Ernst Nolte

Dr. phil., em. Professor für Neuere Geschichte

Der „Fall Hohmann“ im Kontext.
(Berlin, 31.08.2004)

     Wenn von dem „Fall Hohmann im Kontext“ gesprochen werden soll, so kann „Kontext“ auf unterschiedliche Weise verstanden werden. Einmal kann man möglichst viele und charakteristische Artikel, Stellungnahmen, Äußerungen, Beschlüsse sowie Urteile von (Partei-)Gerichten zusammenstellen und unter bestimmten Gesichtspunkten anordnen. Dann würde sich ein ziemlich breites Spektrum ergeben, das von journalistischen Schimpf- reden im Rahmen einer auf falsche Behauptungen gestützten Kampagne – „der antisemitische Hetzer Hohmann“ – über erwägenswerte Überlegungen angesehener Kenner zu Sachfragen – ist es überhaupt zulässig, von einem „jüdischen Volk“ zu reden, gibt es in der Geschichte dieses Volkes oder dieser Religion „dunkle Flecken“, und dürfen sie gegebenenfalls erwähnt werden? – bis hin zu den Verteidigern Hohmanns, die ihn allerdings kaum je in der Sache unterstützen, sondern vornehmlich an der Art und Weise Anstoß nehmen, wie seine Partei mit dem Abgeordneten umgegangen ist. Man könnte dies den „horizontalen Kontext“ nennen – er ist in den Publikationen von Fritz Schenk und Bernhard Bellinger umrissen – und wenn darin auch gewiss nicht ein Kapitel der deutschen Geistesgeschichte zu sehen ist, so dürfte doch vermutlich von einer Kartierung der deutschen Befindlichkeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Rede sein. Hier findet auch der „Fall Günzel“ seinen Platz, der ja eher ein „Fall Struck“ ist.

     Der andere Kontext bezieht sich vornehmlich auf die Sache, nämlich auf den Gehalt der von Hohmann gestellten Frage: Ist die Ungleichbehandlung, die nach seiner Auffassung, den Deutschen in Deutschland widerfährt, durch die deutsche Geschichte und speziell durch „Auschwitz“ gerechtfertigt, sodass die Deutschen aus zwingenden Gründen als „Tätervolk“ bezeichnet werden müssten? Hohmann antwortet auf diese Frage mit Nein, und zwar durch das Argument, dass die Schuldzuschreibung, welche die Deutschen als Volk trifft, sich auch auf das jüdische Volk wegen dessen starker Beteiligung an der Russischen Revolution erstrecken müsste; in Wahrheit treffe der Vorwurf aber auf keins der beiden Völker zu, sondern die handelnden Subjekte, die Täter, der blutigen Revolutionen des 20. Jahrhunderts seien „die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien“ gewesen. Hier handelt es sich um den gleichsam vertikalen Kontext, der als solcher nirgendwo aufzufinden ist, sondern erst erarbeitet werden muss, und zwar auf möglichst wissenschaftsgerechte Weise. Alle Polemiken gehen, wenngleich häufig in sehr grobschlächtiger Manier, von einer Vorstellung dieses vertikalen Kontextes aus und kritisieren von dort her Hohmanns Auffassung.

     Hohmann stützt sich bekanntlich auf die Untersuchung von Johannes Rogalla von Bieberstein über die historische Herkunft und den möglichen rationalen Kern des Begriffs “jüdischer Bolschewismus“ (Anführungszeichen!), die kenntnisreiche Abhandlung eines ausgewiesenen Erforschers von Verschwörungstheorien, welche die polemische Kennzeich- nung als „unausgegorenes Machwerk“ keinesfalls verdient hat. Hohmann selbst ist allerdings ein gravierendes Versehen unterlaufen, als er ausgerechnet ein Zitat von Henry Ford an den Anfang seiner Überlegungen stellte, also eines Mannes, der überall als „Antisemit“ bekannt ist, und es war nur ein schwacher Ausgleich, dass er dessen Thesen über „den internationalen Juden“ durch das Adjektiv „angeblich“ zugleich in Zweifel zog.

     Wenn ich den Versuch mache, diesen „vertikalen“ Kontext ohne die spezielle Zielsetzung des Abgeordneten Hohmann, nämlich für die Deutschen der Gegenwart „Gleichbehandlung“ einzufordern, auf differenzierende, mithin notwendigerweise etwas umständliche Art zu thematisieren, sind zunächst zwei Vorbemerkungen erforderlich.

     Dass die Frage nach der Beteiligung sozialer oder nationaler Gruppen an bestimmten politischen Ereignissen wissenschaftlich legitim ist, bedarf keines Beweises: Niemand nimmt Anstoß daran, wenn Wahlforscher etwa nachweisen, dass die Mittelschichten oder die Bewohner Ostpreußens oder bestimmte Arbeiterbezirke wie Chemnitz-Zwickau zwischen 1930 und 1933 einen proportional besonders hohen Anteil an den für die NSDAP abgegebenen Stimmen hatten.

     Aber sobald ein so allgemeiner und fundamentaler Tatbestand wie „Revolution“ ins Spiel kommt, lassen sich prononcierte Werturteile nicht vermeiden, selbst wenn sie nicht in den Vordergrund gestellt werden. Insbesondere angesichts der Französischen Revolution scheiden sich die Geister seit 200 Jahren. In den verschiedensten Epochen wurden diejenigen „konservativ“ genannt, welche die Französische Revolution ablehnten, vornehmlich wegen der großen Menschenverluste durch die Terrorherrschaft der Jakobiner und die Kriege Napoleons I. Revolutionsfreunde oder Revolutionsnostalgiker waren alle diejenigen, welche wie Lenin in den Revolutionen die „Lokomotiven der Geschichte“, d.h. unentbehrliche Faktoren des Fortschritts auf dem Wege zu mehr Gleichheit bzw. Freiheit sahen; die von den Konservativen beklagten Opfer waren in dieser Perspektive geradezu „Schuldige“ zu nennen, weil sie sich dem Fortschritt in den Weg gestellt hatten. Die liberale Interpretation bejahte die Revolution, soweit sie fortschrittlich war, d.h. den Raum der individuellen Freiheit erweiterte, aber sie verwarf die terroristische Phase mit Nachdruck. Sehr bald nach der bolschewistischen Revolution in Rußland bildete sich zumal in Frankreich eine Schule von Historikern, die in der russischen Umwälzung eine Parallele zur Französischen Revolution oder deren Weiterführung erblickten, und sie behielt die intellektuelle Vorherrschaft bis zum Aufkommen der „neuen Philosophen“ und bis zu dem Werk von Francois Furet. Sofern sie die Frage nach der unterschiedlichen Beteiligung einzelner Gruppen, etwa der Letten, Georgier und Juden nicht aussparte, musste sie diese Beteiligung sehr positiv einschätzen und den Opfern, die nun freilich nach Millionen zählten, Unrecht geben. Dass alle Konservativen sich in der Verdammung einig waren, versteht sich von selbst, und erst heute tritt eine Deutung hervor, die in der bolschewistischen Revolution ein Verhängnis sieht, weil diese den Weg zur Ausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft nach dem Vorbild des Westens verhindert habe. Bezüglich der Juden, d.h. der Aktivisten jüdischer Abstammung, kann diese Interpretation weder ein eindeutig positives noch ein eindeutig negatives Urteil fällen, und eine weitere Komplizierung tritt dadurch ein, dass in der Sowjetunion der Kampf gegen den „Trotzkismus“ schon seit der Mitte der zwanziger Jahre unverkennbar auch gegen die „jüdischen Intellektuellen“ als wurzellose Kosmopoliten gerichtet war und dass die Zionisten durchweg kaum weniger scharf bekämpft wurden als die jüdische Orthodoxie. Martin Hohmann gibt in seinem Vortrag schon durch einige sehr negative Sätze über die Französische Revolution zu erkennen, dass er zu den Konservativen und Revolutionsgegnern zu zählen ist.

     Die zweite Vorbemerkung bezieht sich auf den Nationalsozialismus. In diesem Punkte gibt es in Deutschland und der Welt so gut wie keine unterschiedlichen Interpretationen – das Verdammungsurteil ist allgemein, und Martin Hohmann macht es sich auf prononcierte Weise zu Eigen, denn er spricht von den „verheerenden und einzigartigen Untaten“, die auf Hitlers Geheiß begangen wurden. Und es dürfte heute in der Tat niemanden mehr geben, der Hitlers Behauptungen im Wortsinn ernst nimmt: Die Juden seien „die Drahtzieher der Geschicke der Menschheit“ oder es seien „entmenschte jüdische Mordbanditen“ gewesen, welche die schlimmsten Greueltaten der russischen Revolution begangen hätten. Solche Aussagen wird man vielmehr mit denjenigen zusammenstellen, in denen Hitler seine zutiefst antimoderne Einstellung noch klarer zu erkennen gibt, etwa: Die Neger seien „geborene Halbaffen“.

     Aber sogar hier stößt man auf objektive Schwierigkeiten. War die nationalsozialistische Machtergreifung als solche ein antirevolutionärer Vorgang, oder handelte es sich um eine Revolution von eigentümlicher Art? Sie war offensichtlich gegen die Russische Revolution gerichtet und verwarf auch die Französische, aber wies sie nicht alle formalen Hauptmerkmale einer Revolution auf, und stellte sie nicht in Deutschland bedeutend mehr an Gleichheit, wenn auch nicht an Freiheit her? Hohmanns Position ist ganz eindeutig: Für ihn ist der Nationalsozialismus ebenso wie der Bolschewismus eine Revolution, eine antichristliche Revolution der Gottlosigkeit. Er kann also unmöglich ein „Antisemit“ im nationalsozialistischen Sinne dieses spät geborenen und paradoxen Wortes sein.

     Um die von Hohmann gestellten Fragen aufzugreifen und weiterzuführen, genügt es nicht, Behauptungen aufzustellen oder Feststellungen zu treffen wie etwa die folgenden: die Juden waren 1917 in Rußland nicht Glieder eines Volkes, sondern Religionszugehörige; ihr Engagement für die bolschewistische Revolution hatte sehr verständliche Gründe, nämlich ihre Diskriminierung unter dem Zarismus; die jüdischen Bolschewiki sahen sie nicht als Juden, sondern als Sozialisten und Revolutionäre; jede Form des Antisemitismus ist ohne nähere Untersuchung zu bekämpfen und zumal dann, wenn die Absicht leitend ist, die „Schuld des deutschen Volkes“ zu relativieren; es ist ein „Ammenmärchen“, wenn behauptet wird, die frühe Nazi-Agitation habe sich an den Schreckensmeldungen über den sowjetischen „Klassenmord“ entzündet, oder auch, auf der entgegengesetzten Seite, die Bewohner der deutschen „Canossa-Republik“ seien Opfer des „Volksverdummungsspiels der etablierten Kräfte“.

     Wenn wissenschaftliche Motive vorherrschend sein sollen, wird man sich zunächst der Mühe nicht entschlagen dürfen, die Berichte und Urteile der Zeitgenossen zur Kenntnis zu nehmen, aus denen sich ja erst allmählich durch Zuspitzungen oder Fortlassungen dasjenige herauskristallisiert hat, was Menschen der Gegenwart „Mythen“, „Legenden“, „Lügen“ nennen, was manchmal aber auch zu den „tabuisierten“ oder „verdrängten“ Einsichten gerechnet wird. Dass es hierbei in einem Vortrag nicht im entferntesten um die Zeichnung eines umfassenden Bildes gehen kann, ist selbstverständlich; es können lediglich bedeutende oder besonders aufschlussreiche Stimmen ausgewählt werden.

     Im August 1918 richtete der General Alexejew, der frühere Stellvertreter des Oberbefehlshabers Kornilow, vom Aufmarschraum der „weißen“ Armeen aus ein Ultimatum an die Regierung in Moskau: Wenn die Bolschewiki nicht aufhörten, die Moskauer Bürger zu verhaften und umzubringen, werde von den Juden in Rußland unter 60 Jahren keiner am Leben bleiben. Der russische Antibolschewismus war älter als der deutsche, und er nahm mit völliger Selbstverständlichkeit eine weitgehende Identifizierung von Bolschewiki und Juden vor. Diese Vernichtungsdrohung stützte sich aber auf eine frühere Vernichtungsdrohung, nämlich diejenige, welche von den Bolschewiki gegen „die Bourgeoisie“ und auch gegen „das Kleinbürgertum“ gerichtet wurde. An der Existenz und dem Ernst dieser Drohung konnte es keinen Zweifel geben, und man durfte sie im Marxismus, ja im Frühsozialismus begründet sehen, in welchem der sich herausbildende Antikapitalismus allerdings noch aufs engste mit dem sehr viel sichtbareren „Antisemitismus“ verknüpft war.

     Aber Marx hatte nur gelegentlich und in Andeutungen eine blutige Vernichtung der „Bourgeosie“ verlangt, und die marxistische Revolution sollte gerade nicht in Rußland stattfinden, wo es eine Überzahl von meist analphabetischen Bauern und leicht unterscheidbare „Fremdvölker“ wie die Juden und Letten gab, sondern im „fortgeschrittenen Westen“, wo die Geschichte selbst die Bauern zu einer kleinen Minderheit und die „Kapitalmagnaten“ zu einer winzigen Klasse gemacht hätten, sodass sie mit leichter Mühe von der „ungeheuren Mehrzahl“ der „Proletarier“, d.h. im Kern der Industriearbeiterschaft, hätten fortgeschoben werden können. In der „unmarxistischen“ Umwelt Rußlands musste diese „zivilisierte“ Vernichtungsvorstellung einen barbarischen, aber auch einen enthusiastischen Charakter gewinnen, da ihr eine spontane, gegen den Krieg gerichtete „Volksrevolution“ vorherging. Ein Symptom der Singularität der Situation bestand darin, dass „Bürger“ und „Juden“ einander entgegengesetzt werden konnten, obwohl doch nicht wenige Juden „Bürger“ waren und Alexejew mit politischen Begriffen nur „Bolschewiki“ und „Antibolschewisten“ einander hätte entgegensetzen dürfen. Aber der Begriff des „Klassenkampfes“, d.h. die Soziologisierung der Politik, war in der Tat ein genuin marxistisches Erbe.

     Um die gleiche Zeit, Ende August 1918, fanden in Petrograd und Moskau zwei antibolschewistische Attentate statt, denen in Petersburg der Tscheka-Chef Moses Uritzki zum Opfer fiel, während in Moskau Lenin schwer verwundet wurde. Beide Täter waren Juden: Leonid Kannegisser schoss auf Uritzki, weil er die Tscheka-Morde rächen wollte, Fannija Kaplan wollte Lenin töten, um die Auflösung der Nationalversammlung zu vergelten. Beide waren Anhänger jener sozialistischen Parteien, gegen deren bevorstehende Machtübernahme sich der Handstreich der Bolschewiki vom 26. Oktober 1917 (alter Zeitrechnung) in erster Linie gerichtet hatte. Die Folge war ein Sturm von spontanen und staatlichen Vergeltungsmaßnahmen, bei denen eine unbekannte, aber jedenfalls in die Tausende gehende Anzahl von „Klassenfeinden“, d.h. von Bürgern und Offizieren, umgebracht wurde. Trotzdem schrieb der große jüdische Historiker Simon Dubnow wenige Tage später in sein Tagebuch: „Es ist gut, dass gerade Juden diese Tat vollbracht haben. So haben sie die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben.“ Dubnow schrieb nicht: „die Juden“, und wie hätte er das tun sollen, da sein ganzes Tagebuch von den schweren innerjüdischen Auseinandersetzungen schon während der Vorkriegszeit Zeugnis gibt, wo „Bundisten“ gegen Orthodoxe, Menschewisten gegen Zionisten, Bolschewiki gegen jüdische „Kadetten“ erbitterte Kämpfe führten. Aber der Begriff der „Schuld“ zwingt sich ihm schon zu diesem frühen Zeitpunkt auf, doch er trifft nicht „die Juden“, sondern eine bestimmte Parteirichtung unter den Juden.

     Lenin nahm diese Unterscheidung höchstens implizit vor, als er schrieb: „Unsere Russen sind zu lässig, und sie ermüden zu rasch beim revolutionären Kampf. Die Juden, andererseits, sind mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Fanatismus exzellente Revolutionäre.“ Bei ihm hat „Revolution“ die uneingeschränkt positive Bedeutung, und deshalb bildet die Aktivität bestimmter Revolutionäre keinesfalls einen „dunklen Fleck“ in der Geschichte des Volkes, dem sie entstammen, selbst wenn diese Tätigkeit Hunderttausende von Opfern nach sich zieht, denn Lenin erklärt es für eine verwerfliche Einstellung seiner Feinde, dass sie die Millionen Opfer eines Weltkriegs für akzeptabler halten als die „paar hunderttausend Tote in einem gerechten Bürgerkrieg“. Den „roten Terror“ auszuüben, ist also in Lenins Augen eine sittliche Pflicht im Interesse der Menschheit, und an diesem Ruhm haben mithin nicht zuletzt die vielen Bolschewiki jüdischer Abstammung teil, die in der Tscheka besonders stark vertreten waren.

     Aber gab es irgendwelche „jüdische“ Motive für dieses ethische Engagement, oder hätten alle jüdischen Aktivisten dieselbe Antwort geben können, die der General Mechlis später Stalin gab, als dieser ihn – halb ernst, halb scherzhaft – wegen seiner jüdischen Abkunft ärgern oder auf die Probe stellen wollte: „Ich bin kein Jude, Genosse Stalin, ich bin ein Kommunist!“? Viele Aussagen jüdischer Bolschewiki und auch deutsch-jüdischer Kommunisten klingen indessen anders, weil nach ihren Erklärungen das bolschewistische Engagement nur eine Erweiterung des jüdischen Engagements für die Befreiung von antisemitischer Diskriminierung im christlichen Klassenstaat war. So schreibt Walter Krivitski, der eigentlich Ginzburg hieß, in seinen Memoiren, die 1940 in Amsterdam erschienen, bevor er als der GPU-Beauftragte für Westeuropa wegen seines Abfalls durch Agenten Stalins ermordet wurde: „Im Alter von 13 Jahren bin ich der Arbeiterbewegung beigetreten..…Ich hörte, wie sich die Klagegesänge meines leidenden Stammes mit den neuen Freiheitsliedern mischten…..Im Jahre 1917…..empfand ich die bolschewistische Revolution als die absolute Lösung aller Fragen: Armut, Ungleichheit, Unrecht…..Das Credo von Marx und Lenin wurde mir zu einer Waffe, um dem Unrecht auf den Leib zu rücken, gegen das ich instinktiv rebelliert hatte.“ Ganz ähnlich äußerte sich später Leopold Trepper, der „große Chef“ der Roten Kapelle, dessen Lebenslauf ein Musterbeispiel für den so häufig vollzogenen Wechsel vom Engagement für den Bolschewismus zum Engagement für den Zionismus wurde.

     Ganz offensichtlich verstanden Männer wie Krivitski und Trepper ihre Zugehörigkeit zu dem Volk der Juden nicht als eine Nebensache, und es wirkt in der Tat sonderbar, wenn Deutsche den Juden den „Volks“charakter abzusprechen versuchen, deren Vorfahren noch längst nicht ein Volk waren, als das „Volk Israel“ schon seit tausend Jahren existierte. Es kamen sogar erstaunliche Rückforderungen vor, wenn ein assimilierter Jude von seiner ganzen Umwelt als Deutscher betrachtet wurde. So schrieb Arnold Zweig, bedeutender Schriftsteller, Kommunist und Zionist, 1922 nach der Ermordung Walther Rathenaus folgendes, wenngleich gewiß in der ersten Erregung: „Er war kein Kerl ersten Ranges……..ein westlicher Jude mit geschwächten jüdischen Impulsen…. Dieser Jude war sehr wenig Jude mehr….Und viel zu schade war er, viel zu schade, sich für diese Nation zerlöchern und zerkrachen zu lassen……Und er war nicht der letzte Jude, der dem Pack die Stirn zeigte. Er hatte den Mut des Juden, einsam zu sterben und der viehischen Gewalt des ewigen Boche nicht zu achten, er starb – in guter Verbundenheit. Ein Jude mittleren Formats. Und viel, viel, viel zu schade für diese Nation“.

     Aber trotz der exorbitanten Schärfe handelte es sich, zwanzig Jahre vor Auschwitz, bei diesem Gedenkartikel Arnold Zweigs nicht um die Anklagerede eines Vertreters des Judentums gegen das „Tätervolk der Deutschen“. Im Schlussabschnitt des Artikels verneigt sich Zweig nämlich so tief und verehrungsvoll vor den „metaphysischen Deutschen“ wie Eckhart, Leibniz und Goethe und vor der „erhabenen Seelenwanderung des ewigen Deutschen“, dass die deutsch-jüdische Symbiose, in der die „deutsche Kultur“ maßgebend war, keineswegs aufgekündigt erscheint.

     In den frühen zwanziger Jahren wurde indessen auch nicht selten die Möglichkeit einer physischen Vernichtung des Judentums erwogen, jedoch immer nur im russischen Zusammenhang, so etwa, wenn Schalom Asch 1922 sagte, das Feuer des Antisemitismus brenne wie nie zuvor und bei dem geringsten Wanken der bolschewistischen Stärke werde das ganze jüdische Volk auf dem russischen Altar geopfert werden.

     Vergleichbare Empfindungen gab es allerdings auch in Deutschland. Noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Münchener Räterepublik schrieb Thomas Mann am 2. Mai 1919 in sein Tagebuch: „Wir sprachen auch von dem Typus des russischen Juden, des Führers der Weltbewegung, dieser sprengstoffhaften Mischung aus jüdischem Intellektual-Radikalismus und slawischer Christus-Schwärmerei. Eine Welt, die noch Selbst- erhaltungsinstinkt besitzt, muss mit aller aufbietbaren Energie und standrechtlichen Kürze gegen diesen Menschenschlag vorgehen.“ Für Thomas Mann waren diese Empfindungen und dieser Gedankengang nur eine flüchtige Anwandlung, aber wenn man sie sich fixiert und zur Grundemotion geworden denkt, ist man nicht mehr bei Thomas Mann, sondern bei Adolf Hitler.

     Und tatsächlich findet sich unter denjenigen Äußerungen Hitlers, die kaum je zitiert werden, schon im Jahr 1926 die Drohung: Wenn einmal alle Hintergründe der Revolution klar geworden seien, werde sie „zur Ursache eines Strafgerichts“ werden, wie die Welt es noch nicht gesehen habe.

     Aber es wird fast immer übersehen, dass die ganze Geschichte des deutschen Kommunismus in der Weimarer Republik die Intonierung eines Gesangs von „Henker, Gruft und Tod“ war und dass sehr konkrete Drohungen mit Wendungen wie „Aufhängen“ und „an die Wand stellen“ im Munde von Kommunisten viel häufiger vorkamen als die Drohung mit dem „Rollen von Köpfen“ im Munde Adolf Hitlers, etwa wenn Karl Radek, der sich selbst schwerlich als „Juden“ bezeichnet haben würde, wie selbstverständlich von dem Zeitpunkt sprach, „wenn die deutsche Revolution die Scheidemänner und die ganze sozialdemokratische Barmat-Clique aufknüpfen wird.“

     Tatsächlich notiert Ernst Troeltsch, linksliberaler Bürger und weit bekannter Religionsphilosoph, 1921 in seinen „Spekatorbriefen“ ziemlich unbewegt, der Bolschewis- mus intendiere die „Ausrottung des Bürgertums“ und setze sie in Rußland bereits erfolgreich ins Werk. Die These, dass Juden daran einen weit überproportionalen Anteil hätten, nimmt er ganz ernst, aber er weist die „antisemitische“ Verallgemeinerung mit Nachdruck zurück: „Der in seinem jüdischen Bewusstsein entwurzelte, radikalisierte, sich auf allgemeine Menschheitsideen stützende und bei alledem von alten messianischen Neigungen erfüllte Jude ist dann freilich der geborene Revolutionsheld“. Aber die daran anknüpfenden Thesen über eine „jüdische Weltverschwörung“ zum Zweck der Erringung einer jüdischen Weltherrschaft seien Märchen für politische Kinder „wie die Deutschen“.

     Jakob Wassermann wiederum, angesehener Romanautor, schreckt in seinem Buch von 1922 „Mein Weg als Deutscher und als Jude“ vor einer weitgehenden Verallgemeinerung nicht zurück, wenn er schreibt: „Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, waren Juden, sind Juden die Führer. Juden sind die Jakobiner der Epoche“.

     Ich schließe den Überblick über Auffassungen der Zeitgenossen mit einigen Sätzen aus der Gedenkrede für Rosa Luxemburg ab, die Arnold Zweig in der ersten Nummer der „Weltbühne“ von 1919 publizierte – in meinen Augen das Musterbild einer empathischen, aber nicht unkritisch glorifizierenden Charakterisierung, die zugleich eine klare Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und Bolschewismus sowie zwischen Juden und Deutschen enthält: „Sie war, sie ist die jüdische Revolutionäre des Ostens, die bis in jede Fiber antimilitaristische, der Gewalt feindliche, schließlich selbst der Gewalt verfallene, ein Leben lang kämpfende Trägerin der Idee. Jüdinnen dieser Art, geweiht in ihrer Besessenheit und ganz rein in ihrem Wollen, haben den Zarismus gestürzt…..Frauen und darum weniger von Hemmungen gehalten, Jüdinnen und darum der gerechteren Gestaltung dieses Daseins verschrieben, rastlos und von Ungeduld geschüttelt, ohne Wissen von den besonderen Wegen und Zielen des russischen oder deutschen Volksgeistes, haben sie den Ideen der Revolution gelebt, und ihnen sind sie gestorben.“ Arnold Zweig würde sicherlich nur mit dem Kopf geschüttelt haben, wenn jemand behauptet hätte, Rosa Luxemburg und ihre gleich gesinnten Schwestern seien nicht Jüdinnen, sondern Deutsche oder Russinnen gewesen und ihre „über Wirklichkeit und Opportunität geradeaus ins Unbedingte zielende“ Ideologie habe letzten Endes weiter nichts als die Einführung der Demokratie erstrebt. Die Überlegungen der Zeitgenossen über die Frage des Verhältnisses zwischen Juden und Bolschewismus im Sinne des radikal-pazifistischen Gewaltsozialismus sind ganz eindeutig, so gewiss niemand in Abreden gestellt haben würde, dass der Jude Eugen Schiffer ein angesehener Politiker der Weimarer Zeit und der Jude Paul Nikolaus Cossmann ein Vorkämpfer der äußersten Rechten war.

     Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Situation fundamental verändert, und zu dem Entsetzen über „Auschwitz“ trug nicht zuletzt die Disproportionalität bei, die jeder einzelne Europäer anschaulich vor Augen gehabt hatte: die ungeheure Militär- und Polizeimaschine Deutschlands und seiner Verbündeten auf der einen Seite und die hilf- und wehrlose Gruppe der verfolgten und abtransportierten, dabei in der Presse unablässig bekämpften Juden auf der anderen Seite. Disproportional waren aber auch die weltgeschichtlichen Ereignisse auf den Schlachtfeldern und die tiefe Verborgenheit der Vorgänge in den Vernichtungslagern im Gebiet des früheren Polen. So war es nicht überraschend, dass in den Memoiren der führenden alliierten Staatsmänner „Auschwitz“ kaum auch nur als marginales „Detail“ eine Stelle fand, aber es war ebenso wenig verwunderlich, dass sich zumal in Deutschland nach einem längeren Zeitraum erschrockenen Schweigens oder bloßer Tatsachenfeststellungen eine Deutung durchsetzte und seit den siebziger Jahren eine fast omnipotente Stellung gewann, die in aller Kürze folgendermaßen zusammengefasst werden kann: Der in Deutschland besonders verbreitete Antisemitismus verschaffte sich nach dem Ersten Weltkrieg neue Stützen durch die Benutzung „antibolschewistischer Hetzschriften“ und durch den Hinweis auf die Beteiligung einiger Personen jüdischer Abkunft an den revolutionären Ereignissen in Berlin und München; er fand eine parteimäßige Verkörperung in der NSDAP, deren Führer Adolf Hitler von einem „infernalischen Judenhass“ geprägt war; aus dem „Kulturbruch“ von 1933 und zumal der frühen antijüdischen Gesetzgebung entwickelte sich konsequent der Novemberpogrom von 1938, und seit dem „deutschen Überfall auf Polen“ setzten jene Vernichtungsmaßnahmen ein, die ihren Höhepunkt in den Gaskammern von Auschwitz fanden und die insgesamt die Ermordung von sechs Millionen Juden implizierten.

     Angesichts so ungeheurer und im Kern unbestreitbarer Tatsachen verdrängte sich dasjenige sozusagen selbst in die Vergessenheit, was für die Zeitgenossen so selbstverständlich gewesen war: dass die Ideologie und das Regime des Bolschewismus von großen Teilen des deutschen Volkes als eine geradezu transzendente Hoffnung und von noch größeren Schichten als eine präzedenzlose Bedrohung angesehen worden war und das Juden innerhalb dieses Phänomens eine bedeutende Rolle gespielt hatten. Jede Erinnerung an den einst so zentralen Tatbestand musste sofort den Vorwurf hervorrufen, damit würden lediglich die Gemeinplätze der nationalsozialistischen Propaganda wieder aufgegriffen und einen „rationalen Kern“ könne diese Propaganda keinesfalls gehabt haben.

     Spätestens nach dem Ablauf eines halben Jahrhunderts konnten indessen wissen- schaftliche Grundimpulse gegenüber einer so einfachen und in gewisser Weise wohltuenden Interpretation wieder ins Spiel kommen. Selbst ein Begriff wie „der deutsche Überfall auf Polen“ schloss ja eine grobe Vereinfachung in sich. In Wahrheit handelte es sich um ein gemeinsam geplantes Vorgehen zweier Großmächte gegen eine untereinander aufzuteilende Mittelmacht. Die Geschichtswissenschaft konnte auf die Dauer eine Interpretation nicht widerspruchslos hinnehmen, die den Nationalsozialismus in Analogie zur Entwicklung einer Pflanze vom Samenkorn bis zur Reife nach einem organizistischen Muster auffasste, das für die Bedeutung von Re-aktionen und Zufällen keinen Raum ließ und vor allem den fundamentalen Zusammenhang zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus ins Dunkel rückte. Neuerdings lassen sich auch in der deutschen wissenschaftlichen Literatur einige Ansätze finden, welche die herrschende Auslegung in wichtigen Punkten korrigieren oder ergänzen, so etwa die These von Götz Aly, die unvorhergesehene und erst durch den Stalin-Hitler-Pakt zustande gekommene Notwendigkeit, große Massen von „Volksdeutschen“ nach Deutschland zu holen, sei für die Vertreibung von Polen und Juden mitursächlich gewesen. Aber im großen und ganzen sind bei deutschen Autoren gewisse wissenschaftliche und sogar menschliche Impulse nur schwach ausgebildet, nämlich gegenüber einer vorherrschenden Interpretationstendenz Zweifel vorzubringen, die Einbeziehung wenig beachteter Tatsachen zu verlangen und die Einflüsse politischer, ja möglicherweise sogar gesamtgesellschaftlicher Interessen kritisch zu kennzeichnen.

     Es waren unter den Autoren der Gegenwart vornehmlich Juden, die daran erinnerten, dass es in der Zwischenkriegszeit tatsächlich eine „jüdische Frage“ gab, dass Juden bei dem fehlgeschlagenen Versuch, Europa zu revolutionieren, eine führende Rolle gespielt hätten und dass das Schlagwort vom „jüdischen Bolschewismus“ glaubhaft gewesen sei, weil es sich auf Tatsachen gestützt habe – Walter Laqueur, Werner E. Mosse, Robert Weltsch und andere.

     Einige wagen es sogar, den äußeren und inneren Zusammenhang zwischen den bolschewistischen und den nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen, zwischen „Gulag“ und „Auschwitz“, zu thematisieren, so Richard Pipes, der im dritten Band seiner Geschichte der Russischen Revolution die nicht näher erläuterte Aussage macht, der Holocaust an den Juden habe sich als eine der vielen unvorhergesehen und unbeabsichtigten Folgen der russischen Revolution erwiesen. Niemand aber drang so weit zur Entwicklung abweichender Interpretationen vor wie Sonja Margolina, die sich in der Widmung ihres 1992 erschienen Büchleins „Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im Zwanzigsten Jahrhundert“ stolz die Tochter eines Vaters nennt, „der Kommunist und Jude war“. In der Tat muss man die Feststellung treffen, die für den Zustand der wissenschaftlichen Zeitgeschichte in Deutschland symptomatisch ist, dass nur eine Jüdin die folgenden und unbestreitbaren Beobachtungen zu Wort brachte: „Die jüdischen Bankiers, die in den dreißiger Jahren auf Knien, unter dem Spott und den Beleidigungen des Mobs die Straßen von Wien putzten, waren vielleicht die Opfer einer grausamen Karnivalisierung des bolschewistischen Klassenterrors, den die Nazis als Wiederher- stellung der Gerechtigkeit meinten.“ Ein Teil eben dieses Klassenterrors waren nach Margolina die Aktionen der „Jewsekzia“, d.h. der jüdischen und für Juden besonders zuständigen Abteilung der bolschewistischen Partei, die 1920 begannen. Diese Kampagne gegen das kaum noch existierende Bürgertum und gegen die Rabbiner „trug Züge eines schamlosen Karnevals, wie er überall im Lande im gang war, wenn auch nicht so grausam und gemein wie die Jagd, die auf orthodoxe Priester oder russische Adlige gemacht wurde.“

     Da Beobachtungen wie diese und die daran anschließenden Überlegungen so überaus selten zu finden sind, werde ich jetzt einige Fragen formulieren, die überall für „apologetisch“ erklärt werden dürften, obwohl sie nur Ausformungen wissenschaftlicher Desiderate sind.

     Ist „Relativierung“ etwas Verwerfliches, da doch das In-Beziehung-Setzen, die Relationierung, eins der obersten Gebote der Geschichtswissenschaft ist? Dadurch wird nicht eine (unmögliche) „Gleichsetzung“ von unterschiedlichen Phänomenen vorgenommen, sondern das Verschiedene wird nach Graden der Ähnlichkeit differenziert. Eine unzu- lässige „Relativierung“ kann allenfalls im Bereich der obersten und allgemeinsten moralischen Maximen vorgenommen werden, etwa gegenüber der Vorschrift, dass Un- schuldige und Wehrlose nicht getötet werden dürfen. Der „Absolutismus“ im geschicht- lichen Bereich, wo Erkenntnisse nie infallibel und endgültig sind, ist in seinem über- menschlichen Anspruch zurückzuweisen.

     Bedeutet es eine „Verharmlosung“, wenn Tatbestände im Raum von Bolschewismus und Nationalsozialismus miteinander verglichen werden? Ist ein Regime „harmlos“ zu nennen, das der Frau des längst verstorbenen Popen die Lebensmittelkarten verweigerte, sodass sie betteln oder Hungers sterben musste? Wäre die Richtung nicht eher umzukehren?

     Ist der vielberedete „Kulturbruch“ in Europa tatsächlich auf 1933 und nicht vielmehr auf 1917 zu datieren?

     Hat das Postulat der Empathie, d.h. der teilnehmenden Beschreibung und Analyse v o r der Fällung eines moralischen oder historischen Schuldspruchs über Personen, im Falle von Nationalsozialisten nicht diejenige Gültigkeit, die es faktisch gerade im Falle der „bolschewistischen Juden“ besitzt? Darf man die Aussage Heinrich Himmlers aus dem Sommer 1940 einfach fortlassen oder mit einer unwilligen Handbewegung als unglaub- würdig abtun, in der er Völkermorde verwirft, da sie „bolschewistisch“ seien?

     Und kann man ständig der Frage ausweichen, ob nicht zur Singularität des Holocaust auch jene andere Singularität gehört, dass bei keinem anderen Massenmord die dirigierenden Massenmörder so sehr von Empfindungen des Hasses und der Erbitterung gegen frühere Massenmörder erfüllt waren? Lässt sich bestreiten, das Hitler Lenin einen „Massenmörder“ nannte, als er selbst noch für lange Zeit von niemanden so bezeichnet werden konnte?

     Hätte irgendein Staat der Welt während eines Krieges einen Aufruf wie den des „Jüdischen Antifaschistischen Komitees“ vom 24. August 1941, der die Juden speziell zur Teilnahme am Partisanenkrieg aufrief, zur Kenntnis genommen, ohne umfassende Vorsichts- und Repressionsmaßnahmen gegen die betreffende Gruppe in Gang zu setzen?

     Frageverbote (die nicht mit Agitationsverboten zu verwechseln sind) dürfen im Gebiet der Wissenschaft grundsätzlich keinen Platz haben, denn sie gehören zu der Welt der Mythen und der Dogmen. Aber gerade deshalb muss ich mir nun selbst die ernste und geradezu beängstigende Frage stellen, ob ich mich nicht im Zuge eines argumentativen Gedankengangs und der Entfaltung legitimer Fragen einem Begriff nähere, den Sonja Margolina tatsächlich verwendet und der dem Sinne nach schon Simon Dubnow antizipiert wurde, nämlich dem Begriff der „Vergeltung“, welcher tatsächlich eine unzulässige Gleichsetzung vornimmt, sofern er die Gleichheit der Ebenen voraussetzt. Aber gerade an diesem Punkte ist eine fundamentale Unterscheidung zu treffen.

     Hitler machte von früh an „die Juden“ zum Ziel seines Angriffs, obwohl gerade aus den Ausführungen von Dubnow und Margolina auf das deutlichste hervorgeht, dass nicht einmal der Begriff „die Ostjuden“ umstands- und einschränkungslos zu bilden ist. Erst recht springt ins Auge, dass die „deutschen Juden“ in ihrer gewaltigen Mehrheit Bürger oder Kleinbürger waren, die dem Bolschewismus gegenüber strikte Distanz an den Tag legten. Lenin und schon der frühe Marxismus hatten die politischen Auseinandersetzungen soziologisiert und ganze Klassen für Feinde erklärt, die in ihrer gesellschaftlichen Position, wenn auch nicht als Gesamtheit der Individuen vernichtet werden sollten. Ganze Völker konnten jedoch nicht Ziele des Angriffs sein, da sie der Definition nach zahlreiche Anhänger oder potenzielle Anhänger des „Sozialismus“ in sich schlossen. Zwar sind auch hier einige Relativierungen oder besser Relationierungen angebracht, aber im ideologischen Prinzip war Hitler der erste und einzige, der den Schritt zur Biologisierung oder Ethnisierung der Politik tat, aufgrund deren ganze Völker schuldig gesprochen werden konnten – einer Ethnisierung, die zugleich eine Metaphysizierung war. Weitaus erhellender als die Beschreibung von Vorgängen in Auschwitz ist der Bericht einer SS-Gruppe in Minsk, in dem es heißt, am gestrigen Tage sei wieder ein Judentransport angelangt und 4000 Juden seien „der Erde übergeben“ worden. Dieser Wendung liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, dass die Juden als solche und diesseits aller Differenzen „Gift“ darstellen, das zum Heil der hierarchisch geordneten Menschheit beseitigt und „entsorgt“ werden müsse. H i e r liegt die Einzigartigkeit der „Judenvernichtung“ und nicht in der Zahl der Opfer, die im Fall der Klassenvernichtungen in kommunistischen Staaten teilweise weitaus größer war, und auch nicht in dem Verfahren, das in der Sowjetunion mit der Verwendung der „Hungerwaffe“ in der Regel viel qualvoller war. In Deutschland jedoch scheint die zentrale Folgerung aus dem Holocaust darin zu bestehen, dass er die „Schuld des deutschen Volkes“ unter Beweis gestellt habe.

     Aber wer ernstlich von der Schuld des deutschen, des jüdischen oder irgendeines anderen Volkes spricht, bewegt sich in der Spur Hitlers, auch wenn er sich den entschiedensten Hitlerfeinden zuzählt, denn er kehrt dessen Werturteile lediglich um. Er verkehrt ebenfalls den positiven Nationalismus Hitlers in einen negativen Nationalismus und verhindert dadurch die Einsicht in die übergreifenden Zusammenhänge des 20. Jahrhunderts. An dessen historischem Anfang stand nämlich nicht der Erste Weltkrieg als „die Urkatastrophe“, denn der Krieg war trotz seiner ungewöhnlichen Dimensionen nichts wirklich Neues in der Geschichte Europas und der Welt, und er hätte in einen dauerhaften Frieden übergeleitet werden können, wenn sich nicht innerhalb der besiegten Großmächte der beiden Seiten, in Rußland und Deutschland, das ganz Neuartige entfaltet hätte, nämlich das bolschewistische Regime der Klassenvernichtung in Rußland und eine ebenso militante Bewegung der Gegenvernichtung in Deutschland, die aber zunächst mit dem nur allzu verständlichen radikalen Aufbegehren gegen „Versailles“ verknüpft war. Beiden welthistorischen Bewegungen und Regimen ist ein hohes Maß an Verstehbarkeit nicht abzusprechen, denn der Bolschewismus war ursprünglich die große „Weltfriedenspartei“, und der Nationalsozialismus war als radikale Widerstandsbewegung gegen die verhängnis- volle Konzeption der parteidirigierten Planwirtschaft nicht ohne historisches Recht, und er hätte vielleicht eine Einigung Europas herbeiführen können, welche die ohnmächtigen Wünschbarkeiten der Gegenwart, nämlich die Gleichrangigkeit mit den USA, verwirklicht hätte. Die zahlreichen Fragen und Probleme, die sich an diese hypothetischen Erwägungen knüpfen lassen, sind hier nicht zu erörtern. Eine gewiss verkürzende Reflexion muss genügen, die aber zu der ursprünglichen Fragestellung zurückführt.

     In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurden die gewohnten Auseinandersetzungen zwischen den „Kulturstaaten“ Europas, von denen die einen infolge des Eingreifens der USA Sieger und die anderen besiegte waren, durch die Entstehung von zwei im Prinzip übernationalen Bewegungen und Regimen überformt und verändert, deren am Ende kriegerischer Konflikt das Grundmuster der Weltgeschichte der ersten Hälfte des Jahrhunderts bildete: des planwirtschaftlichen und universalistischen Bolschewismus auf der einen Seite und des eingeschränkt-marktwirtschaftlichen und partikularistischen, den Nationalismus tendenziell zur Rassenlehre fortbildenden Faschismus auf der anderen. Es waren Angehörige zweier Völker, die sich auf der einen oder auf der anderen Seite besonders stark engagierten, der Juden und der Deutschen. Aber es handelte sich weder um die Juden im ganzen noch um die Deutschen im ganzen, und nicht einmal alle Anhänger waren von denselben Motiven bestimmt. „Schuldig“ kann man außer individuellen und überführten Tätern nur die Ideologien nennen, die jeweils ein in seinen Grenzen berechtigtes Moment des Gesamtsystems zur Totalherrschaft bringen wollten, und man muss zwischen ihnen eine tief greifende Unterscheidung treffen, denn offensichtlich ist dem militanten Universalismus der Bolschewiki unter Einschluss der beteiligten Juden als Vorwegnahme der „Globalisierung“ ein größeres historisches Recht zuzusprechen als dem militanten Partikularismus der Faschismen unter Einschluss der beteiligten Deutschen. Aber die Auseinandersetzung zwischen Universalismus und Partikularismus oder zwischen der „Weltzivilisation“ und den einzelnen Kulturen ist weder faktisch noch ideell an ein definitives Ende gelangt, und eigenartige Verkehrungen und Paradoxien zeichnen sich ab. Für alle Seiten sollte jedoch die Zeit des Begreifenwollens gekommen sein, und die Überwindung der kollektivistischen Schuldzuschreibungen muss einer der ersten Schritte sein.

     Man mag sagen, der Vortrag von Martin Hohmann habe einem solchen Begreifen nicht gedient, sondern er habe gerade einer überscharfen und grob simplifizierenden Kritik den Weg gebahnt. Der Deutsche Bundestag hat die angeblich antisemitische Rede zum Anlass genommen, um nachdrücklich zu verlangen, „jede Form des Antisemitismus“ müsse bekämpft werden. Die Feststellung lässt sich jedoch nicht umgehen, dass es sich um eine verfassungswidrige Forderung handelt, sofern nicht deutlich gemacht wird, dass damit nicht jede Kritik an einzelnen Juden, an jüdischen Gremien und Gruppen sowie an dem jüdischen Staat unterbunden werden soll. Auf die tatsächlich vorgebrachten Sorgen dieses Volksvertreters hätte die politische Antwort lauten müssen: die von Hohmann in den Mittelpunkt gestellte und beklagte „Ungleichbehandlung der Deutschen im gegenwärtigen Deutschland“ gebe es nicht – oder aber: Sie sei berechtigt und notwendig. In der Tat gingen die meisten Reaktionen, soweit sie die Ausgangsbefürchtung Hohmanns überhaupt zur Kenntnis nahmen, in die zweite Richtung, und in einer Demokratie muss es als Verdienst gelten, wenn dem „Souverän“ die eigene Lage möglichst unverhüllt vor Augen gestellt wird, sodass er imstande ist, sich ein Urteil zu bilden und daraus Konsequenzen zu ziehen. Noch wichtiger ist, dass eine durch Verdrängungen und künstliche Isolierungen gekennzeichnete, einseitige und nur im innersten Kern nach einem Verzicht auf den „Absolutismus“ richtige Geschichtsauffassung nicht ohne Kritik und Herausforderung bleiben darf, wenn ihre Verwandlung in einen nicht mehr diskutierbaren und daher antiwissenschaftlichen Mythos verhindert werden soll. In diesem Sinne hat sich Martin Hohmann, wie ich meine, um die freiheitliche Demokratie verdient gemacht, deren einzigartiges Kennzeichen nicht allgemeine Wohlfahrt oder eine Allerweltstoleranz ist, sondern die verfassungsmäßig gesicherte Möglichkeit, dass radikale Kritik auch an der Regierung, am Parlament und an den vorherrschenden Tendenzen der öffentlichen Meinung geübt werden kann. Einer solchen Kritik sollte mit Respekt begegnet werden, wenn sie auf Argumenten und der (vielleicht irrtümlichen) Feststellung von Tatsachen beruht. Dieser Respekt ist Martin Hohmann nicht erwiesen worden. Aber seine Tapferkeit inmitten einer fessellosen Kampagne und seine Weigerung, über das Recht auf Meinungsfreiheit hinaus auf seine Gewissensfreiheit zu verzichten, verdienen Anerkennung, ja Bewunderung.