1. Jeder Historiker ist als solcher verpflichtet, jeden Gegenstand, dem er sich zuwendet, soweit wie irgendmöglich verstehbar und möglicherweise sogar verständlich zu machen, obwohl er sein moralisches Urteil nicht mit dem historischen identifizieren darf. Von dieser Maxime sind auch Adolf Hitler und die NSDAP nicht auszunehmen.

   2. Der beste Weg, Hitler und die NSDAP so verstehbar wie möglich zu machen, besteht darin, ihre Geschichte vor dem Hintergrund des bedeutendsten und bewegendsten politischen Ereignisses des 20. Jahrhunderts zu sehen, nämlich vor dem Hintergrund der bolschewistischen Revolution von 1917 und der darauf folgenden internationalen kommunistischen Bewegung.

   An dieser Stelle empfiehlt es sich, eine Äußerung des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann anzuführen, der am 1. September 1969 in einer Rede folgendes sagte: “[...] Zu den neuen Verhaltensweisen wäre zu rechnen, an der Angst und der Trauer, an dem Stolz und der Empfindlichkeit des Gegners Anteil zu nehmen”.{5} Er sagte das im Hinblick auf das Regime der DDR und nahm damit viel von der künftigen “Neuen Ostpolitik” vorweg. Aber die Gültigkeit des Satzes lässt sich nicht auf Erich Honecker einschränken. Man macht sich von Hitler, Göring, Goebbels, Rosenberg und vielen anderen eine “dämonische” oder mythologische und keine im einfachsten Sinne “menschliche” Vorstellung, wenn man behauptet, sie seien unfähig gewesen, Angst, Trauer und Stolz zu empfinden. Trotz aller solchen Anteilnahme bleiben sie “Gegner”, und sie würden Feinde sein, wenn sie nicht schon seit mehr als einem halben Jahrhundert tot wären und wenn es nicht so verächtlich wäre, auf längst Verstorbene mit nur allzu lebendiger Wut einzuschlagen. Ich werde daher diese Schlussbetrachtung auf die - grundsätzlich, wie sich versteht, falsifizierbare - Annahme gründen, dass hinsichtlich der Vernichtungsideologie und -realität des Nationalsozialismus nichts eine ebenso aufschließende und erhellende Kraft besitzt wie eine Untersuchung der Reaktionen der führenden Männer gegenüber der früheren Vernichtungsideologie und -realität des Bolschewismus - Reaktionen, die sich in erster Linie als die Emotionen der Angst, des Zorns und der Erbitterung beschreiben lassen. Aus dem Mangel an Bereitschaft, die Aufforderung Heinemanns oder - besser - die einfachen Maximen der Geschichtswissenschaft ernst zu nehmen, können nur jene “Fibeln ad usum delphini Teutonici” hervorgehen, die sich als “Vergangenheitsbewältigung” verstehen möchten.

   Die Ideologie Hitlers und einiger seiner bekanntesten Gefolgsleute ist schon das Thema des zweiten und des dritten Kapitels gewesen. Bereits dort ist klar geworden, wie sehr sie von dem Hinblick auf den Bolschewismus und auf Sowjetrussland bestimmt war, ja wie sehr sie selbst auf einem Postulat beruhte, dass aus eben diesem Hinblick abgeleitet wurde. Gleich im zweiten Kapitel des ersten Bandes von Mein Kampf ist zu lesen: “Wird der Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit, aber gleicher Brutalität der Durchführung entgegengestellt, wird diese siegen, wenn auch nach schwerstem Kampfe.”{6} Es wird also nicht etwa nur die militante Umsetzung einer schon vorhandenen Ideologie verlangt, sondern auch die “Gegen”-Ideologie kann erst im Kampf mit dem Feinde entwickelt werden. Eine bloß anti-bolschewistische Gegenideologie ist aber offensichtlich nicht zureichend, denn der Bolschewismus stellt sich selbst in den Zusammenhang einer älteren und umfassenderen Partei und Ideologie hinein, nämlich in denjenigen der Sozialdemokratie der Vorkriegszeit, die sich in ihrer orthodoxen Version tatsächlich als “kommunistisch” hätte bezeichnen können, und damit in den Rahmen des Marxismus. Faktisch subsumiert Hitler aber auch die Mehrheitssozialdemokratie der Nachkriegszeit, die Partei Friedrich Eberts und Karl Kautskys, unter den Begriff “Marxismus”, und damit weist er den marxistisch geprägten Antikommunismus zurück, der sich dem Antikommunismus des pluralistischen Parteiensystems, wenngleich nicht ganz ohne Widerstreben, eingefügt hatte. Dadurch hatte er aber, wie er in einer Rede selbst sagte, 40% des deutschen Volkes gegen sich, und darunter gerade viele der aktivsten gläubigsten Elemente. Sie alle jedoch neigten, wie Hitler meinte, mehr oder weniger dem großen feindlichen Staat im Osten zu. Für diese ebenso bedrohliche wie rätselhafte Tatsache musste eine Erklärung gefunden werden, und sie ließ sich nach Hitler nur im Wirken “des Juden” entdecken, das, wie insbesondere das Gespräch mit Eckart zeigt, zugleich eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Geschichtsdeutung ermöglichte, welche sich der Geschichtsphilosophie des Marxismus an die Seite stellen konnte. Es wird in den Darstellungen des Hitlerschen “Antisemitismus” viel zu wenig beachtet, wie sehr gerade die bekanntesten antisemitischen Aussagen zugleich “antimarxistisch” und damit antibolschewistisch sind, sodass der Charakter des Antisemitismus als eines “Universalschlüssels” in die Augen springen sollte. Das wird ja schon in dem Titel Der Bolschewismus von Moses bis Lenin deutlich und nicht minder in der überaus pathetischen und absurd erscheinenden Prophezeiung, wenn der Jude über die Völker dieser Welt siege, dann werde dieser Planet wieder menschenleer durch den Äther ziehen, denn die entscheidende Wendung lautet “mithilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses”, und ganz ebenso heißt es in der vielzitierten Vernichtungsprophezeiung vom 30. Januar 1939, ein Sieg des Judentums sei gleichbedeutend mit der “Bolschewisierung der Erde” und dieses Unternehmen vollziehe sich unter der “jüdischen Parole ‘Proletarier aller Länder, vereinigt euch”.{7} Wie sehr Hitler im Grunde den Bolschewismus im Auge hat, wenn er von “Juden” spricht, geht aus einigen der Wendungen, die ich in dem zweiten Kapitel zitiert habe, sehr deutlich hervor, und ich füge hier lediglich noch einige Sätze hinzu. So liest man in den Stichworten zu einer Rede vom September 1921: “Bolschewisierung, das heißt Beseitigung der nationalen Intelligenz. Ein Riesenkrieg. Jawohl. Russland vollendet.”{8} Und fast 25 Jahre später sagt der “Führer und Reichskanzler” in einer Rede vom 26. Mai 1944 genau dasselbe: “[...] Der Bolschewismus würde Millionen und Millionen und Millionen unserer Intellektuellen abschlachten [...] Die Kinder höherer Schichten würden wegkommen und beseitigt werden.”{9} Ich glaube nicht, dass man Wendungen wie diese, die sich in allen Abschnitten von Hitlers Leben finden lassen, als bloße und kühlkalkulierte “Angstmacherei” abtun darf; es dürfte viel wahrscheinlicher sein, dass sie in einer genuinen Angst begründet waren. Und der Zusammenhang zwischen Vernichtungswillen und Vernichtungsfurcht kommt besonders deutlich zutage, wenn Hitler im April 1943 in einer Unterredung mit Nikolaus Horthy dem ungarischen Staatschef nahe legt, schärfere Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und wenn er fast unverhüllt für Massentötungen mit dem Argument plädiert: Die Juden müssten wie Tuberkelbazillen behandelt werden. Derartiges sei nicht grausam, wenn man bedenke, dass sogar unschuldige Naturgeschöpfe wie Hasen und Rehe getötet werden müssten, damit kein Schaden entstehe. “Weshalb sollte man die Bestien, die uns den Bolschewismus bringen wollten, mehr schonen?”{10} Den heutigen Leser packt mit Recht nichts als Entsetzen, der Kenner aber erinnert sich daran, dass Hitler 20 Jahre zuvor ein anderes Gespräch mit einem anderen Ausländer geführt hatte, in dem eine ganz ähnliche Wendung vorkommt. Es handelt sich um ein Interview, das Hitler im September 1923 dem amerikanischen Autor George Sylvester Viereck gewährte und in dem er das deutsche Verhältnis zu den Juden mit dem amerikanischen Verhältnis zu den Japanern verglich. Sowohl Juden wie Japaner seien alte Völker mit einer alten Kultur. Aber die Amerikaner gäben den Japanern nicht die Staatsbürgerschaft, anders als die Deutschen den Juden: “Yet, the Japanese, unlike the Jews, are not a destructive force. They have ruined no state. They are not carriers of Bolshevism [...]”.{11} Diese Parallele ist zugleich ein weiterer Beweis für die staunenswerte Kontinuität und Unveränderlichkeit von Hitlers Denken, das dann am richtigsten verstanden wird, wenn man es in Angst und Hass gegenüber dem Bolschewismus verwurzelt sieht, von dem ausschließlich die Seite des “Schreckens” wahrgenommen wird, während die Faktizität des Enthusiasmus nur insofern ins Spiel kommt, als Hitler nach einer Erklärung für das rätselhafte Faktum sucht und sie in einem “Schlüssel” findet, dem Wirken “des Juden”. Sein “Antisemitismus” ist also im Bereich der konkreten Erfahrung zunächst Antibolschewismus, in der ersten Ausweitung Antimarxismus und erst in der zweiten Ausweitung Antijudaismus. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine chronologische Reihenfolge. Auch in Wien war Hitler schon ein “Antisemit”, aber gerade in Wien war der enge Zusammenhang mit dem Antimarxismus bereits sichtbar. Ich erinnere Sie an die Wendung von dem, “wie Schuppen von den Augen fallen.” Und im Rahmen dieser Zusammenhänge ist ein Satz nicht mehr unglaubwürdig, sondern zentral, den Hans Frank in seinen Erinnerungen überliefert und auf den 30. Januar 1933 datiert: “Das einzige, was ich ‘anti’ bin, ist wahrscheinlich nur, dass ich ein Anti-Lenin bin.”{12}

   Was Heinrich Himmler betrifft, so kann nichts unzweideutiger sein als der Titel jener Publikation von 1937 Die SS als antibolschewistische Kampforganisation, und es ist gezeigt worden, wie unverbunden hier die “antisemitische” Interpretation des Bolschewismus und eine aus selbstkritischem Nationalismus hervorgehende Deutung nebeneinander stehen. Aber wenn Himmler sich später eine “genaueste Kenntnis des Bolschewismus” zuschrieb, so hat dieses Interesse sehr früh in seinem Leben den Anfang genommen. Josef Ackermann notiert in seinem Buch über Himmler als Ideologen, im Mai 1924 habe er den “Bolschewismus von Moses bis Lenin” gelesen und einen sehr positiven Kommentar dazu gegeben, und zwei Jahre später habe er nach der Lektüre des Buches von Katharina Haugh-Haough Hinter den Kulissen des Bolschewismus in sein Tagebuch geschrieben: “Der Jude entfesselt das Tier und das Verbrechen.”{13} Aber auch in Himmlers frühesten Reden war der Bolschewismus ein wichtiges Thema. So sagte er im Juli 1926 vor Bauern: “Der Weg, den Deutschland, den du als Bauer bisher gegangen bist, wird weiter in die Tiefe, bis ins Elend führen, das Bolschewismus heißt, wie in Russland, und das ist: Massenmord und Hungertod in Stadt und Land, Raub und Enteignung deiner Höfe und deines Bodens. [...] Nun mache nicht den Fehler und schlage in deiner Not mit dem Eichenstock deinen Bruder zu Boden, so wie es dir der Kommunist und wie es dir der Gandorfer und der Kübler anraten. Zuschlagen sollst du, aber triff mit deinem Stock den Richtigen, den, der dich würgt, den Juden und das Kapital.”{14} Im Jahre 1943 wird bei dem “Reichsführer SS” der enge Zusammenhang zwischen unmittelbaren Erfahrungen und weit darüber hinausgreifenden Deutungen besonders klar, und zwar in der berüchtigten Posener Rede vom 4. Oktober vor den SS-Gruppenführern. Hier ist, wie an nicht wenigen ähnlichen Stellen, mit großem Nachdruck von der Revolution der “Untermenschen” die Rede, der man sich 1918 in Deutschland gegenübergesehen habe und die sich im Wirken der KPD fortgesetzt habe, aber nun ungefährlich gemacht worden sei, da die “ganze kriminelle Unterschicht” sich heute in den Konzentrationslagern befinde. “Wenn die frei herumliefen, würden wir uns schwerer tun. Dann hätten nämlich die Untermenschen ihre Unteroffiziere und Kommandeure, dann hätten sie nämlich ihre Arbeiter- und Soldatenräte.” Und von dieser sehr einfachen, ganz konkreten Erfahrung her gelangt Himmler schließlich nicht nur zu dem klarsten Eingeständnis der Tatsächlichkeit der “Endlösung”, sondern er rechtfertigt sie auf eine extreme und scheinbar rein “antisemitische” Weise: “Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volke, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen”.{15} Dieser Satz scheint ein Ausfluss simplen Irrsinns zu sein. Wieso wollte das jüdische Volk, das in seinem deutschen Teil bis 1933 einige der größten Verehrer und Repräsentanten der deutschen Kultur in sich schloss und das in seinem zionistischen Teil sogar prinzipiell mit dem Trennungsbetreiben der Nationalsozialisten übereinstimmte, das deutsche Volk umbringen? Aber der Satz wird sofort leicht verstehbar, wenn man ihn umformuliert und über die mehr als fragwürdige Behauptung, die er enthält, zunächst hinwegsieht: “Die kommunistischen bzw. marxistischen Revolutionäre wollten, wie sie selbst ausdrücklich proklamierten, die Klasse der Offiziere und darüber hinaus das Bürgertum vernichten, und jetzt werden ‘sie’ (d.h. ‘die Juden’ als Anstifter und Urheber) gerechterweise zum Objekt der Gegenvernichtung gemacht.” Vernunft und Irrsinn, richtige Feststellung und kollektivistische Schuldzuschreibung sind hier also eine eigenartige und verhängnisvolle Verbindung eingegangen. Aber wie sehr auch im Rahmen konkreter (wenngleich möglicherweise imaginierter) Kriegsereignisse die Angst vor dem Bolschewismus und die daraus resultierende Wut und Entschlossenheit für Himmler leitend waren, wird durch die Erzählung von dem (angeblichen) Handeln eines sowjetischen Kommissars augenfällig, die Himmler sowohl hier wie in seiner fast gleichzeitigen Rede auf einer Befehlshabertagung in Bad Schachen seinen Zuhörern darbietet. Es habe ihm, als er durch den Bericht eines estnischen Überläufers davon erfuhr, “einen furchtbaren und ungeheuren Eindruck gemacht.”

   Der Angriff eines russischen Bataillons sei abgeschlagen und die Offiziere seien zum Kommissar bestellt worden. Auf die Frage, weshalb der Angriff ohne Erfolg geblieben sei, habe der Kompaniechef eine Anzahl einleuchtender Gründe vorgebracht. “Darauf zieht der Kommissar seine Pistole und schießt den Kompaniechef über den Haufen [...] In einer Stunde griff das Bataillon wieder an.” Dieses Beispiel zeige, fährt Himmler fort, “welchem brutalen, unbarmherzigen und gnadenlosen Gegner wir gegenüberstehen”, und die Folgerung lautet “Nur wenn wir so hart sind wie ein Kommissar”, werden wir würdig sein, in dem Zeitalter Adolf Hitlers gelebt zu haben.{16} Mit anderen Worten heißt das: Nur wenn wir wie die Bolschewiki handeln, werden wir gegen die Bolschewiki siegen können, und das stimmt genau mit jenem viel früheren Postulat Hitlers überein: “Nur wenn wir eine Ideologie entwickeln, die ebenso brutal ins Werk gesetzt werden kann wie die marxistisch-bolschewistische, werden wir über den Marxismus triumphieren können.” Zwar will Himmler offenbar nicht sagen, die Nationalsozialisten müssten zu Bolschewiki werden, ganz wie Hitler für sich eine “bessere Wahrhaftigkeit” in Anspruch nimmt, aber in manchen der späten Tagebuchnotizen von Joseph Goebbels finden sich Wendungen, die den Nationalsozialisten wie eine unvollkommene Kopie des Bolschewismus erscheinen lassen, wie eine Kopie, die durch den Blick auf das Vorbild noch verbessert werden könnte.{17}

   Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Zwar ist das Tagebuch aus Goebbels’ frühen Jahren voll von spät pubertären Ergüssen, und neben einem zunächst auf Maximilian Harden bezogenen Judenhass lässt sich auch der Satz finden: “Ich bin ein deutscher Kommunist.” Aber seitdem er sich von Gregor Straßer entfernt und sich Hitler, “dem Größeren, dem politischen Genie” gebeugt und eine Schrift Lenin oder Hitler? geschrieben hat, geht die Furcht vor dem Bolschewismus und der entsprechende Hass als eine der festesten Konstanten durch sein Tagebuch hindurch. Im Juni 1926 schreibt er: “Dazwischen las ich Iw. Naschiwins ‘Rasputin’ mit tiefer Erschütterung aus. Das grandiose Gemälde des russischen Bolschewismus. Wohl etwas weißrussisch gesehen. Aber niederdrückend in seiner satanischen Grausamkeit. So mag der Teufel wüten, wenn er die Welt beherrscht. Der Jude ist wohl der Antichrist der Weltgeschichte. Man kennt sich kaum mehr aus in all dem Unrat von Lüge, Schmutz, Blut und viehischer Grausamkeit. Wenn wir Deutschland davor bewahren, dann sind wir wahrhaft patres patriae.”{18}

   25.6.32: “Der rote Terror nimmt in einem Maße zu, das geradezu aufreizend wirkt. Unsere Leute sind in verzweifelter Stimmung.”

   17.7.32: “Schreckensnachricht aus Altona. Die KPD greift in organisiertem Überfall unsere marschierende SA an. Es gibt 15 Tote und über 50 Schwerverletzte. Das ist der offene Bürgerkrieg! Wann will die Regierung eingreifen?”

   22.8.35: “Buch von Torgler und M.R. [Maria Reese?] gelesen. Furchtbar, dieser bolschewistische Sumpf. Davor hat Hitler uns bewahrt [...].”

   8.6.36: “Ich lese ‘Fabrik des neuen Menschen’ [Rachmanowa] aus. Man wird von Grauen über den Bolschewismus erfasst. Der muss an die Wand gequetscht werden. Wie eine Spinne.”

   11.8.36: “Die Roten begehen [in Spanien] fürchterliche Gräueltaten. Wehe, wenn die einmal in Europa das Heft in die Hand bekämen. Dann wären wir alle mit unseren Familien geliefert. Da machte man am besten selbst rechtzeitig Schluss. Aber wir werden schon vorsorgen [...]”

   10.12.36: “Moskau plant Verdreifachung seiner Effektivbestände. Also aufrüsten. Nicht ins Hintertreffen geraten.”

   27.1.37: “In Russland geht der Schauprozess weiter. Die Juden fressen sich gegenseitig auf. Beim Führer: Er schildert Russland in seiner Trostlosigkeit und Desorganisation. Dieses Spitzel- und Terrorsystem wäre für deutsche Begriffe ganz unerträglich. Dort herrscht der Wahnsinn.”

   14.6.37: “Moskaus Bluturteile an den acht Generälen vollstreckt. Man schaut da nicht mehr durch. Die sind alle krank [...] Riesenaufsehen in der ganzen Welt.”

   1.7.37: “Ich lese ein erschreckendes Buch über Russland. Solonewitsch ‘Die Verlorenen’. Führer will es auch lesen. Nächster Parteitag geht wieder gegen den Bolschewismus [...]”

   14.10.37: “Ich lese mit Entsetzen Solonewitsch 2. Teil ‘Die Verlorenen’. Das ist in Russland die Hölle auf Erden. Ausradieren! Muss weg!”

   4.2.38: “Bombenattentat der GPU in Sofia auf Solonewitsch. Seine Frau tot, er unverletzt. Das ist Moskau [...] Diese Sowjets sind wahre Verbrecherorganisationen. Man muss sie mit Feuer und Schwert ausrotten.”{19}

   Man hat viel intellektuelle Mühe darauf verwendet, Äußerungen wie diese für unglaubwürdig oder für bloße Manöver zu erklären, sofern man nicht vorzog, sie erst gar nicht zu zitieren. In der Tat ist die ständige kausale Verknüpfung mit “den Juden” mehr als fragwürdig, und Goebbels gibt selbst Anlass zu Verdacht, wenn er gelegentlich von der “antibolschewistischen Platte” spricht, die er auflege. Aber ich sehe gleichwohl keinen Grund für die Annahme, die einfachste Erklärung treffe,  n i c h t zu, nämlich dass Hitler, Goebbels und Rosenberg von demjenigen überzeugt waren, was sie in ihren Reden auf den beiden Parteitagen von 1936 und 1937 der Welt verkündeten, nämlich, dass Europa sich in tödlicher Gefahr befinde und dass es nur durch eine entschiedene und militante Gegenbewegung gerettet werden könne. Allerdings büßten sie dann durch den Stalin-Hitler-Pakt, der ja offenkundig eine nationale Zielsetzung vor den tendenziell übernationalen Antibolschewismus stellte, auch sich selbst gegenüber an Glaubwürdigkeit ein, wie sich zumal an einigen sehr kritischen Notizen Rosenbergs sehr leicht aufzeigen lässt. Auch Goebbels schreibt bereits am 9. November 1939, es werde einem manchmal doch etwas unheimlich bei dem Zusammengehen mit Moskau, und am 13. Januar erzählt er von einem “erschütternden Bericht aus Lemberg, wie die Sowjetrussen dort hausen.” Unter dem 9. August 1940 ist zu lesen: “Der Bolschewismus ist doch der Weltfeind Nr.1. Irgendwann werden wir auch einmal mit ihm zusammenprallen. Der Führer meint das auch.” Aber dann findet sich doch wieder eine Eintragung wie die folgende, die es wahrscheinlich macht, dass Goebbels nicht ohne Empfinden für jene “andere Seite” des Bolschewismus, für den Enthusiasmus war: “Ein Film von der roten Sportolympiade in Moskau. Der ist gut. Er zeigt ein lebendiges und lebensfrohes Russland. [...] Große organisatorische Leistung. Der Bolschewismus wird uns immer ein Rätsel bleiben.”{20}

   Nach dem Angriff vom 22. Juni teilt Goebbels für einige Zeit den überbordenden Optimismus und glaubt vorhersagen zu können, dass der Bolschewismus wie ein Kartenhaus zusammenbrechen werde. Aber es dauert nicht allzu lange, bis er sich über den Ernst der Lage Rechenschaft gibt. Zwar bleiben Äußerungen des Entsetzens über die bolschewistischen Gräueltaten vorherrschend - obwohl er sie doch spätestens nach jener Eintragung vom 27. März 1942 schwerlich noch formulieren konnte, ohne vor sich selbst schamrot zu werden -, aber nun tauchen auch sehr positive Feststellungen über “die brutalen Volksnaturen” der heutigen sowjetischen Generalität auf, und von besonderem Gewicht ist die Zustimmung zu Hitlers Bemerkung, Stalin habe den Vorteil, dass er keine Gesellschaftsopposition besitze. Man kann also den Eindruck gewinnen, dass für den späten Goebbels der Nationalsozialismus nur ein unvollkommener, halbschlächtiger Bolschewismus ist, ja man mag zu der Meinung gelangen, jetzt schätze er sogar die innere Kraft des Bolschewismus als die höhere ein, denn er spricht von den “in der deutschen Arbeiterschaft [...] immer noch vorhandenen kommunistischen Bazillen”, die wieder virulent werden könnten.{21} Aber letzten Endes dürfte er doch nicht viel anders empfunden haben als Hitler selbst, der im Sommer 1944 ganz ohne interpretatorische Überhöhungen vorhersagte, die durch Südfrankreich durch Ausrufung von “Räten” ausgehende kommunistische Welle werde sich über das ganze französische Gebiet ausbreiten und auch die englischen und amerikanischen Truppen würden infiziert werden; Ähnliches habe sich am Ende des letzten Krieges in Archangelsk abgespielt und heute sei ganz Frankreich von einer völlig undisziplinierten und bolschewistischen Bevölkerung bewohnt.{22}

   Deshalb sollten aus vereinzelten Aussagen und Tagebucheintragungen der letzten Kriegsjahre keine allzu weitgehenden Schlüsse gezogen werden, und daher dürfte eine Briefstelle von Rudolf Hess aus dem Jahre 1927 doch für die Einstellung der Führungsschicht gegenüber dem Bolschewismus besonders erhellend sein. Am 15. April schrieb er an eine Cousine folgendes:

   “Der Tscheka ihre Aufgabe war und ist die Beseitigung der einst führenden Schichten in Russland, die Ausrottung der Intelligenz, vom Gelehrten bis zum Unternehmer von einst. [....] Die Beschreibungen dieser Blutorgien sind grauenhafter wie alle Vorstellungen der Fantasie. Nach monatelanger Gefangenschaft der ziemlich wahllos zusammengetriebenen Opfer in kalten, finsteren Kellern [...] geschah die Abschlachtung auf abwechslungsreichster und unterhaltsamste Weise, z.B. durch Einblasen überhitzten Dampfes. [...] Dazwischen hat man auch zum Spaß Einzelne nach allen Methoden mittelalterlicher oder chinesischer Folter umgebracht, wie Därme aus dem Leib winden, Augen ausbrennen usw. [...] v.Pf. erzählte mir auch, dass sie eine baltische Adelsfamilie in einen ganz kleinen Raum eingeschlossen fanden. Der Mann war erschossen worden; die Leiche musste aber im Raum bei Frau und Kindern bleiben; in welchem Zustand sie sich befand, will ich nicht weiter beschreiben. Überhaupt will ich dir die Fortsetzung der Schilderungen, die ins unendliche gehen könnten, ersparen. [...] Wenn ich dir davon schreibe, so nur aus einem Grunde: Nur wer sich obiges lebendig vor Augen hält, darf über uns und unsere Methoden urteilen.”{23}

   Hier stoßen wir, wenn wir nicht die Augen verschließen, auf eine frühe und bemerkenswerte Singularität, nämlich auf die allem Anschein nach aufrichtige Empörung der künftigen Massenmörder über Massenmorde, eine Empörung, die früh in den zwanziger Jahren beginnt und sich bis in den deutsch-sowjetischen Krieg hinein durchhält. Schon waren Heydrichs Befehle in Preetzsch seit 8 Wochen erteilt, da konnte man im “Schwarzen Korps” vom 17. Juli 1941 folgendes lesen: “Noch stehen uns die grausigen Bilder von den sowjetischen Massenmorden in Lemberg, Dubno und Luzk vor Augen [...] die Leichenberge und Folterwerkzeuge des verbrecherischen Regimes [...] das pestige Gesicht der Unterwelt”, und noch Monate später ließen Einsatzgruppenführer “Mordbuben” hängen, denen die Schuld an Tausenden von Toten vorgeworfen wurde, und zwar nicht selten unter großer Anteilnahme der ukrainischen oder lettischen Bevölkerung. Hätten die Türken und Kurden Ähnliches sagen und empfinden können, als sie 1915 den Völkermord an den Armeniern in Gang setzten? Der handgreifliche Unterschied ist der, dass die Türken sich keinem ideologischen Todfeind gegenübersahen, und doch besteht wiederum eine unübersehbare Übereinstimmung darin, dass ganz überwiegend ein Volk das Objekt einer Massenvernichtung war, die sich als “Vergeltung” verstand.

   Aus dem, was ich bisher dargelegt habe, könnte der Eindruck entstehen, dass die Juden für die Nationalsozialisten bloß “Sündenböcke” gewesen wären, denn in Wahrheit habe der Vernichtungswille dem Bolschewismus oder auch dem kapitalistischen Internationalismus gegolten, sodass im Prinzip ebenso gut Katholiken oder Freimaurer als Repräsentanten des eigentlichen Feindes hätten ausgegeben werden können. Dann wären die Juden weiter nichts als zufällige und unbeteiligte Opfer gewesen, in der Tat “Schafen” gleich, “die zur Schlachtbank geführt werden”, und jedes ernste Nachdenken über “Auschwitz” wäre überflüssig, da das historische Urteil an Eindeutigkeit nicht hinter dem moralischen Urteil zurückbleiben würde.

   Es gab aber eine ideelle Notwendigkeit für die Wahl der Juden: wenn die Gegen-Ideologie und Gegen-Realität ebenso radikal sein wollte wie die ursprünglichere Ideologie und das ältere Regime, dann musste sie einen ebenso mächtigen und ebenso sichtbaren Feind sich gegenüber haben. Als dieser Feind hätte schlicht “der Kommunismus” gelten können - dann hätte ein rein politisches Verhältnis vorgelegen. Doch auch der Kommunismus bekämpfte keinen rein politischen Feind, und er griff nicht einmal in erster Linie das “Konkurrenzsystem” an, als dessen Opfer sowohl die Arbeiter wie die Unternehmer anzusehen waren, sondern er nahm eine Konkretisierung vor und attackierte vornehmlich eine bestimmte Gruppe von Menschen, wie immer deren politischen Stellungnahmen sein mochten, nämlich “die Kapitalisten”. Auch der sichtbare Feind der Gegenbewegung, des Radikalfaschismus, musste etwas von diesem offenbar sehr populären und einleuchtenden Feindbild an sich haben, und so erfolgte eine zweite, noch weitergehende Konkretisierung: die Konzentrierung der Aufmerksamkeit auf die Juden. Wenn nicht so unmittelbare Emotionen und Erfahrungen im Spiel gewesen wären, könnte man sagen, es habe sich dabei um eine geniale Erfindung gehandelt: Die Juden waren die ältesten und bekanntesten Kapitalisten im Sinne von Händlern und für viele Menschen als Verkörperung des “Schachergeistes” und zugleich als Förderer des Kosmopolitismus noch hassenswerter. Und seit 1917 konnten sie als Urheber des Bolschewismus gerade deshalb mit besonderer Vehemenz angeklagt werden, weil die Vorstellung, die Juden seien “die Schürer und Hetzer zur Revolution” schon im 19. Jahrhundert nicht ganz selten zu Wort gebracht worden war.{24}

   Aber wer dazu neigte, die Juden als solche für den Bolschewismus und noch mehr für den Kapitalismus verantwortlich zu machen, der hätte gut daran getan, die Autobiografie des bedeutenden jüdischen Historikers Simon Dubnow zu studieren, die 1937 in Berlin erschien.

   Dubnow entwirft darin ein anschauliches Bild der Welt des osteuropäischen orthodoxen Judentums, in der er aufwuchs, der Welt eines uralten “Religionsvolkes” mit eigener Sprache, streng geregeltem Gemeindeleben und eigentümlichen Sitten, dessen hervorragendste Mitglieder sich bei aller wirtschaftlichen Tüchtigkeit fast ausschließlich der eigenen mehrtausendjährigen Tradition, dem Studium der “Torá”, widmen. Aber gegen die Welt der Talmud-Schulen, welche in ihrer Abgeschlossenheit von der Natur und von zeitgenössischem Denken eine “wahre Folter für das kindliche Gehirn” sind,{25} begehrt der junge Dubnow auf und zählt sich zu der Schule der “Aufklärer”, der Maskilim, die sich dem engen Fanatismus und dem Aberglauben der Chassidim und der Zaddikim entgegenstellen, um dem osteuropäischen Judentum den Weg zu der westeuropäischen Wissenschaft und einem weniger unnatürlichen Leben zu öffnen. Doch wenn er auch als Historiker und Autor sich Ansehen erwirbt und zu einem Vorkämpfer der Gewinnung von Gleichberechtigung und nationalen Minderheitsrechten im Russischen Reich wird, hält er dennoch die Verbindung zur Welt der Orthodoxie aufrecht. Bald sieht er sich in einen Kampf mit einer dritten Richtung im Judentum verwickelt, mit den Zionisten, die er als Nationalisten und Separatisten kritisiert, und schließlich stößt er mit der jüngeren Gruppierung zusammen, nämlich den “Bundisten”, die viel Fanatismus an den Tag legen und Veranstaltungen seiner Gruppe nicht selten gewaltsam zu stören suchen. Und nach dem Ausbruch des Krieges lernt er auch die Bolschewiki näher kennen, die den “"Klassengeist" noch stärker verkörpern als die Bundisten und die mithin für eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Existenz der jüdischen Minderheit in Russland noch gefährlicher sind. So sehr er die Februarrevolution begrüßt, so ablehnend steht er der Oktoberrevolution gegenüber, und er durchleidet in Petrograd viele der Ängste und Nöte, denen seine Gesinnungsgenossen und das ganze Bürgertum ausgesetzt sind, bevor ihm im Jahre 1922 von Freunden die Emigration nach Berlin ermöglicht wird. Aber er verbirgt sich nicht, dass zwischen “einigen” Juden und den Bolschewiki eine Besorgnis erregende Beziehung besteht. Daher notiert er schon vor dem Oktoberumsturz: “Gewiss, auch aus unserer Mitte haben sich einige Demagogen den Helden der Straße und den Predigern der gewaltsamen Aneignung angeschlossen. Sie treten unter russischen Pseudonymen auf, weil sie sich ihrer jüdischen Abkunft schämen (Trotzki, Sinowjew u.a.). Aber eher sind ihre jüdischen Namen Pseudonyme: in unserem Folge wurzeln sie nicht.” Und als ein Jahr später die Attentate auf Lenin und Uritzki stattgefunden haben, schreibt er: “Es ist gut, dass gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.”{26}

   In der Berliner Emigration wurden ähnliche selbstkritische Töne vernehmbar, und insbesondere ein früher “Bürgerrechtler”, Josef Bikermann, warf 1924 den anderen Juden vor, “sich aus ihrer Verantwortung für die russische Revolution zu stehlen”, denn es sei auf “die allzu eifrige Teilnahme der jüdischen Bolschewisten an der Unterdrückung und Zerstörung Russlands” zurückzuführen, dass nun “der glühende Hass gegen die Bolschewisten zu einem ebenso brennenden Hasse gegen die Juden” werde.{27}

   Und sogar zu Anfang der neunziger Jahre zeigte sich in der Bundesrepublik eine aus der Sowjetunion emigrierte Jüdin, die Tochter eines “jüdischen Kommunisten”, trotz des überwältigenden Eindrucks von Auschwitz, der alles Nachdenken überflüssig zu machen schien, mutig genug, um Tatbestände zu Wort zu bringen, die keinem Kenner verborgen waren, die man aber klugerweise unerwähnt ließ: “Wenn für das Zarenregime der Offizier, der adlige Beamte oder Kanzleivorsteher in Uniform typisch waren, so wurde der nicht selten gebrochen Russisch sprechende jüdische (lettische) Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht”. Und an späterer Stelle schreibt sie sogar zusammenfassend: “Die Tragödie des Judentums bestand darin, dass es keine politische Option gab, um der Rache für die geschichtliche Sünde der Juden  - ihre exponierte Mitwirkung am kommunistischen Regime - zu entgehen. Der Sieg des Sowjetregimes hatte sie zeitweilig gerettet, die Vergeltung stand ihnen noch bevor.”{28}

   Damit formuliert Sonja Margolina tendenziell eine These, die man die in Deutschland der Zeit nach 1945 am meisten tabuisierte aller Auffassungen nennen kann, nämlich: Es habe ein kausaler Nexus zwischen dem Verhalten der Juden in der bolschewistischen Revolution und “Auschwitz” bestanden, populär ausgedrückt: Die Juden seien selbst schuld an dem Unheil, das im Kriege über sie hereingebrochen sei. Und mindestens an einigen Stellen der von Nichtjuden stammenden und durchaus “etablierten” Literatur finden sich Feststellungen über Reaktionen von Nichtdeutschen, denen eben dieses Empfinden zugrunde liegt. So schreibt Dieter Pohl, die Mehrheitsmeinung der Polen in Galizien sei angesichts der Ausrottungsmaßnahmen des “höheren SS- und Polizeiführers” Katzmann dahingegangen, “die Rache der Geschichte sei über die Juden gekommen”, und deshalb habe es “kein warmes Mitgefühl” gegeben.{29}

   Aber nun muss gerade mit dem Hinweis auf Dubnow, Bikermann und Margolina nachdrücklich unterstrichen werden, dass es keinen besseren Beweis als deren Aussagen und Darstellungen für die Feststellung gibt, dass nicht “die Juden” die Urheber der bolschewistischen Revolution waren, so lobend sich Lenin über ihre revolutionären Qualitäten ausgesprochen hat, sondern dass aus einem ganz ungewöhnlichen Volks- und Religionsschicksal heraus, das sich beim Blick auf Deutschland als noch vielfältiger und weit überwiegend “antibolschewistisch” darstellen würde, ein Teil der Juden durch den engen Anschluss an die bolschewistische Revolution ihr Schicksal ins Positive zu wenden versuchte. Die These war also unrichtig und in hohem Grade eine “Denkerleichterung” in Analogie zu jener späteren “Arbeitserleichterung” der Einsatzgruppen {30}, und sie war als eine “Konkretisierung höheren Grades” noch unzulässiger als jene frühere Einschränkung des Vernichtungsziels auf “die Kapitalisten”. Sie war allerdings keineswegs unverstehbar, und die “Schwarz-Weiß-Moralisten” von heute würden gut daran tun, sich der Lektüre von Moses Hess zu widmen, der einen ganz engen Zusammenhang zwischen der Lehre des Moses und dem Sozialismus konstatieren zu dürfen glaube, oder ihre Aufmerksamkeit einem der geistvollsten jüdischen Autoren der Gegenwart zuzuwenden, der den Marxismus “that utterly Judaic secular messianism” nennt, nämlich George Steiner.{31} Weshalb soll dann der Begriff “jüdischer Bolschewismus” bloß eine feindselige Erfindung sein? Es wäre leicht vorstellbar, dass heutige Juden aus diesen Tatbeständen und Aussagen einen großen Stolz herleiteten, weil das Engagement für Sozialismus, Marxismus und auch Bolschewismus trotz allem - vielleicht nur temporären - Scheitern im Gesamtzusammenhang der Moderne als höchst positiv zu betrachten wäre.

   Indessen ist eine eigenartige Tendenz zur Selbstherabsetzung der Juden zu konstatieren, die einer ganz ähnlichen Tendenz der Deutschen entspricht. Nicht einmal dem Nationalsozialismus gegenüber ist man geneigt, eine entschiedene und aktive Feindschaft zuzugeben, da der “Opfer”status in der ganzen Welt heute eine so hohe Schätzung erfährt. Aber ein Volk, eine Religion, eine Gruppierung, die sich gegenüber einer ausgesprochenen Feinderklärung gleichgültig oder gar freundlich verhält, ist entweder eine Gemeinschaft von Heiligen oder von Toren. Und wo hätte es jemals eine unzweideutigere Feinderklärung gegeben als im Falle Hitlers und des Nationalsozialismus? Nichts in der jüdischen Tradition weist auf “Feindesliebe” hin: Für die aus Osteuropa stammende Historikerin Lucy Dawidowitsch ist die Feststellung selbstverständlich, dass die Juden in aller Welt seit 1933 von Deutschland als “Amalek” gesprochen hätten. Die Hilfe der Juden in aller Welt versprach Chaim Weizmann, der Chef der “Jewish Agency” und nach dem Kriege der erste Präsident Israels, im August/September 1939 der englischen Regierung, und er dehnte dieses Versprechen weit aus, als er mit starker Zustimmung auf die Proklamation des jüdischen Antifaschisten Komitees der Sowjetunion reagierte, die am 24. August 1941 alle Juden der Welt zur Hilfe für die bedrängte UdSSR aufgerufen hatte. Es war nicht eine Goebbelssche Propagandalüge, dass einflussreiche amerikanische Juden Entscheidendes dafür getan hatten, um die USA in den Krieg hineinzuführen, denn selbst Chamberlain scheint dieser Meinung gewesen zu sein, und Charles Lindbergh stützte seinen ganzen pazifistischen Feldzug darauf. Es ist weiter nichts als Gedankenlosigkeit, wenn man an der These Anstoß nimmt, Hitler sei berechtigt gewesen, die deutschen Juden nach dem Kriegsbeginn zu internieren, denn Franzosen und Engländer handelten gegenüber den deutschen Emigranten nicht anders, die ihnen gegenüber doch eine freundliche Gesinnung an den Tag legten, welche man von den deutschen Juden selbst bei größtem Optimismus nicht erwarten durfte. Wer das vor kurzem publizierte Buch von Arno Lustiger Zum Kampf auf Leben und Tod. Das Buch vom Widerstand der Juden 1933-1945 liest,{32} muss den Zweiten Weltkrieg in einer ganz andersartigen Perspektive sehen und der Aktivität der Juden beim Kampf gegen den Nationalsozialismus ein viel größeres Gewicht zuschreiben, sogar der Aktivität deutscher Juden ab 1933 und erst recht derjenigen der französischen Juden ab 1941, wie auch aus Jean-Paul Sartres Artikel über den Antisemitismus überaus deutlich wird. Es gab für die Nationalsozialisten gute Gründe, die Juden als “Feindvolk” zu betrachten, aber sie selbst waren die Hauptursache der Feindschaft. Noch im Frühjahr 1940 lehnte es indessen selbst Heinrich Himmler “aus innerster Überzeugung als ungermanisch und unmöglich” ab, die “bolschewistische Methode” (!) der Vernichtung ganzer Völker zu übernehmen, und Joseph Goebbels empfahl noch im September 1941 in einem Gespräch mit Heydrich, die Juden sollten in die Eismeerlager gebracht werden, die sie ja selbst gebaut hätten.{33} Er hatte also immer noch die “territoriale Endlösung” im Auge, und die qualitative Differenz des Übergangs zum “Holocaust” vollzog sich erst Ende 1941, sicher nicht ganz ohne den Hinblick auf die Deportation der Wolgadeutschen und nach meiner festen Überzeugung aufgrund eines Entschlusses von Hitler, der allein die Autorität hatte, um ein so ungeheuerliches Unternehmen in Gang zu setzen.{34} Erst jetzt, oder doch nicht viel früher, finden sich auf deutscher und auch ukrainischer Seite Gleichsetzungen von GPU und Gestapo, die ebenso schlimme Gräueltaten begehe wie der Gegner, mit dessen Morden die Truppe täglich bekannt gemacht werde.{35} Gegen Ende des Jahres 1942 bringt dann der polnische Erzbischof von Lemberg, der Kardinal Scepticky, in einem Brief an Papst Pius XII. die Überzeugung zum Ausdruck, die Untaten der Deutschen seien schlimmer als die der Bolschewiki. Aber sogar in den Jahren 1942-1944 vollzieht sich die Vernichtung nicht aus einer so starken, von Skrupeln freien Überzeugung heraus, wie Lew Kopelew sie im Rückblick zu Wort bringt, denn Heinrich Himmler spricht noch 1944 von der “furchtbarsten Aufgabe und dem furchtbarsten Auftrag”, den eine Organisation jemals erhalten habe.{36}

   Wer aus dem Frieden und der Behaglichkeit der Europäischen Union und zumal der Bundesrepublik Deutschland an “Auschwitz” herangeführt wird, der muss vor Entsetzen sprachlos sein, und da er trotzdem nach einer Interpretation verlangt, ist ihm vermutlich die Deutung mittels des “deutschen Antisemitismus” die einleuchtendste. Wer “Auschwitz” dagegen im Zusammenhang der so überaus blutigen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen versucht, der wird zu einem anderen Ergebnis gelangen, ohne dass sich deshalb in ihm das Entsetzen verlöre. Er wird vermutlich sagen: Eine solche Vernichtung kann nur von einer Gruppe - und vielleicht von einem Manne, in dem sich die Gruppenempfindungen besonders stark ausgeprägt haben - realisiert werden, die von Vernichtungsfurcht erfüllt ist, und vielleicht beruht auch die bolschewistische Vernichtung auf der Tatsache einer großen Vernichtung und der daraus entspringenden Ängste und Hoffnungen.

   Aber sogar ihn wird die Behauptung, es gebe vermutlich einen “kausalen Nexus” zwischen dem “Gulag” und “Auschwitz” wahrscheinlich befremden. Sind nicht die Vernichtung der sozialen Klasse der “Bourgeoisie” in Russland und die Ausrottung der biologischen oder mindestens ethnischen Entität der Juden auch begrifflich allzu weit voneinander entfernt? Könnte nicht am Ende gar eine Rechtfertigung von Auschwitz aus dem Ansatz resultieren? Aber ich erinnere an die Bemerkung, die ich über diejenigen gemacht habe, die einen kausalen und in der Tat rechtfertigenden Nexus zwischen “Auschwitz” und dem Sterben von Hunderttausenden bei den anglo-amerikanischen Bombenangriffen auf die Wohngebiete deutscher Städte herstellen. Ein solcher Nexus sei nach meiner Überzeugung nicht gegeben, aber wenn er sich nachweisen ließe, dürfe er nur dem “Verstehbarmachen”, keinesfalls jedoch der Rechtfertigung dienen. Das gleiche gilt für den kausalen Nexus zwischen Gulag und Auschwitz, der jedenfalls insofern ein genuiner Nexus sein kann, als die Ursache erheblich früher ist als das Verursachte und vor allem: den späteren Tätern bekannt war. Es würde sich mithin sogar dann nicht um ein irreführendes “post hoc ergo propter hoc” handeln, wenn weiter nichts vorgelegen hätte als eine falsche und schuldhafte Verknüpfung in den Köpfen der Täter. Ich habe aber zu zeigen gesucht, dass diese Verknüpfung ein “fundamentum in re”, einen “rationalen Kern” besaß, der als solcher nichts Affirmatives an sich haben muss, sondern mit noch größerer Entschiedenheit verurteilt und verworfen werden kann, als wenn bloß Fantasien vorgelegen hätten. Eine solche Verwerfung nahm zweifellos Grigorij Sinowjew vor, als er 1920 bei seiner Rede in Halle von den “aus Hass und Angst wie irrsinnigen Konterrevolutionären” sprach - dabei konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen, was aus diesem Irrsinn hervorgehen würde, aber dass das Resultat mit seiner eigenen Aufforderung, “der Bourgeoisie den Garaus zu machen”, kausal verknüpft sein würde, hätte er sicher nicht in Zweifel gezogen.{37} Götz Aly erzählt in seinem Buch über die Endlösung davon, ein Baltendeutscher habe Himmler im September 1939 klar gemacht, wie lebendig die Erinnerung an die Gräueltaten der Bolschewiki von 1919 in Riga sei, und deshalb habe Himmler die Evakuierung in Gang gesetzt, die ihrerseits im weiteren Verlauf zu einer Hauptursache der Deportation und schließlich der Tötung vieler polnischer Juden geworden sei.{38} Himmler wiederum forderte im Jahre 1941 den Schriftsteller Edwin Erich Dwinger auf, zu ihm in sein Hauptquartier zu kommen, damit er den Abschluss der Revolution erleben könne, deren Anfänge er in seinen Büchern über den russischen Bürgerkrieg beschrieben habe. Und Rudolf Höss schreibt in seiner Autobiografie an einer kaum je zitierten Stelle folgendes: “Vom RSHA wurde dem Kommandanten eine umfangreiche Berichtzusammenstellung über die russischen Konzentrationslager überreicht. Von Entkommenen wurde darin über die Zustände und Einrichtungen bis ins Einzelne berichtet. Besonders hervorgehoben wurde darin, dass die Russen durch die großen Zwangsarbeitsmaßnahmen ganze Völkerschaften vernichteten.”{39} Und was kann Karl Kraus anderes im Sinn gehabt haben als einen kausalen Nexus, wenn er 1919 vorausahnend schrieb, möglicherweise werde der angekündigten Weltrevolution ein Weltpogrom zuvorkommen; was kann Alexander Solschenizyn anderes gemeint haben, wenn er abschätzig von dem “schülerhaften Hitlerregime” sprach?{40} Aber hier und da finden sich in der wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Literatur vergleichbare Feststellungen, und ich zitiere aus dem Buch Andrzej Kaminskis über Konzentrationslager 1896 bis heute, eines Autors, der sowohl durch sowjetische wie durch nationalsozialistische Konzentrationslager hindurchgegangen ist. Anders als andere Verfasser weist er die “nationalistisch” [man könnte auch sagen “rassistisch” oder “ethnizistisch”] gefärbten Bezeichnungen ‘deutsche’ bzw. ‘russische’ Konzentrationslager  zurück, denn sie seien von Nationalsozialisten bzw. von Sowjetkommunisten im Rahmen des betreffenden totalitären Terrorsystems errichtet worden. Er beginnt seine Darstellung mit den von dem spanischen General Weyler 1896 in Kuba errichteten Konzentrationslagern und deren ca 400 000 Insassen, und über die englischen Lager im Burenkrieg gelangt er schließlich zu den sowjetischen und nationalsozialistischen Stätten der Massenvernichtung, von denen die ersten den zweiten als Vorbild gedient hätten. Mit großem Nachdruck tadelt er die Versuche “prokommunistischer Autoren im Westen”, “auch die erschreckendsten Zeugnisse über die sowjetischen KZs mit der falschen und methodologisch sinnlosen These zu neutralisieren, dass die sowjetischen KZs mit den NS-KZs ‘nicht vergleichbar wären’ - oder gar, dass man ‘das nicht vergleichen darf’”. Dass die deutsche Wissenschaft dieser Frage bisher sorgsam aus dem Wege gegangen sei, hält er allerdings für verständlich, denn jeder entsprechende Hinweis eines deutschen Forschers “hätte von sowjetischer und prosowjetischer Seite einen der bekannten Stürme der Empörung hervorrufen müssen, auch wenn dieser Forscher jeden Anschein einer ‘Aufrechnung’ vermieden hätte.” In Wahrheit sei der ganze hohe Norden Sowjetrusslands, von Workuta im Nordwesten bis Kolyma im Nordosten, jahrzehntelang auch eine Art Treblinka gewesen. Daher ist in seinen Augen ein eingehender Vergleich zweier so ähnlicher und so riesiger Erscheinungen ein “unausweichliches wissenschaftliches Gebot”, dem sich freilich in Deutschland ein “sonderbarer deutscher Chauvinismus mit umgekehrten Vorzeichen” entgegenstelle, welcher sich darauf versteife, “die NS-Verbrechen immer wieder als ‘unvergleichbar’ und ‘beispiellos’ zu bezeichnen.”{41} Erst im Nachwort schreibt er dann allerdings, “die von der Wissenschaft tunlichst übersehenen kausalen Zusammenhänge” seien ein Problem für sich. Es ist also jedenfalls nicht Routine oder Trivialität, wenn ich in dieser Abhandlung solchen Zusammenhängen gerade große Aufmerksamkeit schenke.

   Zwar ist es mehr als nur begreiflich, dass “Auschwitz” und sogar die “Judenverfolgung in Deutschland” seit 1945 mehr und mehr in den Vordergrund getreten sind, aber die Feststellung ist gleichwohl gut begründet, ja unumgänglich, dass das eine wie das andere im Zusammenhang des einen großen Grundtatbestandes gesehen werden muss: der bürgerkriegsmäßigen und schließlich kriegerischen Auseinandersetzung zwischen zwei ideologischen Bewegungen und Regimen, die von radikalen Vernichtungswillen gegenüber einem “Weltfeind” erfüllt waren. Der “Antisemitismus” war im Rahmen der militanten Gegen-Bewegung nicht zwingend notwendig, aber er lag nur allzunahe, da ein konkreter Hauptfeind dem konkretem Hauptfeind der Kommunisten, “den Kapitalisten”, entsprechen musste, und aus objektiven und historischen Gründen war keine andere Gruppe dafür so sehr prädestiniert wie die Gruppe der Juden. Gleichwohl war der “Antisemitismus” eine Art Ablenkung oder Verunreinigung, wenn wir vorgreifend den innersten Kern der Auseinandersetzung als den Kampf zwischen dem militanten Universalismus und dem militanten Partikularismus bestimmen. Aber es gab noch mehr an derartigen “Verunreinigungen” oder zusätzlichen Momenten, die es nicht gestatten, den Nationalsozialismus als eine konsequente Realisierung des Idealtyps der militanten Gegenbewegung gegen den bolschewistischen Universalismus zu betrachten.

   Der Nationalsozialismus war und blieb eine Erscheinungsform des deutschen Nationalismus, der in sich vielfältig war und auf seine Weise durchaus “progressiv” und auch universalistisch sein konnte, denn er machte sich die Überwindung des Erbes der “Kleinstaaterei” zur Aufgabe, und er fügte sich in seiner spirituellen Ausprägung lange Zeit in das Konzept der an der Herausbildung einer “Kulturmenschheit” mitwirkenden “Kulturstaaten” ein. Seine “schwache Stärke” (wie man sagen könnte) verführte ihn schon in der Vorkriegszeit zu Projekten einer gewaltsamen Einbeziehung a l l e r  Deutschen, und nach der Niederlage befand er sich durch den Frieden von Versailles in einer Lage, die keineswegs nur Hitler, sondern auch Lenin als einen Zustand der Knechtung charakterisierte. Es war vorstellbar, wenngleich unwahrscheinlich, dass ein nationalistisches Deutschland auch ohne die Existenz eines bolschewistischen Russland sich nach Osten auszudehnen versucht hätte und dadurch in einen Krieg mit den Westmächten geraten wäre. Faktisch aber lag im Kopfe Hitlers insofern eine enge Verknüpfung mit dem antimarxistischen Konzept vor, als für ihn der Hauptfeind des deutschen Nationalismus der Marxismus war.

   Ein unabhängiges, weit in die Vorkriegszeit hineinreichendes Moment war ebenfalls die Rassenlehre. Durch die Aufspaltung der Nation in verschiedene “Rassekerne”, von denen keiner an die Grenzen des Nationalstaates gebunden war, stellte er so etwas wie einen Quasi-Universalismus im Partikularismus dar, und er hätte im Prinzip zur Bildung eines “nordischen Imperiums” aus Norddeutschland und Skandinavien unter Ausstoßung des keltisch-dinarischen Süddeutschland führen können. Von dieser Tendenz blieb Hitler, wenngleich nicht der ganze Nationalsozialismus, weit entfernt, und auch hier lag bei ihm eine eindeutige Verbindung mit dem Antibolschewismus vor, weil die Proklamation eines Kampfes von “Rasse gegen Rasse” für ihn die einzig wirksame Alternative zum marxistischen Konzept des Klassenkampfes war.

   Eine autonome Wurzel hatte schließlich der biologische Sozialdarwinismus, der den Kampf “der Starken” gegen “die Schwachen” paradoxerweise nicht so sehr konstatierte als vielmehr postulierte. Eben aus dieser Wurzel schien eine scheinbar rein abstrakte Maxime Hitlers hervorzugehen, die lautete: “Wer leben will, der kämpfe also; und wer nicht kämpfen will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.” Es ist jedoch keine bloße Willkür, wenn man darin eine sehr konkrete und ebenfalls mit dem Antibolschewismus eng verknüpfte Aufforderung versteckt sieht, nämlich: “Raffe dich auf, Bürger, und nimm den Kampf mit dem Feind auf, der dich vernichten will, oder du wirst zu recht zugrunde gehen.”{42}

   Aber auch der Bolschewismus Lenins wies einige Merkmale auf, die ihn als eine “unreine” Verkörperung des Idealtyps des militanten Universalismus erscheinen lassen. Hier ist die Widersprüchlichkeit weit leichter aufzuzeigen als im Falle des Nationalsozialismus. Die marxistische Lehre postulierte mit klaren Worten, dass nur eine durch einen voll entwickelten Kapitalismus ausgebeutete und verelendete, die große Mehrheit der Bevölkerung darstellende Klasse den entscheidenden Kampf für den Sozialismus führen könne und dass nur eine aus dieser Revolution hervorgehende “nachkapitalistische” Weltgegend (in der Praxis: die fortgeschrittenen Nationen des Westens) die Weltrevolution zu realisieren und damit den militanten Universalismus zu verkörpern berufen sei. Die tiefe Enttäuschung Lenins darüber, dass er den Weltsowjetkongress nicht in Berlin zu eröffnen vermochte, ist schon erwähnt worden. Und in den letzten Jahren seines Lebens äußerte er sich immer wieder, oftmals auf geradezu rührende Weise, über die kulturelle Zurückgebliebenheit Russlands und über den höchst eigentümlichen Zustand seiner Kommunistischen Partei als eines bloßen Tröpfchens im Meer einer widerstrebenden, bäuerlich-kleinbürgerlichen Bevölkerung, einen präzedenzlosen Zustand, über den “kein Marx und kein Marxist” ein erhellendes Wort gesagt habe, sodass man sich nun selbst helfen müsse, um aus dem immer noch allzu “russischen”, dem “armen, verkümmerten Russland ein reiches Land zu machen”.{43}

   Aber wenn das bolschewistische Russland weiter nichts als eine “Entwicklungsdiktatur” war, deren äußeres Erscheinungsbild vom Gewand des Muschick und von den “barbarischen Methoden” bestimmt war, mit denen die kommunistische Partei auf Lenins Geheiß die barbarischen und “halbasiatischen” Zustände bekämpfen sollte, wie lange konnte dann die Vorstellung vom “Sowjetvaterland” und von der “Avantgarde der Weltrevolution” für die deutschen Arbeiter glaubwürdig bleiben?

   Es waren also “unreine” oder komplexe “Reinigungsideologien”, die zum Kampf um die “Erlösung der Welt” gegeneinander antraten und die sich doch beide von der Vorstellung eines einfachen, durchsichtigen, unkomplizierten, “nicht entfremdeten” Zustands leiten ließen, zu dem sie die Welt vorwärts- oder besser zurückbringen wollten. Der Bolschewismus trennte sich nie grundsätzlich von jenen Gemälden eines harmonischen und naturverbundenen Daseins, die in zahlreichen Publikationen des Frühsozialismus als Illustrationen und dann auch in den Kunstwerken des “sozialistischen Realismus” zu finden sind, und für die Zukunftsvorstellung des Nationalsozialismus ist vermutlich eine Wandmalerei charakteristisch, die in den SS-Räumen des Bunkers der Reichskanzlei gefunden wurde: Rechts spielen Kinder um ihre Mutter herum, die einen Säugling auf dem Arm hält, und links streut ein Landmann, wohl der Vater, die Saat aus, während auf der einen Seite ein Bauernhaus und auf der anderen (anscheinend) ein kleines Industriegebäude im Hintergrund zu sehen sind. Die Mitte des Gemäldes aber bilden drei SS-Soldaten mit Stahlhelmen auf den Köpfen, deren ausgebreitete Arme, die sich zu einer Art Flügel verlängern und auf denen zwei mächtige Adler sitzen, schützend die Darstellung dieser harmonischen Volksgemeinschaft umgreifen, aus der der Schachergeist, d.h. das Judentum, endgültig entfernt ist.{44}

  Ich umreiße nun unter Herausstellung einiger paradigmatischer Fakten und Ereignisse die Geschichte des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund des Bolschewismus, denn mit dem Nachdenken über “Auschwitz” und den “GULag” sind wir noch nicht zu Ende. Im Prinzip könnte und müsste diese Fragestellung die Aufgabe eines umfangreichen Buches sein, und sie dürfte - heute erst ansatzweise entwickelt - im 21. Jahrhundert von Historikern als das herausfordernste und fruchtbarste aller Desiderate empfunden werden. Ich kann unter Aufzählung einiger Vergleichspunkte nur eine höchst flüchtige und unzureichende Skizze geben, aber sie wird ein Endurteil ermöglichen, das durch Einzelforschungen und Gesamtdarstellungen nur noch erweitert oder aber als falsch erwiesen werden kann:

   1. Den Boden für Bolschewismus und Nationalsozialismus bilden die beiden größten und stärksten Staaten Europas, Russland und Deutschland. Russland gilt als zurückgeblieben, hat aber seit dem Ende des 19. Jahrhunderts einen großen industriellen Aufschwung genommen; Deutschland wird fast allgemein als der neben den USA modernste Industriestaat der Erde angesehen, ist indessen nach der Ansicht vieler deutscher und nichtdeutscher Intellektueller durch ein feudal reaktionäres Regime geschwächt. Russland ist der erste im Weltkrieg besiegte Großstaat, Deutschland ist der zweite.

   2. Die Ideologie des Bolschewismus fügt sich in den Rahmen des Marxismus ein, befindet sich aber infolge der Lenischen Lehre von den “Berufsrevolutionären” an dessen äußerstem Rand; die Ideologie des Nationalsozialismus ist noch weit mehr das Produkt eines “Führers” und hängt noch stärker von der Erfahrung des Weltkriegs ab, vermag sich jedoch auf einige eher marginale Denktendenzen der Vorkriegszeit zu stützen.{45}

   3. Die bolschewistische Partei ist ein eng geschlossenes und ganz auf Angriff eingestelltes, weitgehend von Lenin geprägtes Gebilde; die nationalsozialistische Partei ist weitaus mehr durch defensive, aber militante Vorstellungen bestimmt und eher ein Aggregat unterschiedlicher Strömungen, die nur durch den charismatischen “Führer” zu einer Einheit gebracht werden.

   4. Die Machtergreifung der Partei erfolgt in Russland auf gewaltsame Weise gegen die eigenen Freunde und doch unter einer gewissen Abschirmung durch sie; in Deutschland geschieht sie in einem legalen Verfahren und in Zusammenarbeit mit den deutschnationalen Verbündeten, aber sie wird unter dem Druck einer durch die SA nur mangelhaft disziplinierten, jedoch nicht chaotischen Volksbewegung rasch zu einer genuinen Machteroberung durch die Partei und deren Führer.

   5. Eine wichtige Etappe ist in Deutschland der Reichstagsbrand, der aller Wahrscheinlichkeit nach auf den anarchokommunistischen Einzeltäter Van der Lubbe zurückgeht, der aber von Hitler, anscheinend in subjektiver Aufrichtigkeit, benutzt wird, um einen sehr einseitigen “Bürgerkrieg” zu entfesseln, der in kurzer Zeit die völlige Zerschlagung der KPD und wenig später auch das Ende der anderen Parteien herbeiführt. In Russland entspricht dem am ehesten die höchst gewalttätige Reaktion auf die Attentate der Sozialrevolutionäre Kaplan und Kannegießer gegen Uritzki und Lenin, die viele Hunderte, ja vermutlich mehrere Tausend an Todesopfern fordert, weil “die Bourgeoisie” für verantwortlich erklärt wird.

   6. In Deutschland wird das Ermächtigungsgesetz unter Drohungen und wegen der Kassierung der kommunistischen Mandate auf nur halb legale Weise im Parlament verabschiedet; in Russland liegt die Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung einige Monate vor jenen Attentaten und nur kurz vor dem Ausbruch eines genuinen, mit bewaffneten Großverbänden geführten Bürgerkriegs; sie geschieht auf viel gewalttätigere Weise und zieht sofort die blutige Zerstreuung einer für die Versammlung demonstrierenden Menschenmenge nach sich.

   7. Die terroristische Verfolgung der Gegner hat in Russland von Anfang an einen viel ausgedehnteren Charakter, da sie sich gegen ganze soziale Gruppen wie den Adel, die Bourgeoisie und auch die Intelligenzia richtet, und zwar mit sehr brutalen Methoden der Exmittierung aus Wohnungen, der Verpflichtung zum Schützengrabenbau, der Entziehung von Lebensmittelkarten usw.; in Deutschland entsprechen dem innerhalb der ersten und relativ unblutigen, auch nicht g a n z  einseitigen Phase des Quasi-Bürgerkriegs gesetzliche, zum Teil noch vergleichsweise großzügige Maßnahmen gegen Marxisten, jüdische Beamte und auch Erbkranke; einen unverwechselbaren Charakter erhalten sie erst durch die vom “Rassendenken” bestimmten “Nürnberger Gesetze”, die aber vonseiten der Zionisten einen gewissen Beifall finden, ganz wie die “nationale Erhebung” als solche von nicht ganz wenigen Vertretern der jüdischen Gemeinden begrüßt wurde. Zu den “Staatsmorden” des 30. Juni 1934 gab es in der Sowjetunion Stalins zunächst keine Entsprechung; aber die “große Säuberung” übertraf das nationalsozialistische Präzedens dann auf beinahe unvergleichbare Weise. Das gleiche gilt, und zwar ansatzweise von Anfang an, für die Zahl der Insassen von Konzentrationslagern, jedoch auch für ein so symptomatisches Detail wie die “Säuberung” der Literatur: Die deutsche Bücherverbrennung vom Mai 1933 löste mit Recht weltweite Empörung aus, aber die zuerst von Lenins Frau Krupskaja in Gang gesetzte “Reinigung” der sowjetischen Bibliotheken griff viel tiefer und weiter, weil sie auch große klassische Autoren wie Platon, Kant, Schopenhauer und Nietzsche den Lesern entzog.{46}

   Bereits vor dem Ausbruch des Krieges war der “Totalitarismus” in der Sowjetunion Stalins viel stärker ausgebildet als im nationalsozialistischen Deutschland, und zwar schon deshalb, weil es keine Privatwirtschaft gab, in deren Nischen Gegner des Regimes eine Zuflucht hätten finden können. In diesem Rahmen ist sogar Himmlers heftige Zurückweisung einer Gleichstellung von Gestapo und GPU nicht ganz unglaubwürdig.

   Bis zum Kriegsausbruch ist das Urteil geboten, dass nahezu alle Vorgänge und Tatbestände in der Sowjetunion monumentaler, elementarer und großenteils auch unzivilisierter und wilder waren, so gewiss die Leiden der Opfer auf der nationalsozialistischen Seite nicht als minder schlimm angesehen werden dürfen. Die Zahl war indessen weit geringer, und auch die Verfolgung der Juden war eine Vertreibung in einigermaßen zivilisierte Verhältnisse und nicht, wie im Fall der Kulaken, eine Verjagung in die Wildnis und meist in den Tod.

   Die Dinge scheinen sich nun fundamental mit dem Kriegsausbruch zu ändern, nicht zuletzt deshalb, weil Hitler mit der “Entfesselung des Zweiten Weltkrieges” eine unvergleichliche Schuld auf sich geladen habe und dann zu einer singulären, aber tief in seiner Ideologie angelegten Vernichtungspolitik übergegangen sei. Diese Aussage ist nicht falsch, doch sie bedarf wesentlicher Einschränkungen. Es war nicht “Hitler”, der “Polen überfiel”, sondern Hitler schloss mit Stalin einen Teilungs- und Vernichtungspakt gegen Polen, und dem ersten, dem deutschen Schlag gegen “dieses unschöne Gebilde des Versailler Vertrages” folgte sehr rasch der zweite, der sowjetische Schlag. Und dem Terror- und Vertreibungsregime, das das nationalsozialistische Deutschland im besetzten Westteil Polens errichtete, kam das sowjetische Terror- und Vertreibungsregime im besetzten Ostpolen mindestens gleich, denn man kann schwerlich behaupten, dass die Erschießung von nahezu allen polnischen Offizieren, die der Roten Armee in die Hände gefallen waren, bei Katyn die führende Schicht Polens weniger hart getroffen hätte als der Mordterror Franks und Heydrichs, zu dem vonseiten des Militärs in gewisser Weise durch die korrekte Behandlung der kriegsgefangenen Offiziere einschließlich der jüdischen ein Gegengewicht geschaffen wurde.

   Die Gabelung erfolgte in Wahrheit erst vom 22. Juni 1941 an, und sie ist historisch, wenngleich nicht moralisch, anders zu beurteilen, wenn es sich um einen “Überfall”, als wenn es sich um einen unvermeidlichen Entscheidungskampf oder gar um einen Präventivkrieg handelte. Aber die schrecklichen Verluste unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen mehr als die Hälfte umkamen, bilden nur dann einen wesentlichen Differenzpunkt, wenn tatsächlich und mit nachweisbaren Folgen die Intention einer biologischen Schwächung des russischen Volkes maßgebend war, und selbst dann würde nicht übersehen werden dürfen, dass von mehr als 100 000 bei Stalingrad gefangenen deutschen Soldaten nur 5000 in die Heimat zurückkehrten.

   Ähnliches gilt für den “Kommissarbefehl”, dessen Grundannahme, nämlich die völkerrechtswidrige Behandlung der deutschen Gefangenen seitens der Roten Armee, sich schon während der ersten Wochen des Krieges gutenteils als richtig erwies. Später sollte sich dann allerdings zeigen, dass Hitlers Vorhersagen, die Bolschewisten würden Millionen und Millionen der deutschen Intellektuellen umbringen, keine Bestätigung fanden; aber es wäre trotzdem angebracht, die Frage zu stellen, wie viele Millionen Menschen die Nationalsozialisten aus Deutschland hätten vertreiben müssen, wenn sie sich auch nur die “Postzedentin” der DDR zum Vorbild hätten nehmen können.{47} Und was das Schicksal von “Parasiten” und “Nomaden” in der Sowjetunion war, kann niemandem zweifelhaft sein, der sich je mit den “Besprisornij” der zwanziger Jahre beschäftigt hat. Die Empörung über die Behandlung der Sinti und Roma und über den Entwurf des “Gemeinschaftsfremdengesetzes” ist daher moralisch völlig gerechtfertigt, nicht aber als historisches Urteil in der vergleichenden Analyse der totalitären Regime der kommunistischen Sowjetunion und des nationalsozialistischen Deutschland.

   Ein wesentlicher Unterschied ist erst bei der “Euthanasie” zu konstatieren, und er entspringt der Distanz zwischen einer sozialen und einer biologischen Vernichtungskonzeption, auch wenn die Differenz in den praktischen Umständen nicht sehr groß gewesen sein dürfte.

   Die eigentliche und wesentliche Andersheit bildet in der Tat “Auschwitz”, und hier muss jene ungeheuerliche “Arbeitserleichterung” durch die ganz überproportionale Tötung von jüdischen Männern, Frauen und Kindern bei der präventiven Partisanenbekämpfung durch die Einsatzgruppen der SS mit einbezogen werden. Gewiss hatte sich schon 20 Jahre zuvor in Sowjetrussland ein vergleichbarer Vernichtungswille gegen die sozialen Gruppen gerichtet, die man der Verbindung mit “Konterrevolutionären” anklagte, und 10 Jahre früher gegen die “Klassenfeinde” der Kulaken, und die Zahl der Opfer lag vermutlich schon vor dem Ausbruch des Krieges bei mehreren Millionen, aber an keinem Platz in der Sowjetunion waren jemals viele Hunderttausende von Menschen aus den Deportationszügen ausgeladen und sofort, mit dem Ziel der Vernichtung aller Mitglieder dieser Gruppe bzw. dieses Volkes getötet worden. Schon in dieser Hinsicht ist “Auschwitz” singulär, d.h. historisch präzedenzlos, so wenig man übersehen darf, dass es unter anderen Aspekten noch andere Singularitäten, d.h. historisch präzedenzlose und dabei bedeutende Ereignisse oder Tatbestände geben kann.

   Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Wir müssen vielmehr die meines Wissens noch nie aufgeworfene Frage stellen, ob es einen inneren Zusammenhang zwischen der relativen Unvollkommenheit des nationalsozialistischen Totalitarismus und Terrorismus einerseits und der sich jeder Gleichsetzung entziehenden Schrecklichkeit von “Auschwitz” gibt. Eine Antwort kann nur auf tastende Weise gegeben werden, welche Vermutungen nicht von vornherein ausschließt.

   Der im Vergleich zu Russland weit höhere Zivilisationsstand Deutschlands machte für Hitler die Kooperation mit den bisher führenden Schichten und damit ein beträchtliches Maß an Kompromissbereitschaft erforderlich, wenn er zur Macht kommen und die Macht bewahren wollte; er war nicht in der Lage und auch nicht willens, einen Totalangriff gegen die ganze bisherige Gesellschaft in Gang zu setzen, wie Lenin es tat. Er wollte im Gegenteil eine, wie er meinte, tödliche Gefahr für diese Gesellschaft abwenden, und es wurde im erst allmählich immer klarer, wie weit sie von “seiner” Gesellschaft, d.h. von seiner Gesellschaftsvorstellung verschieden war. So wurde zwar schon bald seine Behauptung, er verteidige das Abendland und dessen Kultur, durch sein handeln und dasjenige seine Gefolgsleute mehr und mehr unglaubwürdig, doch erst im letzten Kriegsjahr machte er es sich selbst zum Vorwurf, diese bis 1933 führenden Schichten nicht nach dem Vorbild Lenins und Stalins ausgerottet zu haben. Aber er wurde dadurch keineswegs zum Bolschewisten, sondern er glaubte vielmehr, etwas viel Elementareres verteidigen zu müssen als “das Abendland”: die Ungleichheit der Personen und der Rassen, den Krieg als die “höchste Form des Lebens”, die nicht-emanzipatorische Existenzweise der Frauen als Voraussetzung des Lebens des Volkes, den Vorrang der kriegerischen - der “Intellektualisierung” als der schwersten Gefahr am meisten entgegengesetzten - Tapferkeit als der höchsten aller Tugenden. Es war keine Zufallsbemerkung, als er in seinen “Monologen im Führerhauptquartier” die “deutschen Professoren” den Juden an die Seite stellte. Zwar konnte er die “Ausrottung der führenden Schichten” nur ansatzweise vollziehen, aber er stellte nach dem 20. Juli 1944 doch unter Beweis, dass er mit nicht weniger Entschlossenheit und Fanatismus als Lenin “das Erschießen”, ja da “Erhängen” zum A und O seiner Regierung machen konnte. Bis dahin aber hatte er seinen ideologischen Fanatismus nur an einer Stelle zur vollen Auswirkung bringen können, und diese Stelle war “Auschwitz”. Wenn er den großen Feind, den Bolschewismus nicht besiegen, sondern allenfalls sich selbst ähnlicher machen konnte, so wollte er wenigstens dasjenige zerstören, was er, nicht völlig zu Unrecht, für den Wurzelboden dieses und zugleich des “kapitalistischen” Feindes hielt, nämlich die biologische Entität des Ostjudentums und indirekt des Judentums überhaupt.{48} Dadurch glaubte er letzten Endes doch noch dasjenige aus der Welt bringen zu können, was er am meisten hasste und was man in grober Verkürzung “Modernität” nennen mag. Darunter aber verstand er zum guten Teil nichts anderes, als was auch heute noch nicht selten als “die schlechten Zeiten der Moderne” bezeichnet wird. Hier und nur hier ist die eigentliche Singularität von “Auschwitz” zu sehen, die unbestreitbar ist, so sicher gegen gewisse und quasireligiöse Übersteigerungen gesagt werden muss, dass “Forschungsfreiheit” auch gegenüber diesem Thema, insbesondere gegenüber Zahlenangaben und dem “dantesken” Teil der Zeugenaussagen, unverzichtbar ist.

   Die Skizze, die ich dargeboten habe, ließe sich nicht nur zu einer vergleichenden Geschichte des Bolschewismus und des Nationalsozialismus ausarbeiten, sondern im Ausgang davon könnten auch strukturtheoretische Analysen vorgenommen werden. Es ließe sich aber ebenfalls eine allgemeine Charakterisierung des Kampfes zwischen den beiden Vernichtungsideologien und den Weisen ihrer Realisierung anschließen, die lediglich zur Veranschaulichung auf relativ wenige Einzelheiten eingehen würde. Sie lässt sich tatsächlich in stärkster Verkürzung hier einfügen, da die Verwendung eines “Schlüsselwortes” sich aufdrängt.

   Im Jahre 1936 sagte der Vorsitzende der Kommunistischen Gewerkschaftsinternationale Losowski, der später auch eine bedeutende Rolle im Jüdischen Antifaschistischen Komitee spielen sollte, auf einer Sitzung des Hauptvollzugsausschusses der Sowjetunion, die Imperialisten, nämlich Deutschland, Polen und Japan, könnten überzeugt sein, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion auch einen Krieg im eigenen Land bedeute. “Wir wissen, gegen wen die Proletarier dieser Länder ihre Gewehre kehren werden. Ihr wollt Krieg haben, ihr Herren, probiert es. Und Ihr werdet in euren eigenen Werken, Fabriken und Kolonien Krieg haben.”{49} Am 30. Juni 1941 ließ Wjatscheslaw Molotow dem Generalsekretär der KI Georgij Dimitrow folgende Mitteilung zukommen: “Jede Stunde zählt. Überall müssen die Kommunisten die entschiedensten Aktionen zur Unterstützung des sowjetischen Volkes unternehmen. Es kommt darauf an, das Hinterland des Feindes zu desorganisieren und seine Armee zu demoralisieren”.{50} Diese Überzeugung, dass auch in Deutschland zahllose Arbeiter innerlich auf der Seite der Sowjetunion ständen und einen Angriff auf das “Vaterland des Weltproletariats” schon in den ersten Anfängen zum Scheitern bringen würde, könnte man die immer noch machtvolle Schwundstufe jenes Glaubens von 1919 und 1920 nennen, dass der Sturm der Weltrevolution in nächster Zukunft ganz Europa und wenig später die Welt an die Seite Sowjetrusslands bringen werde. Aber der Gedanke, dass ein Angriffskrieg gegen die Sowjetunion nicht geführt werden könne, weil sie im übrigen Europa viel zu viele entschlossene Anhänger habe, war damals auch unter “bürgerlichen” Staatsmännern weit verbreitet, und er fand sogar Eingang in das Tagebuch des Grafen Ciano, des Schwiegersohns Mussolinis. Wenn der Bericht Ludwig Renns richtig ist, stimmten die Soldaten der faschistischen Miliz, die bei Guadalajara von den spanischen Republikanern besiegt wurden, nach der Gefangennahme die “Bandiera rossa” an; sie waren also im Herzen Sozialisten geblieben, wie sie - oder ihre Väter - es vor der Machtergreifung des Faschismus gewesen waren. Sebastian Haffner spricht in seinen Anmerkungen zu Hitler - mit denen er, 40 Jahre nach seinem ersten Buch Germany, Jekyll and Hyde, den Beweis antrat, dass auch scharfe Hitlergegner, ohne sich selbst aufzugeben, zu einer in manchen Punkten positiveren Einschätzung Hitlers gelangen konnten - von den “Leistungen” Hitlers, aber er erwähnt nicht oder allenfalls implizit, was diesseits einer positiven oder negativen Bewertung als die erstaunlichste Leistung Hitlers zu betrachten ist, nämlich, dass er eine riesige Armee, die in ihrer Masse aus Arbeitern und Bauern bestand, zum Angriff gegen die Sowjetunion führen konnte, ohne dass auch nur ein größeres Ausmaß an Sabotage oder eine beträchtliche Anzahl von Überläufern zu verzeichnen gewesen wären. Gleichwohl könnte der Satz von Losowski als Motto über den ganzen Ostkrieg geschrieben werden, denn spätestens nach der Jahreswende 1941/42 mussten die deutschen Soldaten sich überall im Osten von versteckten, aber sehr aktiven Feinden umgeben fühlen, und es war nicht nur die “Rote Kapelle”, die vom Inneren Deutschlands und Europas aus engen Kontakt mit Moskau hatte, sondern aus Hitlers engstem Umkreis, vermutlich von einem Stenografen, gelangten wichtige Nachrichten an den sowjetischen Feind. Ohne dieses Empfinden eines umfassenden Bedrohtseins ist das Verhalten der deutschen Truppen im Ostkrieg nicht zu begreifen, und selbst die Wachmannschaften der Konzentrationslager waren davon nicht ausgenommen: Nach dem Kriege erzählte einer der Häftlinge stolz, es sei ihm bei seiner Tätigkeit in der Wäscherei eines Lagers gelungen, Läuse unter die Kragen von SS-Uniformröcken zu platzieren und vier SS-Leute seien daraufhin an Fleckfieber gestorben.{51} Es gab also auch im Zweiten Weltkrieg jene große übernationale Gruppierung der militanten Anti-Imperialisten, die sich nun meist Antifaschisten nannten und deren festester Kern aus kommunistischen Parteimitgliedern bestand. So wenig ihre Existenz als solche kriegsentscheidend war, so sehr ließ sie es doch noch im Rückblick als möglich erscheinen, dass die bolschewistische Weltbewegung in ganz Europa den Sieg hätte erringen können, wenn die Rote Armee im Sommer 1920 Warschau erobert hätte und wenn sich an der Flamme dieses Sieges der “deutsche Oktober” entzündet hätte, den Lenin so sehnlich wünschte und der erst 1923 definitiv scheiterte. Gewiss kann man diesem Sieg keine Wahrscheinlichkeit zuschreiben, aber seine Möglichkeit ist nicht vollständig auszuschließen, und ein “europäischer Bürgerkrieg” hätte nicht stattgefunden.

   Doch auch Hitler hätte eine vergleichbare Zuversicht zum Ausdruck bringen können wie Losowski. Zahllose Deutsche in Österreich, der Tschechoslowakei und Polen stellten das Prinzip der Nationalität weit höher als das der Staatsloyalität, von einer “Klassensolidarität” zu schweigen, und später sollte sich - zuerst bei jenen “jüdischen Bolschewisten”, die von Stalin verdächtigt wurden, zum Zionismus übergegangen zu sein - an zahlreichen Stellen zeigen, dass der kommunistische Internationalismus bei vielen seiner Anhänger nicht jenseits, sondern diesseits des Nationalismus zu lokalisieren war. Auch Hitler besaß Sympathisanten, ja Anhänger in ganz Europa, und nach dem 22. Juni 1941 brachen zwar an vielen Stellen - es ist an den Keitel-Erlass vom 16. September 1941 zu erinnern, - “kommunistische Aufstände” aus, aber noch auffälliger war die große Welle antibolschewistischer Solidarität, die in nahezu jedem Lande Europas spürbar wurde. Und in den eroberten Gebieten der Sowjetunion stießen die Soldaten Hitlers auf weit verbreitete Sympathien und auf Bereitschaft zur Zusammenarbeit: in Litauen, in Lettland, in der Ukraine - überall dort, wo die Rote Armee als Besatzungstruppe stationiert gewesen war oder wo die Erinnerung an die “Entkulakisierung” noch lebendig war. Daher muss es als immerhin möglich erscheinen, dass Hitler durch die psychologischen Auswirkungen einer Eroberung Moskaus im Oktober 1941 ebenso den definitiven Sieg seiner Bürgerkriegspartei errungen hätte wie Lenin zwei Jahrzehnte zuvor durch die Einnahme Warschaus. Dann würde immerhin der entscheidende und weitaus blutigste Teil des “europäischen Bürgerkriegs” nicht stattgefunden haben.

   Auch wenn es sich bei solchen Überlegungen um bloße Gedankenspiele handeln sollte, sind sie doch geeignet, den Charakter dieser ideologischen Auseinandersetzung zwischen zwei Vernichtungs- und Reinigungsideologien herauszustellen, von denen jede die andere gleichsam zu umfassen und zu erdrücken versuchte und versuchen durfte, sodass alle Interpretationen, die zwischen 1917 und 1945 nur “Verbrecher” und “Täter” am Werk sehen, unzureichend, wenngleich gewiss nicht völlig falsch sind, solange man nicht in grober Parteilichkeit “Verbrecher” und “Täter” nur auf der einen Seite wahrnimmt.

   Im Rückblick ist so viel gewiss: Nie zuvor hatte es in der neuzeitlichen Geschichte eine Vernichtungsideologie gegeben, die sich so weitgehend zu einer Vernichtungsrealität zu machen verstand wie die bolschewistische. Schon 1922 und definitiv 1933 gab es in Sowjetrussland keinen Adel, kein Bürgertum, keine “Intelligenzija”, keine autonome Kirche und kein selbstständiges Bauerntum mehr. Allerdings waren eine neue und parteitreue Intelligenz, eine riesige Bürokratie und eine neuartige Schichtung mit dem Alleinherrscher an der Spitze und dem Millionenheer der Zwangsarbeiter am entgegengesetzten Ende entstanden, doch die Aufgabe der “nachholenden Industrialisierung” war erfolgreich bewältigt worden.

   Der Nationalsozialismus hatte als “Reinigungsideologie” die Erbkrankheiten durch das Zwangsmittel der Sterilisierung bzw. durch die “Euthanasie” und dann die Kriminalität durch sehr hatte Strafen großenteils beseitigt; er hatte alle anderen Parteien politisch, jedoch nur zu einem kleinem Teil physisch vernichtet, und er hatte bis zum Anfang des Krieges die “Entfernung” eines angeblich fremden Volkes aus Deutschland unter grundsätzlicher Zustimmung der Zionisten weitgehend durchgeführt. Aber auch die “Reaktionäre”, mit denen er seit 1933 zusammenarbeiten musste, sah er als seine Feinde an, obwohl er im Gegensatz zu der sozialistischen Doktrin das Privateigentum nicht beseitigen wollte. Doch in der Konsequenz von Hitlers Ideen lag die physische Vernichtung der Juden, die als das “raumlose Volk” für die Urheber sowohl des Bolschewismus wie des Kapitalismus gehalten wurden, und mit dieser, bis 1944 allein klar hervortretenden Vernichtungsintention vermochte Hitler die Bolschewiki zu übertreffen. Wie jenes Wandgemälde indessen symbolisch zu erkennen gibt, ging der Wille zur “Reinigung” und zur “Wiedergesundung” viel weiter, und Hitler selbst hat von einem künftigen Zustand gesprochen, in dem “Bauern und Arbeiter sich wechselseitig das Leben gewähren”, in welchem also “Schacher” und “Gold” endgültig verschwunden sind. Insofern könnte man sagen, der Nationalsozialismus sei ein defizienter Modus des Bolschewismus gewesen, der mit diesem das Ziel der reinen, einfachen und durchsichtigen Gemeinschaft der Zukunft geteilt habe, aber in der Ideologie weniger konsequent und in der Realisierung, bis auf die für ihn zentrale Intention der “Judenvernichtung”, weniger radikal gewesen sei. Hier müsste indessen gefragt werden, inwiefern neben der zentralen Differenz zwischen der vorgestellten “Weltgemeinschaft” und dem projektierten “großgermanischen” oder gar “arischen” Reich auf der Seite des Nationalsozialismus der Wille zur Erhaltung der privaten ökonomischen Initiative und damit das Ideal des “Sozialstaates” anstelle eines “sozialistischen Endzustandes” genuin war. Hier öffnet sich ein neues Feld der Überlegung, das in dieser Schlussbetrachtung jedoch nicht mehr betreten werden kann.

   Aber sollte am Schluss nicht doch ein eindeutiges Gesamturteil möglich und erforderlich sein? Wenn es zwingend notwendig ist, alle Verbrechen und zumal alle Massenverbrechen moralisch zu verurteilen, und zwar ohne Ansehen der Person, der Nationalität oder der Religion der Opfer, lassen sich doch vielleicht historische Unterscheidungen vornehmen, und erst eben ist ja eine klare Unterscheidung zwischen “Auschwitz” und dem “Gulag” getroffen worden. Muss nicht wenigstens denjenigen eine historische Anerkennung gezollt werden, die, wie es ein Kommunist ausdrückte, “das Elend der Welt in ein Jahrhundert pressen wollten, um es dadurch für immer zu beseitigen”{52}, und müssen nicht diejenigen definitiv in den Abgrund der historischen Verfluchung gestürzt werden, die dieses Elend, d.h. Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, für immer fixieren wollten, indem sie eine Rasse zur Herrenrasse erhoben und die Grausamkeit der Natur nicht beklagten, sondern eher zu verschärfen versuchten? Kein Text ist in dieser Hinsicht aufschlussreicher als Hitlers Rede vom 27. Januar 1932 vor dem Industrieklub in Düsseldorf mit ihrer schroffen Herausstellung des “Herrenrechts der weißen Rasse”, aber auch mit ihrer Kennzeichnung des Bolschewismus als “Weltidee” und mit der Vorhersage, Lenin werde, wenn seine Bewegung nicht gestoppt werden könne, in 200 Jahren als der Stifter einer neuen Religion gelten “mit einer Verehrung vielleicht wie Buddha”{53}. Aber jenes Urteil kann offensichtlich nur definitiv sein, wenn der Beweis erbracht ist, dass die postulierte Zusammenpressung des Elends tatsächlich zum Ende des Elends und nicht umgekehrt zu dessen Perpetuierung geführt hat. Der Historiker darf nicht einen imaginären Platz in der Zukunft einzunehmen suchen, aber er sollte sich auch nicht mit einer bloßen “epoché”, einer Urteilsenthaltung, begnügen.

   Und deshalb muss heute zweifellos zuerst vom historischen Recht des Bolschewismus gesprochen werden, und es wäre das Urteil Walther Rathenaus anzuführen, der Bolschewismus werde in 100 Jahren die Welt umkreist und überall seine Grundideen durchgesetzt haben. Was war mit der “Weltrevolution” anderes gemeint als die Universalisierung, die heute unter dem Stichwort “Globalisierung” in aller Munde ist, die die entferntesten Weltgegenden miteinander in nächste und oft sekundenschnelle Berührung bringt, die keinem Staat noch genuine Souveränität zukommen lässt, die es zu einer zwingenden Notwendigkeit macht, den Hass zwischen Menschen verschiedener Nationalität und Hautfarbe abzubauen, die überall ein stärkeres Selbstbewusstsein der Individuen und mithin die “Emanzipation” von bisher minderberechtigten Gruppen erzeugt, die ein Ausmaß von “Machbarkeit” und damit von Naturbeherrschung hervorbringt, das noch im 19. Jahrhundert schlechterdings unvorstellbar war?

   Und von alldem sticht aufs grellste das Unrecht des Nationalsozialismus ab, der die Weltherrschaft der germanischen Rasse errichten wollte, der für seinen “Rassenstaat” totale Souveränität, ja Autarkie erstrebte, der sich mit Nachdruck gegen die “Emanzipation der Frau” aussprach, der einen Raubkrieg gegen Russland führte, der mithin so etwas wie eine “Weltreaktion” darstellte. Daher ist es begreiflich, dass von allen “Progressiven” noch heute ein erbitterter Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt wird, der doch schon lange tot ist und am ehesten durch die ständige Polemik wieder zum Leben erweckt werden könnte, denn reaktionäre Tendenzen, wenngleich geschwächt, gibt es auch heute, und im Nationalsozialismus besaßen sie noch ein kraftvolles, wenngleich schon sehr artifizielles oder angestrengtes Selbstbewusstsein. So brachte ja selbst der Chef des SS-Hauptamts, der Gruppenführer Gottlob Berger, 1943 in einem Brief an Himmler seinen Zweifel zum Ausdruck, ob man nicht vielleicht in der Abenddämmerung der germanischen Welt lebe, und in Himmlers Antwort fehlte die rechte Zuversicht.{54}

   Aber man sollte nicht vergessen, auch den zweiten Teil der Aussage Rathenaus zu zitieren, in dem prophezeit wird, nach diesen hundert Jahren werde der Bolschewismus jedoch ganz anders aussehen, als die gegenwärtigen Bolschewiki es sich vorstellten. Tatsächlich hatten die Bolschewiki Lenins, wie heute ins Auge springt, historisch ebenso sehr unrecht wie Recht. Sie wollten das Privateigentum vernichten, und kein Begriff hat heute in der ganzen Welt so große Auswirkungen, wie derjenige der “Privatisierung”. Sie wollten die “schuldigen höheren Schichten” und alle überlebten Reste der Vergangenheit ausrotten, aber trotz aller tief greifenden Änderungen lässt sich eine Kontinuität von führenden Schichten nicht übersehen, und in Russland legt sogar die orthodoxe Kirche neue Lebenskraft an den Tag; sie sahen im “Kleinbürgertum” einen Hauptfeind, und heute gibt es im Okzident keine umfangreichere soziale Schicht. Sie wollten in der ganzen Welt “Egalität” herstellen, aber noch nie zuvor war die Welt so voller Inegalitäten, die allerdings überwiegend ökonomisch sind und kein positives Selbstbewusstsein entwickeln. Die höchst komplexe, differenzierte und arbeitsteilige moderne Gesellschaft ist einem Gleichheitsbegriff nicht zu unterwerfen, der an der Egalität einer Urgemeinschaft oder auch einer Familie orientiert ist.

   Und daher ist es wahrscheinlich, dass der Zusammenstoß mit dem Nationalsozialismus wesentlich zu jener Wandlung und indirekt zu dem schließlichen Sturz der kommunistischen Regime in Osteuropa beigetragen hat, sodass auch ihm trotz jenes in die Augen springenden Unrechts ein gewisses historisches Recht zuzuschreiben ist. Im Jahre 1937 wandten sich mindestens ebenso viele Engländer und Amerikaner mit großem Interesse dem “sozialen Experiment” in Deutschland zu wie dem “realen Sozialismus” in der Sowjetunion, und das war kein bloßer Fehltritt. Das Bismarcksche Deutschland hatte am frühesten so etwas wie den “Sozialstaat” auf den Weg gebracht, wenngleich gewiss unter dem Druck der sozialistischen Partei. Die Weimarer Republik entwickelte diese Alternative - sowohl zum planwirtschaftlichen Sozialismus der Sowjetunion wie zum freien Manchesterkapitalismus der USA - weiter, und das nationalsozialistische Regime verstärkte die Tendenz, statt sie abzubrechen. Es war unter diesem Gesichtspunkt also nicht antimodernistisch und auch nicht antidemokratisch, denn was wäre demokratischer als eine echte Volksbewegung, und es ist angebracht, daran zu erinnern, dass Thomas Mann folgendes zu einem Zeitpunkt in sein Tagebuch schrieb, als er mit tiefem Aufatmen den bevorstehenden Sturz des verhassten Kriegsregimes konstatieren konnte: “Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, Funken sprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von Glauben und Begeisterung war.”{55}

   Eine enthusiastische, Funken sprühende Volksbewegung innerhalb einer großen Nation und sogar weit über sie hinausgreifend war auch der Bolschewismus, und wir haben schon vor geraumer Zeit unterstrichen, dass der Vernichtungswille und die Vernichtungsrealität nur der eine seiner Hauptaspekte war, welcher mit dem anderen Hauptaspekt eng verbunden war. Das Gleiche gilt, trotz aller Unterschiede, für den Nationalsozialismus, und der Historiker muss ein Bewusstsein der Dialektik und der Komplexität entwickeln, das dem bloßen Moralisten abgeht, so gewiss er dessen Ablehnung einer blanken Gleichsetzung zu akzeptieren hat.

   Aber es scheint sich eine einfache Lösung der Problematik anzubieten. Der Bolschewismus suchte auf gewaltsame Weise einige der Merkmale in einem ungünstigen Umfeld zu realisieren, die sich in der modernen Demokratie der angelsächsischen und französischen Art allmählich durchgesetzt haben; insoweit war er im historischen Recht. Der Nationalsozialismus war mit seinem bellizistischen Ansatz eindeutig im historischen Unrecht, aber er verteidigte in der direkten Konfrontation mit dem Bolschewismus jene nicht sozialistisch-planwirtschaftlichen, sondern sozialstaatlichen Merkmale, die sich in der “westlichen Demokratie” ebenfalls allmählich durchgesetzt haben. Insoweit war auch er im historischen Recht. Beide aber waren sowohl als enthusiastische Volksbewegungen wie als Vernichtungsideologien und -realitäten im historischen Unrecht gegenüber der “pluralistischen Demokratie”, die in ihren Heimatländern als nüchternes Miteinander-Umgehen der Vernünftigen keine ideologisch-enthusiastische Volksbewegungen hervorbrachte und hervorzubringen brauchte.

  Und nun kommen vor einer letzten Alternative, welche die Zukunft betrifft, “Hitler” und “Auschwitz” noch einmal ins Spiel. Wenn Hitler aus dem Grabe auferstehen könnte, würde er vermutlich sagen: Meine Hauptthese, die These von der “jüdischen Weltherrschaft”, hat sich inmitten von allem Antifaschismus als richtig erwiesen, denn die “Ostküste” der Vereinigten Staaten und Israel sind heute die wichtigsten und einflussreichsten politischen, intellektuellen und ökonomischen, ja militärischen Mächte der Welt. Aber man müsste ihm antworten: Die amerikanischen Juden und auch die Israelis haben nicht mehr viel Ähnlichkeit mit ihren Vorfahren in Polen, von denen Simon Dubnow erzählte. Sie waren nicht die Urheber der Moderne, sondern sie wurden durch die Modernisierung ebenso verändert wie die anderen Amerikaner, die Deutschen und die Russen. Richtig ist allerdings, dass sie sich immer noch von anderen Gruppen wesentlich unterscheiden, aber hauptsächlich durch ein ungewöhnliches Ausmaß an Begabungen der mannigfaltigsten Art, sodass sie allerdings die stärkste aller Verkörperungen einer nicht bloß ökonomischen Inegalität sind, die überall abzubauen sie so viel getan haben. Und eben dadurch wird ein anderes, ein weniger philosophisches Urteil über Auschwitz möglich: Nie zuvor in der menschlichen Geschichte wurde eine solche Fülle von Begabung, Tüchtigkeit und Energie der Menschheit entrissen; dies ist niemals wieder gutzumachen.

   Es ist aber auch vorstellbar, dass Lenin sich aus dem Grab erhöbe und sagte: Ihr täuscht euch, wenn ihr meint, ihr seiet mit eurer “westlichen Demokratie” am stabilen Endpunkt der Geschichte, in der “Nachgeschichte”, angekommen. Ihr verdankt euren Massenwohlstand der Ausbeutung der Milliardenmassen der “Dritten Welt”, die ihr zwar auf mannigfaltige Weise zu beschwichtigen versucht, die euch aber in immer größerer Zahl einkreisen, sodass ihr schließlich kapitulieren und euch dem Gebot der Mehrheit der Weltbevölkerung unterwerfen müsst, die eine Wirtschaft der Planung und der Bedürfnisbefriedigung an die Stelle eures raubgierigen Kapitalismus und fessellosen Individualismus setzen wird.

  Ich will nicht artikulieren, was Hitler ihm vielleicht aus dem Grab antworten würde, denn wenn er Gehör fände, würde die Zukunft noch düsterer sein, als wenn Lenin recht hätte. Dem Historiker bleibt nur zu sagen: Wir können gerade über Bolschewismus und Nationalsozialismus keine definitiven Schlussurteile fällen, solange uns die Zukunft verborgen ist, aber wir dürfen hoffen und müssen das unsere dazu tun, dass diese Zukunft weniger unheilvoll sein wird, als sie sein könnte, und wir sollten uns durch die prachtvollen Projekte des wissenschaftlichen Zukunftsoptimismus ebenso wenig über die Undurchsichtigkeit der Zukunft hinwegtrösten lassen wie durch die gut gemeinte deutsche “Vergangenheitsbewältigung” über die Komplexität und die Paradoxien der Vergangenheit.

{1}  A. Paquet: Im kommunistischen Russland. Briefe aus Moskau. Jena 1919, S. 15,25.

{2} Ebd., S. 201 f.

{3}  Zitiert nach K.-U. Merz: Das Schreckbild. Deutschland und der Bolschewismus 1917 bis 1921. Berlin/Frankfurt 1995, S. 329.

{4}  Untertitel: Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert. Berlin 1998

{5}  E. Nolte: Deutschland und der Kalte Krieg. 2.Aufl., Stuttgart 1985, S. 545

{6}  A. Hitler: Mein Kampf. 73. Aufl., München 1933, S. 44 f.

{7}  Ebd., S. 69 f.; M. Domarus (Hrsg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945. Bd. 2, München 1963, S. 1058

{8}  E. Jäckel/A. Kuhn (Hrsg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. Stuttgart 1980, S. 487.

{9}  Bundesarchiv Berlin (BAB), NS 19/1452

{10} A. Hillgruber (Hrsg.): Staatsmänner und Diplomaten bei Hitler. Bd. 2, Frankfurt 1967,
S. 256 f.

{11} Jäckel/Kuhn (Hrsg.): Hitler ... (Anm. 8), S. 1025.

{12} H. Frank: Im Angesicht des Galgens. München 1953, S. 129 f.

{13} J. Ackermann: Heinrich Himmler als Ideologe. Göttingen 1970, S. 30.

{14} Kurier für Niederbayern. Landshut, 20.7.1926.

{15} IMG, Bd. XXIX, S. 146.

{16} Ebd., S. 151 f.

{17} Ebd., Bd. XXXVII, S. 517, 522.

{18} Goebbels Tagebücher I, 1, S. 26 f., 188. Zitiert nach H.H. Wilhelm: Rassenpolitik und Kriegführung. Passau 1991, S. 61 ff.

{19} Ebd., S. 61 ff., 73 f., 82, 85, 89 f.

{20} Ebd., S. 92, 99 f.

{21} Goebbels Tagebücher II, 6, S. 167.

{22} E. Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. 5. Aufl., München 1997 (zuerst 1987),
S. 483.

{23} R. Hess: Briefe 1908-1933. München 1987, S. 376 f.

{24} So der antisemitische Abgeordnete Liebermann zu Sonnenberg in Umsturz und Sozialdemo- kratie, 1893, S. 191.

{25} S. Dubnow: Mein Leben. Berlin 1937, S. 15.

{26} Ebd., S. 211, 224.

{27} K. Schlögel: Russen und Deutsche... (Anm. 4), S. 229.

{28} S. Margolina: Das Ende der Lügen. Russland und die Juden im 20. Jahrhundert. Berlin 1992, S. 45, 66.

{29} D. Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. München  1996, S. 318.

{30} S. Kapitel IX, S. 2.

{31} G. Steiner in: Cohen/Gelber/Wardi (Hrsg.): Comprehending the Holocaust. Frankfurt 1988,
S. 54.

{32} Köln 1994. Vgl. den Bericht des Deutschen Konsulats in Czernowitz vom 4. Mai 1933 “Bei dem blinden Hass der hiesigen Juden, der aus den trüben Quellen ihrer Presse genährt wird und der jede andere Information von vornherein und ohne jede Nachprüfung ablehnt, kann eine Propaganda- rede von Dr. Adler, so gut sie an sich gemeint ist, zur Zeit nur schaden.” (Polit. Archiv des Auswärtigen Amtes, R 98444).

{33} Denkschrift Himmlers über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten (Mai 1940). In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 5, 1957, S. 194-198, S. 197; M. Broszat: Hitler und die Genesis der ‘Endlösung’. Aus Anlass der Thesen von David Irving. In: Ebd., Jg. 25 (1977),
S. 739-775, S. 751.

{34} Vgl.: Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, S. 294. Vgl. aber auch die Eintragung und den Kommentar auf S. 353, aus denen hervorzugehen scheint, dass die Deportation der Juden in die Eismeerlager im Februar 1942 zwischen Himmler und Heydrich noch ernsthaft im Gespräch war, so dass die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar nicht die Bedeutung eines endgültigen Vernichtungsentschlusses (besser: dessen Mitteilung an die obersten Reichsbehörden) hätte haben können. Siehe andererseits Christian Gerlach über die Wannsee-Konferenz in “Werkstatt Geschichte”, 6 (1997), H. 18.

{35} H. Groscurth: Tagebücher eines Abwehroffiziers 1938-1940. Stuttgart 1970, S. 537.

{36} E. Kogon u.a. (Hrsg.): Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Frankfurt/M. 1983, S. 297.

{37} G. Sinowjew: Die Weltrevolution und die III. Kommunistische Internationale, 1920; Ders.: Zwölf Tage in Deutschland. Hamburg 1921, S. 62, 82.

{38} G. Aly: “Endlösung” Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Frankfurt 1995, S. 39.

{39} M. Broszat: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß. München 1963 (dtv), S. 139.

{40} A. Solschenizyn: Der Archipel Gulag. Bd. 3. Reinbek 1990 (zuerst 1978, Orig. 1974), S. 29.

{41} A. Kaminski: Konzentrationslager 1896 bis heute. Eine Analyse. Stuttgart 1982, S. 21, 78, 88 f., 91, 94, 123.

{42} Vgl. Hitler 1930: “Wenn die Staatsautorität fällt, ist das deutsche Bürgertum verloren, ist [...] der Marxismus der Herr im Staat.” Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. III, 3 (Januar-September 1930), München 1995, S. 107.

{43} Lenin: Ausgewählte Werke. Bd. 2. Berlin 1955, S. 795 ff.

{44} Das Bild ist auf dem Umschlag des Buches von Michael Ley: Genozid und Heilserwartung, Wien 1993, zu finden. Vgl. auch Hitlers Rede auf dem Platterhof im Sommer 1944, wo er den “jüdischen Rassekern” in Deutschland als denjenigen mit der “größten kommerziellen Begabung” bezeichnet, der ohne sein (Hitlers) Eingreifen immer weiter zum Vorrang gelangt sein würde. Zum Faktum, dass “der Jude” keineswegs als “minderwertig” eingeschätzt wurde, vgl. auch die Äußerung von Hans Frank: “Es ist sein Spiel, seine Kraft, seine Energie” (W. Präg/W. Jacobmeyer [Hrsg.]: Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939-1945. Stuttgart 1975, S. 810).

{45} Hierzu vgl. Kapitel III.

{46} Zu Krupskajas Bibliothekssäuberungen vgl. A. Besançon: Les origines intellectuelles du léninisme. Paris 1977, S. 340.

{47} Zur DDR vgl. E. Nolte: Die Deutschen und ihre Vergangenheiten. Berlin 1995, bes. S.180.

{48} Wenn in Deutschland die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in “sensiblen” Bereichen nicht so eingeschränkt wäre, würde längst die Frage gestellt worden sein, ob nicht das osteuropäische Judentum die stärkste Kraft in den kommunistischen Parteien gewesen sei, bis es zu einem großen Teil in die Mühlen der “großen Säuberung” und in die Verfolgungen während der letzten Lebensjahre Stalins geriet, so dass es sich dann definitiv seiner “eigenen Sache” zuwandte, nämlich dem Zionismus.

{49} Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender 1936, S. 438.

{50} A. Kriegel/S. Courtois: Eugen Fried. Le grand secret du PCF. Paris 1997, S. 370. Vgl. dazu (neben Sartre) auch den Bericht des SS-Sturmbannführers Hagen über eine Unterredung mit einem Beauftragten der Vichy-Regierung am 18.6.1943: “Schließlich kam die Rede auf die Judenfrage. BdS wies darauf hin, dass es keinen Sabotageakt in der letzten Zeit gebe, bei dem nicht irgendein Jude beteiligt sei. Und trotzdem habe man noch immer nicht die einzig mögliche Konsequenz, nämlich eine radikale Lösung der Judenprobleme, in Frankreich gezogen. Es gebe immer wieder Einwände bei der Durchführung dieses Problems.” (A. Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod. Das Buch vom Widerstand der Juden 1933-1945. Köln 1994, S. 509).

{51} H. Langbein: Menschen in Auschwitz. Wien/München 1995 (zuerst 1972), S. 359. Vgl. auch den Keitel-Erlass vom 16.9.1941 über den Ausbruch kommunistischer Aufstandsbewegungen in ganz Europa.

{52} E.E. Dwinger: Und Gott schweigt?. Jena 1936, S. 150.

{53} M. Domarus: Hitler... (Anm. 7), Bd. 1, S. 71 ff.

{54} H. Heiber (Hrsg.): ‘Reichsführer!’ Briefe an und von Himmler. München (dtv) 1970 (zuerst Stuttgart 1968), S. 247-253.

{55} Th. Mann: Tagebücher 1944-1946. (Eintragung v. 17.7.1944), Frankfurt/M. 1986, S. 77 f. Man sollte sich dabei an eine andere Tagebuchnotiz von Thomas Mann erinnern, die 25 Jahre früher niedergeschrieben wurde und eine Empfindung zu Wort brachte, welche für ihn nur eine temporäre Anwandlung bedeutete, während sie bei Hitler ein durchgehender Grundzug blieb: “Wir sprachen auch von dem Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstoffhaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei. Eine Welt, die noch Selbsterhaltungsinstinkt besitzt, muss mit aller aufbietbaren Energie und standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag vorgehen.” (zitiert nach E. Nolte, Der europäische Bürgerkrieg... [Anm. 22, S. 108]. Ein anschauliches Beispiel historischen “Verstehens” inmitten einer übermächtigen Hervorhebung moralischer Selbstverständlichkeiten bildet ein Urteil von Hans-Heinrich Wilhelm im zweiten Teil des Standardwerks Die Truppe des Weltanschauungskrieges (Stuttgart 1981), S. 490: “Ob Hitler und seine nächsten Berater sich (1940/41) wirklich vor der Weltrevolution gefürchtet haben, ist eher fraglich. Aber nicht nur sie trauten seit der Oktoberrevolution, der Kulakenverfolgung, den Säuberungen von 1937/38 und den Erfahrungen auf inner- und außerdeutschen Bürgerkriegsschau- plätzen den Bolschewisten fast jede Grausamkeit zu. Den besten Schutz gegen bolschewistische Grausamkeiten hatten die Nationalsozialisten jedoch stets darin gesehen, dass sie selbst früher und, wenn möglich, noch härter als ihre Gegner zuschlugen. Dass sie es auch bei dem, nach ihrer Meinung, voraussichtlich ‘letzten Gefecht’ mit der ‘Internationale’ wieder mit diesem Rezept versuchen würden, war zu erwarten.”